Algerien verfügt über eine der größten und am besten diversifizierten Volkswirtschaften Afrikas
Mittwoch, Dezember 12th, 2007
Interview mit dem Botschafter der Demokratischen Volksrepublik Algerien, S.E. Hocine Meghar
Nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung und eine Politik der nationalen Aussöhnung ist das Programm von Abdelaziz Bouteflika, des Präsidenten der Demokratischen Volksrepublik Algerien. Seine Pläne, gestützt auf große Öl- und Gasvorräte, die für 75% der Staatseinnahmen verantwortlich sind, erweisen sich als erfolgreich und effektiv. Öl und Gas und die ehrgeizige Modernisierung der gesamten Infrastruktur und des Bildungssystems des Landes haben Algerien in ein Boomland und einen außergewöhnlich attraktiven Ort für ausländische Investoren verwandelt. Darüber sprach R. Schubert für ARAB FORUM mit Algeriens Botschafter in Deutschland, S.E. Hocine Meghar.
ARAB FORUM: Exzellenz, zwei Mal stand Algerien in diesem Jahr im Mittelpunkt zweier großer Wirtschaftskonferenzen: beim 10. Deutsch-Arabischen Wirtschaftsforum im vergangenen Juli und beim Niedersächsischen Außenwirtschafttag während der Hannover Messe. Warum ist Algerien so attraktiv geworden? Was hat Algerien anzubieten?
Meghar: Die algerische Wirtschaft hat sich in den vergangenen fünfzehn Jahren tief greifenden Strukturreformen unterzogen mit hervorragenden Leistungen und Ergebnissen. Heute sind die Grundlagen unserer Wirtschaft besonders attraktiv für ausländische Investoren ebenso wie für einheimische Geschäftsleute. Der Inlandsmarkt bietet großartige Möglichkeiten für Geschäftspartner, die diese Möglichkeiten zu ergreifen wünschen. In der Tat gehören wir dank vieler Faktoren zu den aufstrebenden Volkswirtschaften, vor allem durch das für Ausländer förderliche Investitionsklima und die erfolgreiche Liberalisierung und Privatisierung von mehr als tausend Staatsbetrieben. Darüber hinaus sind die Finanz- und Wirtschaftsindikatoren sehr positiv: die durchschnittliche Wachstumsrate betrug in den letzten fünf Jahren 5%, die Inflationsrate weniger als 3%, die hohen Devisenreserven belaufen sich auf mehr als 80 Mio. US$ und der große Handelsbilanzüberschuss auf etwa 35 Mio. US$ im letzten Fiskaljahr. Alles in allem verfügt Algerien über eine der größten und am besten diversifizierten Volkswirtschaften Afrikas mit einem Bruttosozialprodukt von mehr als 110 Mrd. US$ im Jahre 2006. Alle diese Grundlagen erklären weitgehend den Ansturm der Geschäftstätigkeit in Algerien.
ARAB FORUM: Die oben erwähnten Wirtschaftskonferenzen haben aufgezeigt, dass Algerien umfangreich in die Infrastruktur investiert. Welche dieser Projekte haben die höchste Priorität?
Meghar: Mit Blick darauf, die Wirtschaft zu revitalisieren und aufzurüsten, hat die Regierung ein ehrgeiziges Fünfjahresprogramm aufgelegt, das Investitionen von mehr als 150 Mrd. US$ in die Infrastruktur und in Entwicklungsprojekte aller Bereiche vorsieht. Letztere sind darauf ausgerichtet, bessere Lebensbedingungen für die Bevölkerung zu schaffen und eine neue Grundlage für die weitere und nachhaltige Entwicklung zu legen. Die Projekte umfassen den Bau von Autobahnen (1.200 km), Straßen, einer Million Wohnungen, Staudämmen, ferner die Ausweitung und Modernisierung des Eisenbahnnetzes, der See- und Flughafenkapazitäten, der Wasserversorgung und -verteilungsnetze, Einrichtungen für die Abwasseraufbereitung und Meerwasserentsalzungswerke. Die Projekte erstrecken sich auch auf die Agrarindustrie und die Lebensmittelherstellung, Umweltprojekte, den Kampf gegen Erosion und das Vordringen der Wüste, die Telekommunikation, die Petrochemie, erneuerbare Energien, die Öffnung des Finanz- und Bankensektors, auf kleine und mittlere Unternehmen, Tourismus, Bildung, Berufsausbildung und mehr.
ARAB FORUM: Welche Branchen der europäischen und besonders der deutschen Industrie möchten Sie ermuntern, in Algerien zu investieren?
Meghar: Die deutschen Unternehmer werden mehr und mehr des algerischen Marktes gewahr. Sie haben bereits begonnen, aus diesen bedeutenden Geschäftsmöglichkeiten Vorteile zu ziehen. Wir ermuntern sie dazu. Sie verfügen über gute Kenntnisse unserer Wirtschaft. In den siebziger und achtziger Jahren sind große Fabriken mit Wissen und Technologie aus Deutschland gebaut worden, die von unseren Unternehmern sehr geschätzt werden.
In den letzten Jahren sind viele Unternehmerdelegationen nach Algerien gereist. Deutsche Unternehmen sind sehr aktiv. Wichtige Vertragabschlüsse sind gegenwärtig in vielen Bereichen im Gespräch. Daher wachsen die Handelsbeziehungen kontinuierlich.
ARAB FORUM: Wie hilfreich ist die 2005 gegründete Deutsch-Algerische Industrie- und Handelskammer für Algeriens Wirtschaftsprogramme? (s. S. 16)
Meghar: Die Deutsch-Algerische Industrie- und Handelskammer spielt eine lobenswerte Rolle, um die Partnerschaft unserer Länder und Investitionen voranzubringen. Auch andere Einrichtungen in Deutschland und Algerien tragen zur Ausweitung dieser Beziehungen bei. Es gibt ein Bedürfnis nach vollwertiger Partnerschaft und wir teilen den Willen, sie zu erreichen.
ARAB FORUM: Gehört der Tourismus zu den weiteren Bereichen, die Algerien fördern will?
Meghar: Der Tourismus ist ein anderer, großer Aktivposten für mein Land. Seine Förderung in den kommenden Jahren hat eine neue Dringlichkeit bekommen. Zu diesem Zweck ist eine neue Strategie für das Land konzipiert worden. Der Tourismus wird im großen Maßstab entwickelt. Algerien ist ein großes und vielfältiges Land mit vielen schönen und faszinierenden Landschaften. Bei einer Küstenlinie von fast 1.200 km mit außergewöhnlichen Badeorten und Stränden, mit Bergen mit Wäldern und Schnee im Winter und nahezu einzigartigen Wüsten bietet es Reisenden Freude und Vergnügen.
Mit seinem außergewöhnlichen geschichtlichen und kulturellen Hintergrund, bietet Algerien ausländischen Besuchern ein Land der Schönheit und Vielfalt zu entdecken und zu genießen.
ARAB FORUM: Eines der Hauptthemen des Deutsch-Arabischen Wirtschaftsforums war das ehrgeizige Bildungsprogramm, das Algerien auf den Weg gebracht hat. Aber genügt Bildung allein, gegen die hohe Jugendarbeitslosigkeit anzukämpfen? Gibt es Arbeitsplatzprogramme, die sich an die Jugend richten?
Meghar: Algerien stellt große finanzielle Mittel für Bildung und Berufsausbildung bereit. Bildung ist für alle kostenfrei. Mehr als eine Million Studenten sind an unseren Universitäten und anderen Bildungseinrichtungen eingeschrieben. Vor einiger Zeit ist ein Reformprozess für die Universitäten in Gang gesetzt worden, um Programme und Lehrmethoden zu modernisieren und zu verbessern. Wir unterhalten bereits Kooperationen mit deutschen Institutionen. Wir haben einen großen Bedarf an Berufsausbildung. Darüber finden Gespräche mit Deutschland statt, um uns zu unterstützen.
Die Arbeitslosenrate in Algerien ist in den letzten Jahren bedeutend gesunken. Dieser Rückgang ist das Ergebnis der florierenden Wirtschaft. Nichtsdestoweniger bleibt die Schaffung von Arbeitsplätzen eine dauernde Priorität der Regierung, insbesondere zum Nutzen der Jugend. Viele Mechanismen, um dies zu unterstützen, sind in Gang gesetzt und haben ziemlich gute Ergebnisse erbracht. Das wirkliche Problem liegt bei den wenig oder nicht qualifizierten Jugendlichen und darin, ihnen eine angemessene Ausbildung zu verschaffen.
ARAB FORUM: Algerien ist weltweit der viertgrößte Gas- und der elftgrößte Ölproduzent. In welchen Bereichen investiert Algerien den größten Teil seiner Öl- und Gaseinnahmen?
Meghar: In der Tat verfügt Algerien über große Gasvorräte. Eine florierende petrochemische Industrie hat sich seit der Unabhängigkeit entwickelt. Algerien hat eine Menge in die Gasindustrie investiert; jetzt stellt sie einen großen und verlässlichen Erdgaslieferanten der Europäischen Märkte dar. Seit vielen Jahren mittlerweile verbinden Pipelines Algerien, Spanien und Italien im Rahmen gemeinsamer Wirtschaftsverträge. Diese Beziehungen im Gasbereich werden in den kommenden Jahren ausgeweitet.
Das algerische Unternehmen SONATRACH und die deutsche E.ON-Gruppe haben eine umfangreiche Absichtserklärung im vergangenen Jahr unterzeichnet, um ihre Beziehungen im Flüssiggasbereich zu verstärken. Algerien und die EU sind Partner im Rahmen eines bilateralen Abkommens, das im September letzten Jahres in Kraft getreten ist. Zum Thema Energieversorgung sind Gespräche im Gange.
ARAB FORUM: Vielen Dank, Exzellenz. Möchten Sie noch etwas hinzufügen?
Meghar: Lassen Sie mich zusammenfassend feststellen, dass Algerien zu politischer Stabilität gelangt ist. Die Wirtschaft ist für Investoren sehr attraktiv, wie ihre Grundlagen und Indikatoren verdeutlichen. Deutsche Firmen verfügen über die Leistungsfähigkeit und Erfahrung, aus diesen gewaltigen Möglichkeiten Nutzen zu ziehen. Im Ergebnis empfehle ich ihnen, einen genauen Blick auf den größten Markt der Region und darüber hinaus zu werfen.
Mein Büro in Berlin steht Interessenten gern helfend und unterstützend zur Seite.