Algerien im gesamtwirtschaftlichen Aufschwung
Mittwoch, Dezember 12th, 2007
Die Bevölkerung in dem nach dem Sudan zweitgrößten Staat Afrikas mit einer Fläche von 2.381.741 Quadratkilometern, 1830 von Frankreich erobert und am 5. Juli 1962 in die Unabhängigkeit entlassen, ist eine der jüngsten im Norden des Kontinents. Die meisten Algerier, bis auf wenige Ausnahmen sunnitisch-muslimischen Glaubens, sind Araber und unter 30 Jahre alt; knapp ein Fünftel sind Berber. Die Abkehr von der früheren sozialistischen Planwirtschaft und die inzwischen mit Macht betriebene Öffnung des Landes für marktwirtschaftliche Strukturen seit den neunziger Jahren ist eine große Chance und Herausforderung zugleich für die politisch Verantwortlichen bei dem ernsthaften Bemühen, die meisten produktiven Wirtschaftsbereiche aus der staatlichen Kontrolle in privatwirtschaftliche Hände überzuleiten.
Die Regierung in Algier fördert insbesondere auch die Aus- und berufliche Weiterbildung der weitgehend noch wenig qualifizierten Arbeitskräfte nach der massiven Abwanderung ausländischer Fachkräfte infolge der zuvor immer wieder aufflammenden politischen Unruhen. Zu den Schwachpunkten gehört die weiterhin hohe Arbeitslosigkeit und ein noch immer blühender Schwarzhandel diesseits und jenseits des Mittelmeers. Seit dem Amtsantritt des mit umfassenden Vollmachten ausgestatteten Präsidenten Abdul Aziz Bouteflika am 27. April 1999, von der Bevölkerung unmittelbar im Jahr 2004 auf ein zweites und letztes (?) Mal für fünf Jahre wiedergewählt, blickt das 33-Millionen-Volk inzwischen hoffnungsfroh in die Zukunft.
Die Demokratische Volksrepublik Algerien (arabisch: Al-Djazair) gehört zu den wirtschaftsstärksten Staaten der arabischen Welt. Bei weitem wichtigste Exportgüter sind Erdöl (drittgrößtes Vorkommen in Afrika) und Erdgas, das zum großen Teil in der östlichen Sahara gefördert wird. Mehrere westliche Ölkonzerne haben Förderabkommen mit dem Land geschlossen. Pipelines transportieren die Rohstoffe in die Hafenstädte Annaba, Oran und Algier, wo sie verschifft werden. Pläne für eine inzwischen dritte Pipeline durch das Mittelmeer liegen vor. Weitere bedeutende Exportgüter des OPEC-Gründungsmitglieds Algerien sind Metalle und Phosphate. Unter den metallverarbeitenden Betrieben dominieren Walz- und Hüttenwerke. Eine besondere Rolle spielen Unternehmen in den Bereichen Bau-, Nahrungs- und Genussmittel, in der Holz-, Papier- und Textilwirtschaft sowie das traditionelle Kunsthandwerk. Die wichtigsten Importgüter sind Agrarprodukte sowie Investitions- und Verbrauchsgüter. Hauptwirtschaftsfaktor ist die Industrie (54 % des Bruttoinlandsprodukts), gefolgt von Dienstleistungen (33 %) und Landwirtschaft (13 %). Das Bruttosozialprodukt lag 2006 bei 3.343 US-Dollar je Einwohner. Die algerische Regierung hat zunehmend staatliche Förderprogramme zugunsten der kleinen und mittleren Unternehmen und auch für den Ausbau der Landwirtschaft aufgelegt, um damit auch gerade den Privatsektor zu stärken und Arbeitsplätze für die mehrheitlich junge Bevölkerung zu schaffen; denn die hohe Jugendarbeitslosigkeit ist nach wie vor Algeriens Stabilitätsrisiko Nummer eins. Nach seiner Wiederwahl zum Staatsoberhaupt hat Präsident Bouteflika im April 2004 ein zweites bedeutendes Programm zur Wiederankurbelung der Wirtschaft für den Zeitraum 2005 bis 2009 auf den Weg gebracht, dessen Gesamtsumme sich inzwischen nach mehrfachen Erhöhungen einschließlich zweier regionaler Entwicklungsprogramme auf jetzt rund 140 Milliarden US-Dollar beläuft.
Der Erlös aus dem Energieexport macht rund 98 Prozent der Deviseneinnahmen und über sechzig Prozent des Staatshaushalts aus. Ende 2006 betrugen die Devisenreserven fast achtzig Milliarden US-Dollar. Durch eine konsequente vorzeitige Rückzahlung an den so genannten Pariser Club aus dem Jahr 1976, einem informellen Gläubigergremium zur regelmäßigen Neufestsetzung der Schuldenhöhe und Neuterminierung des Schuldendienstes hoch verschuldeter Entwicklungsländer (Industrieländer sowie Weltbank und Internationaler Währungsfonds), konnte die Auslandsverschuldung im Laufe des letzten Jahres von 16,4 auf nur noch rund 5 Milliarden US-Dollar zurückgeschraubt werden. Die Hauptabnehmerländer für algerische Produkte waren 2006 die USA (27 %), Italien (17 %), Spanien (11%), Frankreich (8 %), Kanada (6 %) und die Niederlande (5%). Zu den wichtigsten Lieferländern gehörten Frankreich (21 %), Italien (9 %), die Volksrepublik China (8 %) und Deutschland (7%).
Landwirtschaftliches Umdenken mit ersten Erfolgen
Nachdem in den siebziger Jahren zahlreiche Landarbeiter in die Industriestädte gezogen waren, wurde Algerien zu einem Nahrungsmittelimportland. Staatliche Programme, die die Landflucht durch eine Neuverteilung der Anbauflächen und die Gründung von Genossenschaften stoppen sollten, scheiterten. In den letzten zwei Jahrzehnten wurden in den Gebieten nördlich der bis über 2.000 Meter hohen Atlasgebirgskette vermehrt Weintrauben, Zuckerrüben, Kartoffeln, Hülsen- und Zitrusfrüchte, Tomaten, Oliven, Tabak, Feigen und jede Menge Datteln für den Export angebaut. Zudem kultivierten die Landwirte Getreide, Gemüse und in den Oasen Dattelpalmen, von denen es inzwischen etwa fünfzehn Millionen gibt, die jährlich einen Ertrag von rund 500.000 Tonnen Datteln unterschiedlicher Qualität liefern. Die weichen, hochwertigeren Sorten gehen größtenteils nach Europa, die harten, widerstandsfähigeren Sorten in viele Länder Schwarzafrikas, die sich dort wegen ihrer längeren Haltbarkeit im tropischen Klima großer Beliebtheit erfreuen. In Treibhäusern aus Kunststoff-Folie wird Frühgemüse zur Ausfuhr nach Europa angebaut.
Lediglich drei Prozent der Landesfläche sind Acker- und Dauerkulturland, das sich überwiegend in Privatbesitz befindet. Etwa fünfzehn Prozent der Staatsfläche, die aus Steppenweiden bestehen, dienen einer extensiven, teilweise nomadischen Viehhaltung im Hochland der Schotts und in der nördlichen Sahara, insbesondere der Zucht von Schafen und Ziegen. Kleine Korkeichenwälder, besonders im Tellatlas-Gebiet, bilden die Grundlage der Forstwirtschaft.
Im Nahrungsmittelsektor werden weniger als vierzig Prozent des Bedarfs durch Eigenproduktion gedeckt, wenngleich dort etwa ein Viertel der erwerbstätigen Bevölkerung beschäftig ist. Die meisten Preise für Grundnahrungsmittel und die Befriedigung anderer üblicher Bedürfnisse sind stark gestiegen. Zwischen der politischen und wirtschaftlichen Elite des Landes und der übrigen Bevölkerung besteht noch immer ein beachtliches Wohlstandsgefälle, das latent vorhandene soziale Konflikte in sich birgt. Um hier Abhilfe zu schaffen, wird das gesamte Bildungssystem systematisch umgestellt.
Bildung und Soziales
Ein Großteil der Kinder im Schulalter erhält eine schulische Grundausbildung. Die Alphabetisierung (66,6 % 2006) nimmt zu. Seit 1973 wurde und wird der Französischunterricht zugunsten des Arabischen eingeschränkt, nachdem von den rund eine Million Franzosen vor der Unabhängigkeit jetzt nur noch etwa 6.000 französische Staatsbürger in Algerien leben. Zusätzlich wurde die Berbersprache Tamaschisch im Jahr 2003 in den Schulen zugelassen. Zehn Universitäten, mehrere Fachhochschulen und Technische Hochschulen bieten eine immer besser werdende akademische Ausbildung an.
Seit 1974 steht allen Algeriern eine kostenlose medizinische Versorgung zu, wenngleich im Stichjahr 2004 ein Arzt auf immerhin 1.064 Bewohner kam (Deutschland zum Vergleich: 1 Arzt für nur 298 Einwohner). Eine Primärversorgung ist außerhalb der großen Städte, hauptsächlich in der 998 Kilometer langen Küstenregion, nur ansatzweise gewährleistet. Deshalb vertrauen vor allem die Wüstenbewohner südlich des Atlasgebirges - etwa zehn Prozent der Gesamtbevölkerung, die im Saharagebiet, das achtzig Prozent der algerischen Landesfläche ausmacht, beheimatet sind - vorzugsweise traditionellen alternativen Heilmethoden. Die Säuglingssterblichkeit ist trotz insgesamt sehr hoher Geburtenrate angestiegen und liegt inzwischen über dem nordafrikanischen Durchschnitt.
Investitionsmärkte, Verkehrs- und Tourismuswirtschaft und vieles mehr im Wandel
Algier hat inzwischen einige Großprojekte angepackt, etwa die zirka 1.200 Kilometer lange West-Ost-Autobahn, ein Schnellbahn- und Untergrundbahnnetz in der Landeshauptstadt, den Ausbau des Eisenbahnnetzes, den Bau von Staudämmen und Meerwasser-Entsalzungsanlagen, die Erneuerung des Wasserleitungssystems, den Neubau von rund einer Million Sozialwohnungen sowie von sechzig neuen Krankenhäusern. Ehrgeizige Projekte, die nur durch gewaltige Privatinvestitionen, vornehmlich durch ausländische Investoren, zu schultern sind.
Im Jahr 2005 wurden ausländische Direktinvestitionen im Umfang von etwa 3,5 Milliarden US-Dollar getätigt beziehungsweise beschlossen, wobei Kuwait (804 Mio. US-$), Ägypten und Spanien (jeweils ca. 60 Mio. US-$) sowie Frankreich mit der größten Anzahl an kleineren Einzelprojekten obenan auf der Investorenliste stehen und die Bereiche Lebensmittelindustrie, Telekommunikation, Infrastruktur-Ausbau, Elektrotechnik und Baustoffindustrie mittlerweile im Vergleich zu energiewirtschaftlichen Investitionen etwas zugelegt haben.
Der neue internationale Flughafen von Algier soll dem Touristenaufkommen neue Schubkraft geben. Der Binnenverkehr konzentriert sich auf den Norden des Landes. Die Hafenstädte Algier, Annaba, Oran, Bejaia, Skikda und Arzew haben bereits gute Anschlüsse an die parallel zur Küste verlaufende Eisenbahnlinie. Das gesamte Bahnnetz weist bisher rund 4.300 Schienenkilometer auf, davon nur knapp über dreihundert Kilometer elektrifiziert. Dieses Netz soll ebenso erweitert werden wie das insgesamt 104.000 Kilometer umfassende Straßennetz, von dem jedoch nur 71.656 Kilometer asphaltiert sind. Der internationale Tourismus in Algerien hat im Vergleich zu einigen Nachbarländern wie Marokko oder Tunesien noch großen Nachholbedarf, wird jedoch in jüngster Zeit von der algerischen Regierung stärker gefördert.
Beziehungen Algeriens zur Europäischen Union
Die Handelsbeziehungen zwischen dem nordafrikanischen Land und den EU-Staaten sind traditionell eng. Im Jahr 2006 gingen 52 Prozent des Gesamtwerts der algerischen Exporte in den EU-Raum, während 55 Prozent der algerischen Importe von dort kamen. So sind etwa 90 Prozent der algerischen Gas-Exporte für den europäischen Markt bestimmt, vor allem für die Mittelmeeranrainer Spanien, Portugal, Italien und Frankreich. Ein Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union wurde am 22. April 2004 in Valencia unterzeichnet und trat am 1. September 2005 in Kraft. Damit wird Algerien Teil einer das gesamte Mittelmeer umspannenden Freihandelszone, die bis zum Jahr 2014 vollendet sein soll.
Algerien wünscht sich verstärkt deutsche Investitionen und einen noch intensiveren Export seiner Produkte nach Deutschland, wie auf dem 10. Deutsch-Arabischen Wirtschaftsforum im Juli in Berlin mehr als deutlich geworden ist. Ein großer Teil der algerischen Industrieanlagen aus den siebziger und achtziger Jahren wurde nach dem Rückzug der Franzosen mit deutscher Hilfe errichtet. Das Markenzeichen „Made in Germany“ steht in Algerien unverändert hoch im Kurs. Deutsches Know-how ist dort mehr denn je gefragt. Die Bereiche „Nachhaltige Wirtschaftsentwicklung“ und „Umwelt / Wasser“ stehen seit 1999 im Mittelpunkt der bilateralen wirtschaftlichen Zusammenarbeit. Der Modernisierungsbedarf bei neuen Industrieanlagen und der Verbesserung der gesamten Infrastruktur Algeriens kommt der deutschen Produktionspalette in idealer Weise entgegen, wie Vertreter beider Länder während einer Plenarsitzung der oben erwähnten Gemeinschaftsveranstaltung von Ghorfa (Arabisch-Deutsche Vereinigung für Handel und Industrie e.V.) und DIHK (Deutscher Industrie- und Handelskammertag), beide mit Sitz in Berlin, besonders betont haben.
Bernd-Dieter Fridrich (Berlin/Brüssel),
Fachjournalist für Wirtschaft, Tourismus und Umweltschutz
(AEJ / FIJET / TELI / UBJET)