Syrien - Kreuzweg der Konfessionen und Kulturen
Dienstag, November 18th, 2008
Touristische Streiflichter von Rainer Schubert
Ein Land des Massentourismus ist Syrien nicht und möchte es auch nicht werden. Aber der Tourismus gehört zu den Zukunfts- und Wachstumsbranchen. 2007 betrugen die Einnahmen durch ausländische Touristen 2,7 Mrd. US-Dollar, für 2017 werden 6,9 Mrd. US-Dollar angestrebt, wie Tourismusminister Dr. Saadalla Agha Al Kalaa auf dem Deutsch-Arabischen Tourismusforum während der diesjährigen ITB bekanntgab, bei dem Syrien das Partnerland war. Investitionen in den Tourismus und Besucherzahlen weisen ebenfalls seit Jahren eine steigende Tendenz auf. Mit fast 34.000 Gästen repräsentierten die Deutschen 2007 die zweitgrößte Nation europäischer Touristen nach Russen mit etwa 42.500.
Natürlich eignet sich das Levanteland mit seiner Mittelmeerküste auch zum Erholungs- und Badeurlaub, aber das hauptsächliche touristische Kapital ist die Kultur. Am Kreuzweg der Konfessionen und Kulturen ist Syrien mit historischen Zeugnissen überreich gesegnet. Im problemlosen Miteinander zahlreicher Glaubensbekenntnisse wirkt dies bis heute fort. Wer unsere Zivilisation besser verstehen will, kommt um einen Besuch Syriens nicht herum.
Für gewöhnlich beginnt die Reise in Damaskus, einer der ältesten Städte der Welt, pulsierend und lebhaft, “Inbegriff der Stadtkultur des Vorderen Orients”, wie ein kunstgeschichtliches Reisehandbuch treffend zusammenfasst. Um Syrien und seine Hauptstadt zu verstehen, ist ein Besuch des Nationalmuseums unerlässlich. Genauso unerlässlich, um von der Historie in die Gegenwart zurückzufinden, ist der Besuch des Souk al-Hamidiya, ein überdachtes Gassengewirr voller orientalischen Lebens, der aber, untypisch für einen Souk, keine Viertel und Quartiere kennt, in denen die unterschiedlichen Gewerbesparten jeweils zusammengefasst sind, sondern eher einem Supermarkt gleicht.
Von ihm gelangt man zu einem der bedeutendsten Bauwerke, dass es wohl weltweit gibt, der Omayyadenmoschee, die für sich schon allein Damaskus’ Epochenreichtum verkörpert. Seit 705 vollständig in eine Moschee umgewandelt, war es ursprünglich ein römischer Tempelbezirk, der auch christlich genutzt wurde. “Dein Reich, o Christus, ist ein ewiges und deine Herrschaft wird über alle Generation dauern” wird der Psalm 145 über dem Südportal zitiert. In den Gassen um die Moschee laden Kaffee- und Teehäuser ein, in denen die Damaszener sich bei einer Wasserpfeife entspannen.
Die zweite, seit Jahrtausenden besiedelte Stadt, die bei keinem Syrienbesuch ausgelassen werden sollte, ist Aleppo, ebenfalls ein Kreuzungspunkt der Handelswege zwischen Mittelmeer und Mesopotamien. Zentraler Punkt, auch historisch, ist die hoch gelegene Zitadelle, von der man in den auch hier sehr sehenswerten Souk gelangt, der dieses Mal die typische Aufteilung nach Handelssparten aufweist. Auch wenn es ein Einkaufsort für Einheimische ist, so sind die Händler doch auf Touristen eingestellt, indem sie Grundkenntnisse ihrer Sprache besitzen und US-Dollar oder Euro entgegennehmen. Bei den Preisverhandlungen bleibt der Tourist in der Regel zweiter Sieger, der Händler wird immer etwas verkaufen.
Aleppos Altstadt ist ein Musterfall nachhaltiger Stadtentwicklung, wie auf S. 28-30 in diesem ARAB FORUM beschrieben. Zur Erhaltung der alten Stadt- und Sozialstruktur ist ihre Erschließung für Touristen hinzugekommen. Der Besucher wandert durch enge Gassen, geht durch schmale Türen und steht in großzügigen Hallen mit Marmorfußböden, Springbrunnen und umlaufender Galerie. Reich verzierte Türen im Erd- und Obergeschoss gehen von diesen Empfangsräumen ehemaliger Kaufmannspalais ab, die jetzt als Restaurant oder Hotellobby den Gast für sich einnehmen. Beispielhaft seien das Beit Wakil (www.beitwakil.com) oder das Sissi House (www.sissihouse.com) genannt.
Nostalgiker bevorzugen in Aleppo das Hotel Baron in der Baron Street, einen Ort der Zeitgeschichte. Als es 1909 begonnen wurde zu bauen, stand es noch am Stadtrand inmitten von Gärten. Bis heute ist es im Besitz der armenischen Gründerfamilie Mazloumian, doch ist die Umgebung inzwischen belebt und dicht bebaut, wirkt durchaus französisch. Das Haus ist ein wenig verschlissen, doch gehört dies zur Pflege der Patina. Winston Churchill, König Faisal, Lawrence von Arabien, Agatha Christie und andere Größen der Geschichte logierten hier. Das Hotel hat Kultcharakter, und den pflegt man zur Freude seiner Gäste z. B. mit einer altmodischen Telefonanlage, einem rostigen Schild des Automobilclubs von Deutschland (AvD) oder alten KLM-Plakaten.
Ein einzigartiger Ort ist Maalula, 1650 Meter hoch in einer Felsenschlucht gelegen, von weitem sichtbar, wenn man sich über die Straße von Süden aus Damaskus kommend nähert. Postkartenblick. Wir befinden uns auf einer Sprachinsel, denn die zu zwei Dritteln christliche Bevölkerung spricht noch als einzige die Sprache Jesu Christi, aramäisch. Im antiken Kloster, den Martyrern Sergius und Bacchus geweiht, wird das Vaterunser in aramäisch gesprochen, für die Besucher Attraktion und Seelsorge zugleich.
Auf dem weiteren Weg von Damaskus nach Norden liegen zwei bedeutende Burgen am Weg, Krak de Chevaliers und Qalaat Saladin. Sie verleihen der Epoche der Kreuzzüge bauliche Gestalt und geben dem Besucher eine begreifbare Vorstellung jener Zeit.
Krak de Chevaliers, 755 Meter hoch zwischen Homs und der Mittelmeerküste gelegen, entstand bereits 1031 durch den Emir von Homs und wurde von 1150 bis 1250 von den Johannitern zu einem Bollwerk des Christentums gegen den Islam ausgebaut, in dem etwa 1500 Fußsoldaten und bis zu 400 Ritter und 400 Pferde Platz fanden. 1271 kapitulierten die Ritter vor dem belagernden Mamluken-Sultan Baibars. 1933/34 restaurierte die französische Mandatsmacht die gewaltige Burg, mit ihren weitläufigen, bis zu 120 m langen Räumen: eine Insel europäischen Mittelalters im Orient.
Nicht weniger eindrucksvoll ist Qalaat Saladin, ebenfalls eine Kreuzritterbefestigung, unweit Lattakia im Küstengebirge zwischen Mittelmeer und Orontesebene gelegen. Bemerkenswert ist die Lage 600 Meter hoch auf einem 740 Meter langen und maximal 150 Meter breiten Bergrücken, der in steile Schluchten abfällt. In sie muss man hinunter und aus ihnen gleich wieder hinauf, um zur Burg zu gelangen, nachdem man sich ihr auf Augenhöhe genähert hatte. 1188 eroberten Saladins Truppen die bis dahin als uneinnehmbar geltende Burg. Als fast unvorstellbare Leistung muss der Bau des Grabens an der Ostseite der Burg gelten, durch den man sie vom Bergrücken getrennt und ihre Eroberung dadurch lange Zeit unmöglich gemacht hatte. 150 Meter lang, 14 bis 19 Meter breit und 28 Meter tief hat man diesen Graben in den Fels gehauen und nur einen Obelisken als Auflage für die Zugbrücke stehen lassen.
Zuletzt soll uns der Weg in die Ruinen- und Oasenstadt Palmyra führen, nordöstlich von Damaskus, in der Mitte Syriens auf dem Weg zum Euphrat und nach Irak am Rande der Wüste gelegen. Untrennbar verbunden mit Palmyra ist der Name der Zenobia, der Gattin des gewaltsam ums Leben gekommenen Palmyra-Fürsten Odaenathus, die nach ihm herrschte, aber später in Ketten durch Rom geführt wurde. Denn sie setzte, machtbewusst aber nicht immer geschickt, seine Autonomiepolitik zwischen den rivalisierenden Reichen der Römer im Westen und der Parther im Osten fort.
Zu Anfang des 17. Jahrhunderts wurden die Ruinen aus römischer Zeit von Italienern, Franzosen und Engländern für die Wissenschaft neu erschlossen. Die Schönheit der von Säulen gerahmten ehemaligen Prachtstraßen, die an Tempelruinen vorbeiführen, wirkt unvergesslich im Augenblick des Sonnenuntergangs.
Palmyra braucht Zeit, ist ein Ort für Phantasie und Genuss. Der Gast kann sich im luxuriösen, geschickt in die Umgebung eingepassten und um die Efqa-Quelle herum gebauten Hotel Cham Palace einquartieren oder – wieder nostalgisch – im Hotel Zenobia am Rande des Ruinenfeldes, auf dessen Terrasse auch schon Agatha Christie ihre Phantasie inspirieren ließ.