Bernd-Dieter Fridrich (Berlin/Brüssel),
Fachjournalist für Wirtschaft, Tourismus und Umweltschutz
Kaum ein anderes arabisches Land ist so faszinierend und immer wieder aufs Neue atemberaubend wie das vorderasiatische Königreich, das als einziger Staat der Welt nach seiner Königsfamilie benannt ist und am 23. September 1932 als Saudi-Arabien unter König Abdel Aziz al-Sa‘ud vereint wurde. Über 95 Prozent der Landesfläche mit insgesamt 2,24 Millionen Quadratkilometern sind Wüste.
Und was sich auf dem bewohnbaren Gebiet gerade in letzter Zeit tut, zieht jeden in seinen Bann, der in das Land mit knapp 24 Millionen Einwohnern (86 % Saudis, 10 % Jemeniten, 4 % Sonstige) und mit den weltweit größten Öl- und Gasreserven, den gigantischen Raffinerien und petrochemischen Anlagen tiefer eindringt. Ein riesiger Investitionsboom prägt heute den saudischen Herrscherstaat, in dem Geld keine Rolle zu spielen scheint. Den Weg in die Zukunft weisen Industriestädte aus der Retorte und ein Bauboom, der längst auch das Pilgergeschäft mit den heiligsten Städten des Islam, den religiösen Zentren Mekka und Medina, erreicht hat. Den Bergbau hat die doch eher konservative Königsfamilie als neues Standbein für die Wirtschaft entdeckt.
Saudi-Arabien, zwischen dem Roten Meer und dem Arabischen Golf gelegen, sieht sich gleichwohl nicht in der Funktion eines Trendsetters in der Region, kommen grundlegende Veränderungen in dem heißen Wüstenstaat doch meist nur im Schneckentempo daher, doch wenn sie kommen, dann mit Macht, wobei zunehmend die arabischen Nachbarn vorleben, wie aus Zukunftsvisionen Gegenwart wird, etwa am Beispiel Dubai oder Abu Dhabi. Bei Besuchen dort ist den saudischen Machthabern klar geworden, dass sie sich nicht länger von der Außenwelt abschotten können und Gefahr laufen, den Anschluss an das 21. Jahrhundert zu verlieren. Dies gilt vor allem für dringend benötigte Maßnahmen zur Verbesserung der Infrastruktur, etwa den Bau oder Ausbau von See- und Flughäfen, die Modernisierung des Straßenund Schienenverkehrs, den Bau von Shoppingmeilen oder für die Strom- und Trinkwasserversorgung.
Im Gegensatz zu den kleinen Golfstaaten baut man im Königreich in erster Linie für die eigene Bevölkerung und fromme Pilger, nicht unbedingt für Einwanderer aus den Nachbarländern oder für Shopping-Touristen.
Zu den neuen Prestigeobjekten, die nicht zuletzt die Konjunktur im Nicht-Ölsektor stützten sollen, gehören sechs „Economic Cities“. Jede dieser Retortenstädte ist spezifischen wirtschaftlichen Sektoren vorbehalten, sinnvoll über verschiedene Regionen des Landes verteilt, um neue Arbeitsplätze für die stark wachsende Bevölkerung zu schaffen. Prunkstück der bisherigen Planung ist die „King Abdullah Economic City“ nördlich von Jiddah am Roten Meer, für die erst einmal 26 Milliarden US-Dollar eingeplant sind: Tourismus, Leichtindustrie und Dienstleistungen als zentrale Ziele der Stadtentwicklung. Kern der neuen Stadt ist ein neuer Hafen. Bis 2020 sollen 27 Milliarden US-Dollar für den Aufbau einer Schwerindustrie nahe der geplanten neuen Stadt „Jazan Economic City“ für eine Erdölraffinerie, einen Petrochemie-Komplex sowie für eine Kupferraffinerie und Kupferschmelze bereit stehen. Bergbau und Landwirtschaft stehen im Mittelpunkt der Neuansiedlung „Prince Abdulaziz bin Musaed Economic City“ (8 Mrd. USD), die Informationstechnologie dagegen im geplanten
Wissenschaftszentrum „Knowledge Economic City“ in der heiligen Stadt Medina (7 Mrd. USD). Das Projekt „Jiddah Mixed-Used Development“ (13 Mrd. USD) weist ein spektakuläres Wohn-/Gewerbe- und Industriegebiet aus.
INVESTITIONEN OHNE ENDE
Das Investitionstempo im Königreich hat in den letzten vier Jahren deutlich zugelegt. Nach wie vor führt hier der Staat deutlich vor dem Privatsektor. Neben dem Bauboom ziehen die Industrieinvestitionen kräftig an. Nach Mitteilung der SAGIA (Saudi Arabian General Investment Authority) hat die Behörde im Jahr 2006 nicht weniger als 1.389 Projekte lizenziert. Die dahinter stehenden Investitionen belaufen sich auf 253 Milliarden Saudi-Riyal (SRI). Nach SAGIASchätzungen muss Saudi-Arabien in den kommenden zwei Jahrzehnten etwa 600 Milliarden US-Dollar investieren, um seine wirtschaftlichen Ziele zu erreichen. Mittelfristig bis 2012 geht SAGIA von Investitionen um die 265 Milliarden USD aus, unter anderem in den Bereichen Bauprojekte (106 Mrd. USD), Petrochemie (66 Mrd. USD), Ölund Gassektor (53 Mrd. USD), Strom- und Wasserwirtschaft (20 Mrd. USD) und das verarbeitende Gewerbe (13 Mrd. USD). In den kommenden fünf Jahren sollen besonders die Raffineriekapazitäten erhöht und gewaltige Petrochemie-Komplexe aus dem Boden gestampft werden. Exportraffinerien werden bei Yanbu (13 Mrd. USD) und Jubai (8 Mrd. USD) entstehen. Bei Ras Tanura wollen Saudi Aramco und Dow Chemical ungefähr 25 Milliarden US-Dollar in einen riesigen Petrochemie-Komplex investieren. Schon im Jahr 2010 will das Königreich mit der weltweit größten integrierten Düngemittelfabrik glänzen. Bei Ras Al Zour werden eine Aluminiumraffinerie und eine Aluminiumschmelze entstehen. Das hierfür benötigte Phosphat und Bauxit liefern Güterzüge auf einer neuen Eisenbahnlinie mit einer Länge von rund 1.200 Kilometern an. Ein 1.800-Megawatt-Kraftwerk, eine Wasserentsalzungsanlage und ein neuer Hafen tehen ebenso auf dem Programm wie mehrere, bereits im Bau befindliche Krankenhäuser und Schulen. Ein Passagierverkehr mit der Eisenbahn zwischen den heiligen Städten Mekka und Medina steht ganz oben auf der Agenda; für die 444 Kilometer lange Strecke sind um die 6 Milliarden US-Dollar eingeplant, um bis zum Jahr 2025 ungefähr 9,2 Millionen Personen pro Jahr eine Hadsch oder doch eine kleine Pilgerfahrt, die so genannte Umrah, zu ermöglichen. Der „King Abdul Aziz International Airport“ in Jiddah erfährt eine Aufwertung für etwa zwei Milliarden US-Dollar. Inzwischen haben sich die Saudis ihrer zahlreichen Bodenschätze erinnert, die meist in abgelegenen, schwer zugänglichen Landesteilen unter dem Wüstensand liegen: metallische Mineralien wie Gold, Silber, Eisenerz, Kupfer, Zink, Bauxit, Uran, Blei, Magnesit, Kohle, Wolfram sowie nichtmetallische Mineralien wie Phosphat, Quarzsand, Feldspat, Kaolin, Basaltgestein, Gips, Kalkstein, Dolomit oder Quarz. Der Bergbau soll künftig ein wichtiges neues industrielles Standbein sein, damit die Staatseinnahmen des größten Erdölförderers unter den OPEC-Ländern nicht ganz überwiegend aus dem reichlich vorhandenen schwarzen Gold fließen. Wenn es gelingt, die jetzt angeschobenen Megaprojekte in den kommenden anderthalb Jahrzehnten umzusetzen, hat das Königreich die besten Aussichten, eine solide Grundlage für ein gesichertes Wachstum außerhalb des Erdölsektors zu schaffen. Dank der Einnahmen hieraus, die im Jahr 2006 bei einem Rekordwert von etwas über 190 Milliarden US-Dollar lagen (zum Vergleich: „nur“ 82 Milliarden USD im Jahr 2003), sind die nötigen Finanzmittel gesichert. Welchen Spielraum Riad bei den Finanzmitteln hat, zeigt der Positivsaldo in der Leistungsbilanz von rund 95 Milliarden US-Dollar im Jahr 2006 beziehungsweise 27 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Einen beachtlichen Teil der Exporterlöse haben die Saudis international angelegt. Die Auslandsreserven des Staates haben sich 2006 um 41 Prozent beziehungsweise 63 Milliarden US-Dollar auf insgesamt 216 Mrd. USD erhöht. Damit verfügt das Königreich über Reserven, die eine Einfuhrdeckung für einen Zeitraum von drei Jahren garantieren. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf der Bevölkerung hatte sich während der mageren Ölpreisjahre von Mitte der achtziger bis in die Mitte der neunziger Jahre im Vergleich zum Stichjahr 1981 mehr als halbiert. Damals wurde die öffentliche Verschuldung hochgefahren, die jetzt wieder konsequent abgebaut wird.
WIRTSCHAFTSWACHSTUM UND ARBEITSMARKTPOLITIK
Die sehr ehrgeizigen Entwicklungspläne der Herrscherfamilie mit einer beabsichtigten Verdoppelung des Wirtschaftswachstums stellt das Land vor immense Herausforderungen bei der Einwanderung. Offiziell gilt die so genannte Saudisierungspolitik, die eine drastische Erhöhung des Anteils saudiarabischer Staatsangehöriger bei der Beschäftigung vorsieht. Der Privatsektor beschäftigte 2005 nicht weniger als 4,74 Millionen Ausländer unter den insgesamt 5,36 Millionen Arbeitnehmern, das heißt nur ungefähr 620.000 saudische Staatsangehörige. Anders war die Situation im öffentlichen Dienst: 712.000 Saudis standen hier lediglich 70.000 Ausländern gegenüber. Nicht wenige Immigranten stammen aus den angrenzenden Ländern des Königreichs: Irak (mit einer 814 km langen Landesgrenze), Jordanien (744 km), Kuwait (222 km), Oman (676 km), Katar (60 km), VAE (457 km) und Jemen (1.458 km). Der größte Teil ausländischer Arbeitnehmer kommt jedoch aus Pakistan, Indien und Bangladesch und ist überwiegend in Niedriglohnsegmenten des privaten Sektors beschäftigt, die bisher noch von der einheimischen Bevölkerung gemieden werden. Gleichwohl ist ein saudischer Taxifahrer oder Hotelportier heute keine Seltenheit mehr. Das im April 2006 in Kraft getretene neue Arbeitsgesetz bestimmt die Saudisierungsquote für Unternehmen auf 75 % der Belegschaft. Im Laufe der kommenden Jahre soll diese Marke erreicht werden. Nach wie vor besteht eines der Hauptprobleme darin, qualifizierte saudische Staatsbürger als Mitarbeiter zu finden, um die von der Königsfamilie vorgegebene Quote zu erreichen. Die Erfahrungen der Vereinigten ArabischenEmirate zeigen, dass sich ein forciertes Wirtschaftswachstum auf der Grundlage einer aggressiven Investitionspolitik nur durch einen massiven Zuzug ausländischer Fachkräfte erreichen lässt. Riad wird um eine deutliche Öffnung des Arbeitsmarktes für Ausländer nicht herumkommen.
Nur langfristig werden sich die Widersprüche zur Saudisierungspolitik durch eine intensive Qualifizierung der einheimischen Bevölkerung auflösen lassen. Dazu bedarf es zunächst auch einer deutlichen Erhöhung der Alphabetisierungsquote. Hoffnungsvolle Anfänge durch Schulneubauten sind gemacht. Die Urbanisierungsrate lag im Jahr 2004 bei 87 Prozent und die Alphabetisierungsquote bei 76,1 Prozent. Die Kindersterblichkeit betrug 2,5 Prozent. 523 Einwohner kamen auf einen Arzt im Königreich. Eine Fülle von Großprojekten wird wohl noch auf Jahrzehnte die Nachfrage nach internationalen Partnern sichern. Vor allem Klein- und Mittelbetriebe können über Kooperationen mit lokalen Partnern in den größten Wachstumsmarkt der Region einsteigen. Anbieter spezialisierter Leistungen werden auf ein reges Interesse in dem bevölkerungsreichsten und wirtschaftlich stärksten Land des Mittleren Ostens stoßen. Der Wohlstand des Landes basiert auf massiven Rohstoffvorkommen - mit rund einem Viertel weltweit die größten Erdölreserven und an vierter Stelle bei den Erdgasreserven. Gleichwohl hat das gestiegene Bewusstsein für die Endlichkeit der Ressource Erdöl die Diversifizierungsanstrengungen in der Wirtschaft beflügelt.
Erst vor einiger Zeit erklärte die Weltbank das Geschäftsklima im Königreich für das beste der Region. Bezeichnend für die derzeitige Wirtschaftslage sind das gestiegene Vertrauen ausländischer Investoren und die iederkehrende Bereitschaft der Saudis, nicht nur in anderen Staaten der Golfregion, sondern auch wieder verstärkt im eigenen Land zu investieren. Das günstige Geschäftsklima dürfte jüngst durch das Dekret des saudischen Monarchen Abdullah vom Oktober 2007 über die Vorgehensweise zur Wahl eines Nachfolgers auf dem Königsthron noch positiv beeinflusst werden. Der königliche Erlass soll in Zukunft eine nahtlose und vor allem konfliktfreie Machtübergabe innerhalb des saudiarabischen Königshauses gewährleisten. Anders als in europäischen Königshäusern üblich, geht der Thron in Saudi-Arabien nicht automatisch vom König auf den ältesten Sohn über.
WÄHRUNGSBINDUNG ALS WACHSTUMSBREMSE
Die kaum noch zu überblickenden Investitionsvorhaben verlangen ein hohes Maß an ausländischer Expertise und auch erhebliche Zulieferungen aus dem Ausland. Für das Jahr 2008 erwarten Fachleute eine weitere Importsteigerung um 25 Prozent auf US-Dollar-Basis. Die Einfuhren für 2007 lagen sogar bei einem Plus von 29 Prozent. Die Importe dürften auch in den nächsten Jahren deutlich zulegen, ohne dass dies zu einer negativen Leistungsbilanz führt. Das Wirtschaftswachstum wird weiter zunehmen und sich 2008 sowie 2009 bei voraussichtlich jeweils 5,6 Prozent einpendeln. Umwälzende Überraschungen sind von der saudi-arabischen Wirtschaftspolitik nicht zu erwarten, lediglich vorsichtige Reformen, um die Nicht-Öl-Sektoren zu fördern und dringend benötigte Arbeitsplätze zu schaffen. Der derzeitige Wertverlust des US-Dollar, an den der Saudi-Riyal (SRI) gebunden ist (1 USD = 3,75 SRI), wird im Land heftig diskutiert. Während sich Wirtschaftskreise für eine Aufgabe der festen Bindung zugunsten eines Währungskorbs aussprechen, scheint die Regierung in der Landeshauptstadt Riad am bisherigen Kurs festhalten zu wollen.
Über allem wacht sehr aufmerksam König Abdullah bin Abdel Aziz al Saud, der die sehr unterschiedlichen Interessen des Familienclans sowie der sunnitischen Geistlichkeit beachten muss, damit letztlich die Herrscherfamilie der Al Saud ihren Einfluss behält und damit weiterhin die staatstragende Rolle im Land spielen kann.