Streiflichter vom Deutsch-Arabischen Wirtschaftsforum
Donnerstag, September 13th, 2007
Mit über 800 Teilnehmern verzeichnete das 10. Deutsch-Arabische Wirtschaftsforum eine Rekordbeteiligung. Und die hat einen guten Grund, erleben doch die bilateralen Wirtschaftsbeziehungen einen immensen Aufschwung. 2006 wuchs der Import aus arabischen Ländern um ca. 15 % auf über 12 Mrd. Euro, der deutscheExport dorthin stieg um etwa 16 % auf 22 Mrd. Euro und überragt damit die Ausfuhren in die ASEAN-Länder oder nach Lateinamerika. Flankiert wird der Aufschwung durch rechtliche Maßnahmenmit den arabischen Ländern, die entweder schon getroffen sind oder an denen man noch arbeitet, nämlich Investitionsschutz-und -förderabkommen sowie Doppelbesteuerungsabkommen. Gewürdigt wurden diese positiven Entwicklungen von allen Rednern zum Auftakt des Forums im Haus der deutschen Wirtschaft in Berlin: Dr. Martin Wansleben, Geschäftsführerdes Deutschen Industrie- und Handelskammertages und Hausherr der Veranstaltung, Dr. Thomas Bach, Präsident der gastgebenden Arabisch-Deutschen Vereinigung für Handel und Industrie (Ghorfa), Adel Yousef Sater, Botschafter des Königreichs Bahrain und Doyen des Arabischen Diplomatischen Corps in Deutschland und – vor allem – Bundeswirtschaftsminister Michael Glos, Schirmherr der Veranstaltung.
Mohamed El-Masri an, Vizepräsident der Generalversammlung der Arabischen Industrie- und Handelskammern und Präsident des Bundes der Ägyptischen Handelskammern, zeigte die Zukunft der arabischen Wirtschaft auf: Stärkung des Privatsektors. Deutschland komme eine Schlüsselrolle zu und sei das Tor zu Europa. Im Mittelpunkt des diesjährigen Forums vom 11. bis 13. Juli stand Algerien, dessen fünftgrößter Handelspartner Deutschland ist. Insbesondere die Gasförderung und ehrgeizige Infrastrukturmaßnahmen bieten Anknüpfungspunkte für Investitionen. Für ihr Land hielten Brahim Bendjaber, Präsident der Algerischen Industrie- und Handelskammer, sowie der algerische Minister für Energie und Bergbau, Dr. Chakib Khelil die Eröffnungsvorträge. Acht Workshops und drei Plenarversammlungen füllten die zwei Konferenztage restlos aus und repräsentierten Themenvielfalt und –reichtum, die die arabischen Wirtschaftsbeziehungen bieten: Energie, Infrastruktur, Finanzdienstleistungen, Ausbildung, Wasserprojekte, IT und Telekommunikation, erneuerbare Energien, Privatisierung, Investitionen und Technologietransfer.
Im Partnerland Algerien gibt es einwachsendes Potenzial an Investitionsmöglichkeiten und eigenen Produktions- und Vermarktungschancen für Investoren. In- und Ausländer sind durch Regierungsdekrete grundsätzlich gleichgestellt. Es wurde an die deutschen Unternehmen appelliert, sich in einem zunehmend gesicherten politischen und wirtschaftlichen Umfeld zu engagieren: in der verarbeitenden Industrie, in der Landwirtschaft, der Lebensmittel-, der Metall- und Elektroindustrie. Die fortlaufende Privatisierung bisheriger algerischer Staatsbetriebe (bisher bereits 1.060 Unternehmen) ermöglichteine den deutschen Wünschen besonders entgegenkommende Zusammenarbeit auf privatwirtschaftlicher Basis. Infrastrukturmaßnahmen kommen in dem Maghreb-Land besondere Bedeutung zu. Algerien betreibt massiv den Ausbau von Pipelines, Eisenbahn undAutobahnen. Die Tourismusförderung hat im Regierungsprogramm 2007/2008 besondere Beachtung gefunden und soll in den kommenden Jahren behutsam, jedoch konsequent betrieben werden. Für die deutsch-algerische Wirtschaftszusammenarbeit wurde das hohe Investitionsentwicklungspotenzial gerade auch für Klein- und Mittelbetriebe (KMU) betont und ein verstärkter Austausch zwi-chen algerischen und deutschen KMU-Vertretern angeregt. Das Thema Investitionen dürfe dabei keine Einbahnstraße sein, sondern umgekehrt sollten sich auch algerische Unternehmen in Deutschland „einkaufen“.
In brillanter, packender Rede und bei späteren Wortmeldungen gelang es dem algerischen Botschafter in Deutschland, Hocine Meghar, erfolgreich die Werbetrommel für sein Land zu rühren. Seine Botschaft und insbesondere die Wirtschaftsabteilung werde alles tun, um Interessenten für eine Zusammenarbeit mit der zweitwichtigsten Wirtschaftsmacht in Afrika die Wege nach und in Algerien zu ebnen. Der Missionschef aus Algier legte dem Plenum ein ganzes Paket von Projekten und Programmen vor, an denen sich deutsche Unternehmen beteiligen könnten und sollten: Meeresentsalzungsprojekte, Stromerzeugung, Tourismuswirtschaft und vieles mehr. Algier plane den Bau von 44 neuen Fünf-Sterne-Hotels neben den bereits bestehenden sechs Häusern dieser Kategorie. Die fast grenzenlose Freiheit bei geschäftlichen Aktivitäten der Deutschen in seinem Land unterstrich Meghar ebenso wie die Bedeutung des neuen Luftfahrtabkommens mit Deutschland. Ergänzend machte der deutsche Botschafter Algerien, Dr. Johannes E. Westerhoff, auf die massive Unterstützung von Messebeteiligungen sowie auf die neue Außenhandelskammer aufmerksam, die in kürzester Zeit über 300 Mitglieder gewonnen habe, eine einzigartige deutsch-arabische Erfolgsgeschichte binnen kürzester Zeit – Deutschland sei der politische und wirtschaftliche Wunschpartner der Algerier.
Besondere Bedeutung widmete man dem Thema Ausbildung und berufliche Bildung. Das algerische Bildungssystem hat sich in den letzten 40 Jahren infolge der demografischen und politisch-wirtschaftlichen Entwicklung grundlegend gewandelt. Drei Säulen kennzeichnen heute die kraftvoll durch mehrere kooperierende Ministerien unterstützte staatliche Bildung:
- Grund- und Mittelschule
- Gymnasium sowie wissenschaftliche Ausbildung und Forschung
- Berufliche Bildung
Die Regierung in Algier hat während der letzten Jahrzehnte gewaltige Summen in den Ausbau der Bildungsinfrastruktur einschließlich erheblicher Betriebsmittel gepumpt. Gemessen am Prozentsatz des Bruttoinlandsprodukts rangiert das staatliche Bildungsbudget mit an vorderster Stelle in der Bildungsskala weltweit. Besuchten 1962 nur rund 600.000 Schü-erinnen und Schüler die Schule, waren es im Jahr 2002 bereits über acht Millionen, wobei inzwischen keine Geschlechterunterschiede mehr bezüglich der Bildung-chancen im Land bestehen. In rund vier Jahrzehnten hat sich die Zahl der Studierenden vertausendfacht. Mit 10 Universitäten, 5 Fachhochschulen, 22 Universitätszentren, 95 staatlichen Berufsbildungseinrichtungen und 35 weiteren höheren Berufsbildungszentren nimmt Algerien heute eine Spitzenposition im arabischen Raum ein.
Das besondere Gewicht bei allen Aus-und Weiterbildungsmaßnahmen liegt auf der „formation continue“ als der alle Bildungsetappen miteinander verbindenden Grundlinie und auf der „formation professionnelle“ (= vocational training). Die Zahlder privaten Grund- und Sekundarschulen ist von 24 (1962) auf 905 im Jahr 2007gestiegen. Immer bedeutender werden die privaten Berufsschulen, von denen es heute schon 539 staatlich anerkannte private Bildungseinrichtungen mit 41.600 Ausbildungsplätzen gibt. Hier arbeiten 29.670 Angestellte, davon 12.305 ständig weitergebildete Berufsschullehrer. Daneben werden derzeit 37.000 Ausbildungsplätze in staatlichen Bildungseinrichtungen angeboten, die nicht der Aufsichtskontrolle durch die einschlägigen algerischen Ministerien unterliegen. Zur Finanzierung des Ganzen stehen im laufenden Jahr 220 Millionen Euro bereit. Außerdem stehen inzwischen 13.000 innerbetriebliche Ausbildungsplätze zur Verfügung. Auf dem Programm der algerischen Regierung stehen der Bau von 150 neuen Schulen mit 45.000 Ausbildungsplätzen sowie von 123 Internaten mit jeweils 120 Betten.
Starken Zuspruch fand das Thema „Erneuerbare Energien“, mit dem zwingend das Stichwort Energieeffizienz zusammengehört. Jürgen Hogrefe, Repräsentant des viertgrößten deutschen Energiekonzerns EnBW, machte auf einen bemerkenswerten Wandel aufmerksam: Deutschland verkauft heute Energie nach Arabien, früher war es umgekehrt.
Deutsche Wind- und Solartechnik hat in den sonnenreichen Ländern Arabiens, indenen 25% der Bevölkerung noch überkeinen elektrischen Strom verfügen, eingroßes Potenzial.
Ein gut besuchter Sonderworkshop widmete sich dem arabisch-deutschen Dialog von Geschäftsfrauen mit Unternehmerinnen und Verbandsvertreterinnen beider Wirtschaftsräume auf dem Podium. Es zeigte sich, dass in beiden Regionen ähnliche Gründe Frauen bei der Aufnahme einer selbständigen Tätigkeit zögern lassen (Familie, Finanzen) bzw. sie dazu ermuntern (Wunsch nach Unabhängigkeit). Und: in Europa wird die Rolle, die Frauen in der arabischen Wirtschaftbereits spielen, unterschätzt. Im Übrigen war der Frauen-Workshop der einzige, in dem auch einmal herzlich gelacht wurde, Privatisierung und Diversifizierung sind die wesentlichen Stichworte für die Wirtschaft der arabischen Länder, wodurch sich breite Investitionsmöglichkeiten ergeben.
Einige Beispiele: Oman baut seit 2002 mit Milliardenaufwand den Hafen von Port Sohar aus. Saudi-Arabien will in den kommenden zehn Jahren insgesamt 53,5 Billionen US-Dollar für den Tourismus zur Verfügung stellen. Syrien verfolgt ein ambitioniertes Wirtschaftsreformprogramm, dessen Spannweite von Investitionen im Agrar-, Energie- und Umweltbereich über die chemische und Textilindustrie, den Tourismusbis hin zum Ausbau des Gesundheitswesens einschließlich dem Bau neuer Krankenhäuser reicht.
Der Investitionsförderung im gesamten Transportwesenkommt eine besonders wichtige Rolle zu. Ebenso warben Vertreter aus Tunesien, Ägypten, dem Libanon und der Republik Jemen um deutsche Investoren, insbesondere für das Schul- und Universitätswesen,die Entwicklung landwirtschaftlicher Projekte und im Zivilbereich (Krankenhäuser,Feuerwehren usw.).
Jemen verwies aufseine makro-ökonomischen Reformen, Ägypten auf die hohe Einwohnerzahl, die für westliche Investoren besonders interessant sein müsste. Die Teilnehmer der abschließenden Podiumsrunde äußersten sich optimistischüber die Zukunftsaussichten der arabisch-deutschen Geschäftsbeziehungen. Günter Gloser, Staatsminister im Auswärtigen Amt, verwies auf bedeutende Fortschritte bei der Kooperation mit den Mittelmeerländern. Ein Handelsvertrag zwischen der Europäischen Union und dem Kooperationsrat der Golf-Staaten (GCC) stehe vor dem Abschluss. Bedauerlich sei, dass sich bisher nur drei Prozent des deutschen Außenhandels mit den Ländern der arabi-schen Welt abspielten. Und dies trotzweitreichender HERMES-Risiko-Deckung. Immerhin gebe es unter den 40 HERMES-Bürgschaften allein schon zehn für denarabischen Raum.
Ein funktionierender Handelsaustausch, so lässt sich resümieren, ist die Grundlage für eine wirkliche Langfrist-Kooperation. Die Wirtschaft führt die Politik an! Deutschlands guter Ruf in der Welt, wirtschaftlichund technologisch, bürgt für eine an Synergieeffekten reiche Zusammenarbeit auf allen wichtigen Feldern. Recht hatte Ghorfa-Generalsekretär Abdul-aziz Al-Mikhlafi, wenn er in seinem Schlusswort von einer gelungenen Konferenz sprach, zu deren Erfolg alle Teilnehmer beigetragen haben und – dies darf nicht verschwiegen werden – er selbst mit seinem gut organisierten, allgegenwärtigen Team auch.
Eine wichtige Nachricht gab er allen Anwesenden mit auf den Weg: Das 11. Deutsch-Arabische Wirtschaftsforum wird vom 25. bis 27. Juni 2008 stattfinden.
Rainer Schubert/Bernd-Dieter Fridrich