"Unser Land ist für Kulturtourismus prädestiniert"
Dienstag, November 18th, 2008
Interview ARAB FORUM mit dem syrischen Botschafter, S.E. Dr. Hussein Omran
Das Bild Syriens wird bislang durch den ungelösten Nahostkonflikt dominiert. Doch innen- wie außenpolitisch ist Bewegung zu verzeichnen. Zu den besonderen Kennzeichen Syriens gehört ebenfalls eine unvergleichlich reiche Geschichte, die u. a. durch das Zusammenleben zahlreicher Religionen bis heute nachwirkt. Über die reformorientierte Zukunft und jahrtausende alte Traditionen und sein persönliches Verhältnis zu Deutschland sprach ARAB FORUM mit dem syrischen Botschafter, S.E. Dr. Hussein Omran.
ARAB FORUM: Exzellenz, ohne Syrien sei keine Lösung in Nahost möglich, dem Land komme eine Schlüsselrolle zu, wird immer wieder gesagt. Nun ist Bewegung in den Nahost-Friedensprozess gekommen, wobei auch Ihr Nachbar Türkei eine Rolle spielt. Wie kann eine Lösung nach Ihrer Meinung aussehen?
Dr. Omran: Syrien geht in seinem Bestreben zum Frieden von den UN-Resolutionen 242 und 338 aus, die den Abzug der israelischen Truppen aus den besetzten arabischen Territorien und die Gewährung der legitimen Rechte des arabisch-palästinensischen Volkes fordern. Die Madrider-Konferenz 1992 baute auf das Prinzip Land gegen Frieden. In den folgenden Verhandlungen zwischen Syrien und Israel strebte Syrien immer die Rückgabe der seit 1967 durch Israel besetzten Golanhöhen an und dass alle Staaten der Region in Stabilität und Wohlstand leben können. Durch langjährige Verhandlungen mit Israel konnte in allen Grundfragen eines Friedensvertrages Einigung erzielt werden. Doch die Entwicklungen nach der Ermordung des damaligen israelischen Ministerpräsidenten Rabin und das Abrücken seiner Nachfolger von seiner Zusicherung, das gesamte besetzte syrische Gebiet an Syrien zurückzugeben, führte zu einem Rückschlag. Weitere Gründe dafür waren die Besetzung des Irak durch die US-Truppen und die Stagnation des Friedensprozesses auf allen Schienen. Nach dem Scheitern des US-Vorhabens, den neuen oder größeren Nahen Osten zu installieren, erkannte man, dass nur der Frieden die Interessen aller Parteien wahrt und dass man Syrien weder isolieren noch übergehen kann. Nun übernahm die Türkei die Vermittlerrolle bei indirekten Verhandlungen zwischen Syrien und Israel, die gegenwärtig in der Türkei stattfinden, um die Ernsthaftigkeit der israelischen Seite und ihre Bereitschaft, die Verbindlichkeiten eines Friedensvertrages zu erfüllen, festzustellen. Die Lösung ist die Erfüllung der UN-Resolutionen 242 und 338. Und, wie gesagt, über die Grundfragen Sicherheitsgarantie usw. ist schon Einigung erzielt worden.
Wir sind der Meinung, dass ein dauerhafter Frieden nur durch gerechte und umfassende Lösungen erreicht werden kann. Das bedeutet die Rückgabe des gesamten besetzten Landes und die Wahrung der Rechte der Palästinenser. 750.000 von ihnen leben in Syrien und halten fest an ihren Rechten gegen einen dauerhaften Frieden.
ARAB FORUM: Ein noch nicht gelöstes Problem ist Syriens östlicher Nachbar Irak. Einerseits bietet Syrien als Mittelmeeranrainer eine Brückenkopffunktion für Unternehmen, die sich im Irak engagieren möchten, andererseits ist Syrien mit dem Problem einer großen Zahl irakischer Flüchtlinge konfrontiert. Was ist bei der irakischen Nachbarschaft gegenwärtig größer, Chancen oder Risiken? Was sind mögliche Lösungen im syrischen Interesse?
Dr. Omran: Wir sind sehr traurig über das, was im Irak geschah und immer noch geschieht, und hoffen darauf, dass die Spirale der Gewalt gestoppt wird. Auch wir sind davon betroffen. Infolge der Besetzung des Iraks verließen Millionen unserer irakischen Brüder und Schwestern ihr Land und fanden Zuflucht in den benachbarten Ländern. Fast zwei Millionen von ihnen sind in Syrien.
Die Syrer teilen mit ihren irakischen Brüdern alles. Die Brüderlichkeit verpflichtet. Aber wir hoffen, dass sich die Sicherheitssituation im Irak verbessert, damit unsere irakischen Gäste in ihr Land zurückkehren können. Und wir werden unseren irakischen Brüdern und Schwestern mit allen unseren Möglichkeiten helfen. Auch beim Wiederaufbau werden wir, wenn unsere irakischen Brüder wollen, mit all unserer Kraft dabei sein. Ich persönlich glaube nicht, dass der Wiederaufbauprozess im Irak kräftig und reibungslos anlaufen kann, bevor die Besatzungstruppen für ihren Abzug einen Zeitplan festlegen.
ARAB FORUM: Syrien war bislang in den westlichen Ländern mit einem negativen Image behaftet. Was kann Syrien, was können die westlichen Länder gegen dieses Image tun bzw. was ist bereits geschehen?
Dr. Omran: Ja, leider. Das von manchen Medien in den westlichen Ländern verbreitete Bild Syriens hat mit dem wahren Bild Syriens nichts zu tun. Amerikaner, Franzosen und Deutsche kommen erstaunt zurück und stellen fest, dass sie von bestimmten Quellen getäuscht worden sind. Syrien, das Land des ersten Alphabets, des ersten Verwaltungssystems, Wiege der ersten Kulturen und Zivilisationen und das Land, in dem Toleranz und Vielfalt lebendig spürbar ist, Aufgeschlossenheit und menschliche Wärme seiner Menschen ihre willkommenen Gäste immer wieder beeindrucken - wie kann dieses Land negativ beschrieben werden? Ist es negativ, wenn Syrien auf sein Recht pocht, sein besetztes Territorium gemäß der Beschlüsse der internationalen Gemeinschaft zurückzubekommen?
Wir bemühen uns, das manipulierte Bild unseres Landes in den westlichen Ländern durch unser Verhalten im Umgang mit anderen Menschen durch unsere Weltoffenheit und Toleranz zu korrigieren. Wir erwarten von der wirklich freien Presse und meinungsbildenden Medien Wahrheit und Objektivität. Und wir freuen uns, dass wir in Deutschland viele aufrichtige Freunde gewonnen haben.
ARAB FORUM: Welche Bedeutung kommt dem Tourismus bei der Imagepflege Syriens zu? Und zwar in zweierlei Hinsicht: Welches Syrien kann der Tourist kennen lernen und welchen Stellenwert hat der Tourismus für Syriens Wirtschaft?
Dr. Omran: Wir legen großen Wert auf den kulturellen Aspekt des Tourismus. Und unser Land ist für Kulturtourismus prädestiniert. Damaskus ist die älteste ständig bewohnte Stadt der Welt, auch wenn Aleppo mit ihr konkurriert. Kain soll seinen Bruder Abel in den Bergen bei Damaskus erschlagen haben. Es steht in der Bibel, dass Saulus nach seinem Damaskus-Erlebnis zu Paulus wurde. Das wirkt bis heute: Viele ändern ihre vorgefasste Meinung, wenn sie Damaskus besucht haben.
Den Touristen fällt auf, dass die Syrer freundlich und nicht aufdringlich sind. Die Vielfalt und die Toleranz unter den Syrern, wo Minarette der Moscheen neben Kirchtürmen hervorragen und wo man nur an Schließtagen der Geschäfte weiß, ob der Besitzer Moslem, Christ oder Jude ist, beeindrucken die Gäste immer wieder. Aber nun zum wirtschaftlichen Stellenwert des Tourismus für Syrien: Ich muss zugeben, dass Syrien relativ verspätet auf die wirtschaftliche Bedeutung des Tourismus aufmerksam geworden ist und dafür ein eigenes Ministerium eingerichtet hat, das sich um die Schaffung der notwendigen Infrastruktur kümmert. Syrien zählt gegenwärtig 20 Millionen Einwohner. Man sagt, fast so viele Syrer und Syrischstämmige leben auch im Ausland. Wenn nur ein Teil von ihnen einen dreiwöchigen Urlaub in Syrien verbringt, kann man sich vorstellen, welchen Schub sie der Tourismuswirtschaft geben.
Die zweitgrößte Gruppe der Touristen kommt aus den arabischen Ländern, insbesondere aus Saudi-Arabien und den Golfstaaten, die den ganzen Sommer im gemäßigten Klima Syriens verbringen.
Dazu kommen die Pilgertouristen, die die wichtigen Heiligtümer des Islams und des Christentums besuchen sowie die Kulturtouristen aus aller Welt, deren Zahl in den letzten Jahren kräftig gestiegen ist.
Die regelmäßige Teilnahme Syriens an der Internationalen Tourismusbörse in Berlin drückt die feste Absicht aus, sich touristisch weiter zu öffnen und für mehr Touristen zu werben. Denn im Rahmen des Programms der Modernisierung, der Entwicklung und der Weltoffenheit, das Syrien unter Führung des Präsidenten Bashar Al-Assad erfolgreich umsetzt, besetzt der Tourismus einen wichtigen Platz, zumal er einen bedeutenden Beitrag zur Diversifizierung des Nationaleinkommens leistet.
Vielleicht kann ich die wirtschaftliche Bedeutung des Tourismus mit einem Satz beschreiben: Syrien hat sich das Ziel vor Augen gesetzt, den Tourismus so zu entwickeln, dass die Einnahmen dieser Branche den Rückgang der Einnahmen aus der Erdölbranche ersetzen.
ARAB FORUM: Syrien erlebt gegenwärtig einen Reformprozess, vor allem in wirtschaftlicher Hinsicht. Was sind die Beweggründe und Ziele dieser Reformen?
Dr. Omran: Die Früchte erfolgreichen Vorausschreitens auf dem Weg der Modernisierung und Entwicklung Syriens unter Führung unseres Präsidenten Bashar Al-Assad ist überall im Land sichtbar. Die Herausforderungen der Globalisierung machten es notwendig, den Prozess der umfassenden Modernisierung und Entwicklung zu absolvieren, in dem der strukturelle Umbau der Wirtschaft und des politischen Systems an vorderster Stelle steht. Auf dem Wege zur sozialen Marktwirtschaft konnten wichtige Schritte, vor allem was den rechtlichen Rahmen angeht, realisiert werden. Das zentrale Ziel des Reformprozesses ist die Mobilisierung aller Potenziale und die Harmonisierung aller Sektoren miteinander, so dass die Kräfte gebündelt werden, um den Lebensstandard des syrischen Volkes zu erhöhen. Die Bewältigung der enormen Herausforderungen im Bereich der Bildung, des Gesundheitswesens und der Bauwirtschaft angesichts der Entwicklung der Bevölkerungszahl ist eine dringende Aufgabe im Rahmen der Sicherung einer stabilen Zukunft für die heranwachsenden Generationen.
ARAB FORUM: Welchen Stellenwert hat Deutschland und haben deutsche Unternehmen dabei als Handelspartner?
Dr. Omran: Traditionell genießen die Deutschen auch in Syrien einen sehr guten Ruf. Deswegen sind die deutschen Unternehmen und Firmen als Handelspartner sehr begehrt. Es ist ein Gütesiegel, wenn ein Projekt von deutschen Firmen realisiert wird. Wir hatten in der Vergangenheit gute Beziehungen mit deutschen Unternehmen. Viele wirtschaftliche Vorhaben sind bei uns von deutschen Firmen realisiert worden. Wir hoffen sehr, dass sich unsere Zusammenarbeit mit deutschen Partnern weiter entwickelt. Erfreuliche Entwicklungen auf diesem Bereich melden mittelständische Firmen in Sachsen und Sachsen-Anhalt, die in der Realisierung einer Reihe wichtiger Projekte in Syrien involviert sind.
ARAB FORUM: Welche Impulse erwarten Sie vom 12. Deutsch-Arabischen Wirtschaftsforum der Ghorfa im Juni 2009, bei dem Syrien Partnerland sein wird?
Dr. Omran: Natürlich freuen wir uns sehr darüber, dass Syrien das Partnerland sein wird. Ich hoffe, die syrischen Geschäftsleute werden diesen willkommenen Anlass nutzen, um sich und ihr Land auf dem 12. Deutsch-Arabischen Wirtschaftsforum würdig zu präsentieren und ihre Kontakte in Deutschland zu aktivieren. Ich bin überzeugt davon, dass das Jahr 2009 positive Entwicklungen in den Handelsbeziehungen zwischen Syrien und Deutschland mit sich bringt. Sicherlich wird das 12. Wirtschaftsforum einen kräftigen Beitrag dazu leisten.
ARAB FORUM: Welche Bedeutung haben die Beziehungen zu Deutschland für Syrien als europäischer Partner insgesamt?
Dr. Omran: Die Beziehungen zwischen Syrien und Deutschland beruhen auf tiefen Wurzeln. Wir Syrer hegen seit jeher große Sympathie gegenüber Deutschland und den Deutschen. Tausende Syrer haben in Deutschland studiert, und viele von ihnen bekleiden in Syrien hohe Posten. Diese gefühlsmäßige Bindung vieler Syrer an Deutschland lässt sie hoffen, dass sich die Beziehungen zwischen Syrien und Deutschland im beiderseitigen Interesse weiter entwickeln.
ARAB FORUM: Sie haben selbst in Deutschland, in Leipzig, Germanistik studiert und promoviert und sich in Ihrem Berufsleben viel mit Deutschland beschäftigt. Wie viel Deutschland ist in Ihnen?
Dr. Omran: Zwei Herzen schlagen in meiner Brust, eins für Syrien und eins für Deutschland. In Syrien bin ich geboren und aufgewachsen und in Deutschland habe ich studiert und promoviert. In Syrien vertrat ich Deutschland als Professor für die deutsche Sprache und Literatur und in Deutschland vertrete ich Syrien als Botschafter. Wie Sie sehen, habe ich in mir sehr viel von Deutschland.
Interview: Rainer Schubert