Algier - Kulturhauptstadt der Arabischen Welt 2007
Mittwoch, Dezember 12th, 2007
Nach Kairo, Tunis, Sharjah, Beirut, Riad, Kuwait City, Amman, Rabat, Sanaa, Khartoum und Muscat ist Algier die 12. Kulturhauptstadt, seitdem ALECSO (Arab League Education, Cultural and Scientific Organisation) in Kairo seit 1996 jährlich die Kulturhauptstädte der Arabischen Welt bestimmt. Wird die als offen geltende mediterrane Metropole, die kulturell von arabischen, europäischen und berberischen Einflüssen geprägt ist, zum neuen Magnet im Maghreb und zum „Kulturmekka“ der modernen Arabischen Welt?
Hoffnungen und Erwartungen
In seiner Eröffnungsrede zum Kulturjahr weist der Präsident Algeriens, der dem Land eine Renaissance der Kultur versprochen hat, auf die wichtige Rolle der kreativen Kräfte in Algerien hin: die Intellektuellen, Schriftsteller und Künstler sind der Reichtum der arabischen Nation und sie sind es, die die gesellschaftlichen Realitäten erkennen und beschreiben, wie ein “normaler“ Bürger das nicht vermag. Sie helfen mit, die Zukunft auf demokratischer Basis aufzubauen. Die Rolle der Intellektuellen und Kreativen ist nicht nur auf ein Ereignis wie dieses Kulturjahr beschränkt, sondern es ist eine ständige Rolle, die sich in der Philosophie des Kulturerbes ausdrückt und gerade in schwierigen Zeiten große Bedeutung hat. Das Kulturjahr soll junge Talente, Traditionen und Emotionen zusammenbringen, dazu hat das Land den erklärten Willen, die Möglichkeiten und die finanziellen Mittel – die Rede ist von bis zu 70 Millionen Euro. Dabei geht es um arabisch-andalusische, berberische und arabisch-islamische Einflüsse im an Kultur reichen Algerien, das gern als Interaktionskatalysator zwischen Machrek und Maghreb bezeichnet wird.
Hinsichtlich der algerischen Literatur wird die Arbeit der weltbekannten Schriftstellerin Assia Djebar herausgestellt, die – Mitglied der Académie Francaise - sich in der Sprache Voltaires ausdrückt, aber “Algerien in ihrer Seele hat“. Assia Djebar wurde 1936 in Algerien geboren. Zentrales Thema der engagierten Schriftstellerin, Frauenrechtlerin und Filmregisseurin sind die heroischen, revolutionären, algerischen Frauen in ihrem Kampf um Befreiung von der Kolonialherrschaft bis zur Erlangung der Unabhängigkeit. Für ihre Verdienste um die demokratische Erneuerung Algeriens, den inneren Frieden in ihrer Heimat und die Verständigung zwischen den Kulturen erhielt Assia Djebar 2000 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels in Frankfurt am Main. Einen weiteren, spektakulären Auftritt in Deutschland hatte sie 2004 wiederum auf der Frankfurter Buchmesse, als die Arabische Welt Gastland war. 1957 erschien ihre erste Novelle „La Soif“ (der Durst), gefolgt von einer Fülle von Büchern, von denen es viele in deutscher Übersetzung gibt (beim Unions-Verlag in Zürich). Dazu passt, dass die Arabische Liga zu Beginn des Kulturjahrs 2007 ein Arabisches Übersetzungszentrum gegründet hat, dessen Sitz sich in Algier befindet. Natürlich sind mit dem Kulturjahr die Hoffnungen verknüpft, dass der Kulturaustausch, insbesondere anspruchsvolle Publikationen von Akademikern, Literaten und Künstlern die Grenzen Algeriens überschreitet. Im November 2007 wird Algier Gastgeber für ein Treffen mit der afrikanischen Kultur sein.
Entwicklung der Kunst- und Kulturszene
Nachdem Algerien 1962 unabhängig wurde, entwickelten sich Kunst und Kultur zu einer lebendigen Szene. Kein Land in Nordafrika hatte z. B. mehr Kinos. Schriftsteller, Dichter, Maler und Bildhauer konnten sich – vor allem in der Hauptstadt Algier – entfalten. Als 1991 der 10 Jahre dauernde Bürgerkrieg begann, fiel das Land kulturell ins Koma. Alles, was mit Kunst und Kultur zu tun hatte, von Filmhochschulen bis Kunstgalerien, wurde geschlossen: Kulturelles Leben fand nicht mehr statt. Mit der Wahl Algiers als Kulturhauptstadt 2007 könnte es gelingen, das seit dem Ende des Bürgerkriegs wieder aufblühende kulturelle Leben weiter zu entwickeln. Die Veranstaltungen zum Kulturjahr begannen am 12. Januar 2007, dem Tag des Neujahrsfestes der Berber, eine von diesen geschätzte Geste, die das Bewusstsein der kulturellen Vielfalt Algeriens unterstützt, wurde doch am 2. Mai 2002 die Berbersprache Tamazight als nationale Sprache anerkannt.
Aktivitäten im Kulturjahr
Programm und Projekte des Kulturjahrs umfassen die Themen Buch, Kunst (Malerei, Design, Fotografie), Musik, Theater, Film, Kulturerbe und die Hauptstadt selbst. Veranstaltungen gibt es nicht nur in Algier, sondern auch in anderen Städten des Landes. Die existierenden Museen sind in die Aktivitäten im Kulturjahr eingebunden. Algier bietet dem kunst- und kulturinteressierten Besucher z. B. das Bardo-Museum, untergebracht in einem Palais aus dem 18. Jh., in dem Exponate aus Vor- und Frühgeschichte sowie Ethnografie zu sehen sind. Besonders erwähnenswert sind Kleidung und Schmuck aus den verschiedenen Regionen des Landes. Es gibt das Museum für Klassische Altertümer und islamische Kunst, das Armeemuseum mit Exponaten aus der Zeit von 1830 (Beginn der französischen Kolonisation) bis 1962, das Kunsthandwerkmuseum im Palais Khadoudja aus dem Jahr 1570 mit Teppichen und Schmuck, das Kunst- und Kulturzentrum Palais des Rais, sowie das Museum für Bildende Kunst mit Werken berühmter Orientalisten. Wer die Stadt besucht, sollte die Gelegenheit nutzen, die 1992 zum Weltkulturerbe erklärte Altstadt Algiers zu besuchen mit der berühmten Kasbah, der Großen Moschee (11. Jh.), einer weiteren Moschee aus dem 17. Jh. und der Burg aus dem 16. Jahrhundert.
Zum Kulturjahr kündigt das Kulturministerium die Herausgabe von 1.000 Büchern an: Romane, Gedichte, Essays - hauptsächlich von den Großen der arabischen Literatur und Poesie. Zielgruppe ist vor allem die Jugend des Landes. An die Jugend wenden sich auch weitere Aktivitäten, wie ein geplantes Jugendcamp mit Jugendlichen aus der gesamten Arabischen Welt. Die Idee ist sicherlich lobenswert, denn gerade die Jugend Algeriens ist auf der Suche nach lebenswerten Zielen und die Förderung einer bislang nur schwach ausgeprägten Lese- und Diskussionskultur kann da helfen. Auch Bildbände sind konzipiert über die Städte Algeriens, die Sahara, Kunst und Kulturerbe, alte Moscheen und Mausoleen Algeriens, etc. Im Hinblick auf die arabische Literatur werden Algerische und Maghrebinische Autoren ins Arabische übersetzt. Besondere Förderung lässt man Autorinnen und dem Autoren-Nachwuchs zukommen. Die monatlich erscheinende Zeitschrift „Thaqafa“ berichtet regelmäßig über die Aktivitäten im Kulturjahr. Buchausstellungen, Konferenzen, Schriftstellertreffen, literarische Festivals, eine Nacht der Dichter, Colloquien über verschiedene Dichter und den Freiheitskampf in der arabischen und ausländischen Literatur, sowie ein Lesewettbewerb stehen u. a. auf dem Programm. Ein Bus fährt unter dem Namen „Buchkarawane“ durchs Land und für Autoren sind Literaturpreise ausgelobt. Im Bereich der Malerei laufen Ausstellungen zeitgenössischer und moderner arabischer Kunst. Sonderthemen sind die Algerische Revolution in der Kunst, die Algerische Kunst in den Generationen, Les Boumehdi, eine algerische Künstlerfamilie, Nasreddine Dinet und die Orientalisten des 18.-20. Jahrhunderts. Die Ausstellungen zum Thema Design beschränken sich auf Algerische Designer, während bei der Fotographie Fotos aus der gesamten Arabischen Welt zu sehen sind. Musikliebhaber freuen sich über Tourneen der drei Nationalorchester, es gibt Konzerte, Colloquien, Festivals und Gedenkveranstaltungen für berühmte algerische Musiker, Folkloretanzfestivals in Sidi Bel Abbes und Tizi Ouzou, sowie zahlreiche Musikfestivals der Gnaoua, Andalusische Musik und Musik der Beduinen. Für Theater- und Filmfreunde stehen 45 Theaterstücke in neuen Inszenierungen und zahlreiche Veranstaltungen zum arabischen Theater auf dem Programm. 22 neue Spielfilme, 44 Dokumentarfilme und 11 TV-Filme sollen am Ende des Kulturjahrs produziert sein: Material für Filmwochen, ein Open-Air Kino und ein Internationales Filmfestival. Das Thema Kulturerbe befasst sich mit so verschiedenen Bereichen wie: Algerischer Schmuck, Münzen, Kalligrafie, Ibn Kaldoun, die Fatimiden sowie die Geschichte der Stadt Algier von den Phöniziern bis zu den Ottomanen, um nur einige zu nennen. Im Dar Khdaouedj el Amia, einem der schönsten Häuser in der Kasbah von Algier läuft eine Ausstellung der Geschichte Algiers zu ottomanischer Zeit. Am Ende des Jahres werden darüber hinaus zahlreiche Veranstaltungen und dutzende Kolloquien zu Themen wie Sufismus, Arabische Archäologie, Frauen in der Arabischen Welt, Kunst in der Arabischen Welt, etc. stattgefunden haben. Die historischen Kulturzentren des Maghreb wie Tahert, Sedrata, Tlemcen, Bejaia, M’zab, Qalaa des Beni Hammad, Constantine sind neben der Hauptstadt in die Kulturjahraktivitäten eingebunden. Alle 48 Wilayas (Provinzen) führen eigene Kulturwochen mit farbenfrohen Folkloreveranstaltungen durch. Zu den Höhepunkten gehören die Kulturwochen aller arabischen Staaten, die mit einer beeindruckenden Vielfalt von Musik, Gesang und Tanz ihrer Nationalen Folkloregruppen, moderner Tanzformationen und Orchester das Publikum begeistern. Die Auftritte werden auch von den Medien in der jeweiligen Heimat begleitet, denn schon aus Prestigegründen werden nur die besten Künstler präsentiert: Sei es das jemenitische Orchester aus Sanaa, die nationalen Folkloregruppen aus Oman und Saudi Arabien, der Geschichtenerzähler aus Syrien, die experimentelle Tanzgruppe aus Tunesien, etc. Interessant ist die Mischung von Tradition und Moderne - stets in einem Rausch von Bewegung, Farben und Tönen.
Wird in Algier alles realisiert, was im Kulturjahr geplant ist, dann gibt es gute Chancen, der neue Magnet im Maghreb zu werden. Neben dem Bau eines Arabischen Archäologiezentrums (Grundsteinlegung im März 2007), eines Nationalen Restaurierungszentrums und eines Nationalen Zentrums für die Archäologische Forschung ist eine arabisch/lateinamerikanische Bibliothek geplant. Sowohl ein Nationalmuseum für Moderne und zeitgenössische Kunst als auch ein Museum für Miniaturen und Kalligrafie sind in Modellen genauso attraktiv wie der neue Kunstkomplex Atlas. Dar Abdeltif ist das neue Haus für Künstler und beeindruckend ist das Amphitheater Fadhila Dziria.
Ausblick
Ob das Kulturjahr dazu genutzt wird, das große Schweigen, das während der Terrorjahre im Land herrschte, zu überwinden, bleibt abzuwarten. Wegen der im Parlament verabschiedeten Charta über die nationale Versöhnung und den gesellschaftlichen Frieden, gekoppelt mit einem Amnestieangebot an die Islamisten, das in einem Referendum von 90 Prozent der Algerier gebilligt wurde, heißt es, dass alle Algerier Opfer der „Nationalen Tragödie“ seien, auch die Täter. Diskussionen über Terrorismus und seine Opfer finden nicht statt, sind sogar verboten - also existieren Beschränkungen bei der Aufarbeitung des Themas über dem Terror zum Opfer gefallene Intellektuelle und Künstler. Wie kompliziert die Situation ist, zeigen die jüngsten Attentate, die leider auch Auswirkungen auf das Kulturjahr haben. Damit müssen die Algerier fertig werden, die heute maßgeblich das arabische Denken im Land prägen – sie geben sich jedoch optimistisch, dass das Kulturjahr in die Zukunft hinein wirken wird –Chance für die tatsächliche Verwirklichung der Renaissance der Kultur?
Text: Barbara Schumacher,
Fotos: Barbara Schumacher