KATAR - Rasanter Aufstieg von der Naturperle zur Öl- und Gasperle am Persischen Golf
Donnerstag, September 13th, 2007
Von: Bernd-Dieter Fridrich (Berlin/Brüssel), Fachjournalist für Wirtschaft, Tourismus und Umweltschutz (AEJ / FIJET / TELI / UBJET)
Der überwiegend flache, semiaride Wüstenstaat Katar begann Ende der vierziger Jahre mit der Ölförderung – bis dahin ein armer Perlenproduzent. Als Mitglied der am 14. September 1960 in Bagdad gegründeten OPEC ist der Staat Katar mit seinen mächtigen Öl- und Erdgasvorkommen heute eine der reichsten Länder der Erde. Unter der Herrscherfamilie Al-Thani wird das Emirat nach dem ausdrücklichen Wunsch des Staatsoberhaupts, Emir Scheich Hamad bin Khalifa Al-Thani, Schritt für Schritt demokratisch umstrukturiert, um mehr Vertrauen nach innen und nach außen zu gewinnen – beste Voraussetzungen für eine wirtschaftliche Prosperität und gewinnbringende Investitionen in dem Land am Persischen Golf mit einer Gesamtfläche von nur 11.437 Quadratkilometern und 2006 geschätzten 900.000 Einwohnern mit weit überwiegendem Ausländeranteil. Die Bevölkerung setzt sich aus etwa 175.000 Katarern und rund 710.000 Gastarbeitern zusammen, vorwiegend aus den islamischen Ländern Pakistan, Bangladesch und Sudan, aber auch aus hinduistischen Staaten wie Indien und Nepal. Mangels zuverlässiger Statistiken schwanken die Zahlenangaben um bis zu fünfzehn Prozent in beiden Richtungen.
Katar im Nordosten der Arabischen Halbinsel wurde bereits während der Steinzeit von Jägern und Sammlern bewohnt.Durch zunehmende Austrocknung der Region schon lange vor der christlichen Zeitrechnung verließen die meisten Menschen das Gebiet. Zur besseren Vorstellung der geografischen Lage zwei Zahlen: Von Süden nach Norden beträgt die Ausdehnung rund 175 Kilometer, von Westen nach Osten im Durchschnitt nur etwa 65 Kilometer. Von sporadischen Handelssiedlungen an der Küste nach der 628 n. Chr. beginnenden Islamisierung abgesehen ,bewohnten fast nur Beduinen das Land. Der einzige „Reichtum“ bestand seit der Dilmun-Kultur um 3.200 v. Chr., die auf Bahrain beheimatet war und Handelsbeziehungen bis nach Indien aufwies, im Handel mit Naturperlen, der jedoch nach1930 durch das Aufkommen billiger japanischer Zuchtperlen weitgehend zusammenbrach. Dies führte zu einer schweren Wirtschaftskrise, die die Katarer zu Massenauswanderungen trieb. Wie ein Geschenk des Himmels mussten die ersten Ölfunde erscheinen. Etwa zur Zeit der Erklärung der Unabhängigkeit von Großbritannien am 1. September 1971 und der damit verbundenen Absage Katars – wie übrigens auchBahrains – bezüglich eines Anschlusses an die Vereinigten Arabischen Emirate wurde das Erdöl das neue wirtschaftliche Standbein Katars. Die Scheichs von Katar nahmen jetzt den Titel eines Emirs an. Im „Schicksalsjahr“ 1971 wurde mit dem sogenannten Nord-Gas-Feld (380.000 Millarden Kubikfuß-Reserven) das größte Erdgasfeld der Welt entdeckt. Mit der Übernahme der Ölgesellschaften durch den Staat wurde Katar 1972 das erste kleine Erdölförderland am Golf, das zu hundert Prozent über seine Vorkommen selbstverfügte. Durch die steigenden Ölpreise am Weltmarkt wurde das Land immer reicher. Die nachgewiesenen Rohöl-Reserven werden mit 15,2 Milliarden Barrel (1 Barrel = 159 Liter) angegeben. Bei der durchschnittlichen Produktion von knapp1 Million b/d (barrel per day) im Jahr 2005 dürften die Ölreserven voraussichtlich noch 63 Jahre reichen. Am 26. Mai 1981 wurde der Gulf Cooperation Council(GCC), eine regionale Untergruppe der Arabischen Liga in der Region am Persischen Golf, mit dem Ziel gegründet, die Außen-, Sicherheits- und Erdölpolitik der sechs GCC-Mitgliedstaaten Bahrain, Katar, Kuwait, Oman, Saudi-Arabien und Vereinigte Arabische Emirate zu koordinieren,ein für Katar bedeutsamer Pakt.
STÄRKEN UND SCHWÄCHEN
Zu den Pluspunkten gehören eine gesicherte Rohölversorgung, enorme Erdgasvorkommen mit entsprechenden Parallelindustrien, eine moderne Infrastruktur (1.107 Straßenkilometer sowie der internationale Flughafen in der Landeshauptstadt Doha mit einem Aufkommen von 2,95 Millionen Passagieren jährlich) und ein fortlaufender Haushaltsüberschuss. Zu den Schwachpunkten zählen die Abhängigkeit von gut ausgebildeten ausländischen Arbeitskräften, allgemeine Ölpreisschwankungen und die Einfuhr der wichtigsten Rohmaterialien. Eines der Hauptprobleme des Landes ist der Mangel an Süßwasservorräten. Industrielle Großanlagen entsalzen daher das Meerwasser, das zudem häufig durch Öl verschmutzt ist, um es nutzbar zu machen. Lebensmittelmüssen fast ausschließlich eingeführt werden, etwa aus Frankreich, Großbritannien, Deutschland oder Japan. Unter den OPEC-Staaten verfügt Katarzwar nur über die drittgeringsten Rohölvorräte, aber über riesige Gasreserven, nach bisheriger Schätzung die drittgrößten weltweit, darunter das größte, nicht mit Ölvorkommen gekoppelte Gasfeldder Welt. Der Emir bemüht sich nach Kräften, die Wirtschaft langfristig zu diversifizieren und die Entwicklung nicht erdölbezogener Industrien voranzutreiben. Die Suche nach küstennahen Ölquellen gehtgleichwohl unvermindert weiter.
Durch eine neue Imagekampagne will die Regierung bis zum Jahr 2010 etwa 1,5 Millionen Touristen ins Land holen; noch unberührte Strände, Duty-Free-Shops und moderne Hotels sollen es richten. Ob die sausländische Touristenströme wirklich anzieht, muss dem Autor angesichts zahlreicher vergleichbarer Angebote aus aller Welt eher fraglich erscheinen. Zwei imposante Brückenbauwerke sollen die Abhängigkeit von dem angrenzenden Königreich Saudi-Arabien mittelfristig reduzieren. Die so genannte „Freundschaftsbrücke“ mit einer Länge von 45 Kilometern soll Katar mit dem Inselstaat Bahrain verbinden. Eine zweite Brücke soll eine Verbindung zu den Vereinigten Arabischen Emiraten herstellen.