“Wir möchten ein Beispiel der Toleranz, der pluralistischen Gesellschaft und der wirtschaftlichen Entwicklung geben.”
Mittwoch, Mai 27th, 2009
Interview mit dem Botschafter Jordaniens, S. E. Issa Ayyoub
ARAB FORUM: Exzellenz, vor gut zehn Jahren, im Februar 1999, wurde S. M. Abdullah II. König von Jordanien. Er trat sein Amt mit der Absicht an, die Reformen fortzusetzen, die sein Vater, König Hussein, begonnen hatte. Welche Intention haben diese Reformen?
Ayyoub: Auf Anweisung Seiner Majestät hat die Regierung, zusammen mit nicht-staatlichen Organisationen und anderen Institutionen der Zivilgesellschaft, das Reformtempo erhöht. Die Reformen betreffen die Stärkung der Demokratie und die politische Partizipation unter Einbeziehung der Frauen, die Durchführung freier, unabhängiger Wahlen, die Stärkung einer freien, unabhängigen Presse und der freien Meinungsäußerung. Die Zivilgesellschaftsoll soll im Einklang mit den Gesetzen an der sozialen, wirtschaftlichen und politischen Entwicklung mitwirken.
Betonen möchte ich die Fortschritte bei der Einbeziehung der Frauen in die gesellschaftlichen Aufgaben. Dies hat einen erheblichen positiven Einfluss auf die Stärkung der Demokratie und die Erschließung menschlicher Ressourcen.
Das Königreich Jordanien widmet sich zudem mit großem Interesse der Bildung und Ausbildung der Jugend, wie es einer modernen Wirtschaft angemessen ist.
Wir fördern in der Jugend Toleranz und Verständnis, sichern ein hohes Bildungsniveau und unterstützen Neugier und Kreativität bei allen Schülern und Studenten, in ihren Familien und den Schulen, um tiefere und umfassendere Kenntnisse der Religionen und Kulturen untereinander zu erreichen.
ARAB FORUM: Was ist der gegenwärtige Stand der wirtschaftlichen, sozialen und politischen Veränderungen in Jordanien?
Ayyoub: Als einer der ersten Staaten in der Region hat Jordanien Reformen eingeleitet. Wir möchten ein Beispiel der Moderne, der Toleranz, der pluralistischen Gesellschaft sowie der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung geben, sowohl für die eigene als auch für andere Regionen. Dazu gehört das Wahlrecht. Kommunal- und Parlamentswahlen haben in absoluter Transparenz stattgefunden. Jordanien fördert die Unabhängigkeit der Justiz und der Presse. Weitere Projekte sind: Stärkung der politischen Parteien, Teilhabe der Frauen und der Jugend am politischen Leben, Wahrung der Gleichberechtigung und der Chancengleichheit sowie Stärkung der privaten Wirtschaft. Im Mittelpunkt des Interesses der jordanischen Regierung steht die langfristige Modernisierung der Wirtschaft. Dazu gehören die Steigerung der Produktivität und die Bekämpfung von Armut und Arbeitslosigkeit.
Ich möchte betonen, dass trotz der Lage in einer konfliktträchtigen Region und der Herausforderungen, denen sie ausgesetzt ist, Jordanien seine Reformen auf dem Wege der Demokratie unbeirrt fortsetzt. Dank seiner Sicherheit und der Einhaltung der Menschenrechte ist es zu einem Ziel der Bürger anderer Staaten der Region geworden.
Bei dieser Gelegenheit muss unbedingt auf die unentwegten Bemühungen S. M. König Abdullah II. hingewiesen werden, die moderaten Kräfte in der Region gegen jene des Extremismus und der Abgrenzung zu stützen und die schwierigen Probleme auf dem Wege der Diplomatie und des Dialogs zu lösen, damit unsere Region in Sicherheit und dauerhaftem Frieden leben kann.
ARAB FORUM: Jordanien spielt eine führende Rolle beim Dialog der Kulturen. Was hat Jordanien durch diese Bemühungen erreicht?
Ayyoub: Ausgehend von der traditionell anerkannten Stellung der Haschemiten in der islamischen Welt, stellte König Abdullah II. in seiner Amman-Botschaft am 9. November 2004 das moderate Bild des Islam heraus.
Die Botschaft verurteilt alle Formen des Terrors, der Gewalt, der Diskriminierung und der Einseitigkeit. Auch ruft sie zur Vertiefung des zivilisatorischen Miteinanders auf und betont den besonderen Inhalt des Islam, den die Menschheit gerade in der jetzigen Weltkrise dringend braucht, um den Beitrag der Araber und Muslime für die Zivilisation zu festigen.
In Amman wurde auch die “Amman-Charta für den zivilisatorischen Dialog” proklamiert, die eine klare Einladung der Wissenschaftler Jordaniens an die Gelehrten der Welt beinhaltet, um Dialog und Zusammenarbeit beim Aufbau einer Gesellschaft zu intensivieren, die frei von Rassismus, Engstirnigkeit und Zwietracht ist.
Die Charta ruft die arabische und islamische Welt dazu auf, mehr in Wissenschaft und Technik zu investieren. Ebenso sollten die Universitäten bei der Erarbeitung von Lehrplänen, der Forschung und der Lösung der gegenwärtigen Probleme kooperieren.
Die Charta hält auch zum Kompromissdenken an. Dies dient der Gegenwart und Zukunft aller Muslime. Auch empfiehlt sie die Integration im Westen lebender islamischer Minderheiten in die dortigen Gesellschaften, um Bestandteile von ihnen zu werden und eine partnerschaftliche Rolle zu spielen, ohne die Identität, spezifische Eigenheiten und die Zugehörigkeit zum Islam aufzugeben.
ARAB FORUM: Insbesondere möchte Jordanien seine Wirtschaft modernisieren und Investoren anziehen. Welche Erleichterungen und Vorteile werden ihnen gewährt?
Ayyoub: Jordanien liegt am Schnittpunkt dreier Kontinente. Diese regionale Lage und sein ausgezeichnetes Straßennetz machen Jordanien zu einem idealen Sprungbrett für viele Unternehmen, die in die benachbarten Länder exportieren wollen, mit denen wir Handelsabkommen unterhalten. Dadurch erweitert sich der Kundenkreis dieser Unternehmen auf über eine Milliarde Konsumenten in Nahost, Europa und Nordamerika. Außerdem stärkt das politische und ökonomische Klima des Königreichs seine Rolle als Depot zur Versorgung dieser riesigen Märkte.
Das jordanische Investitionsförderungsgesetz bietet eine Reihe Anreize und Vorteile, besonders in der Industrie, der Landwirtschaft, im Krankenhauswesen, der Hotellerie, bei Erholungseinrichtungen, im See- und Eisenbahntransport und der Distribution von Wasser und Gas. Dies gilt auch für Erdölprodukte und Messen. Jordaniens Wirtschaft bietet zudem Chancen in schnell wachsenden Branchen wie Bergbau, Pharmaindustrie, der Informations- und Kommunikationstechnologie, den Produkten des Toten Meeres, der Bekleidungsindustrie, dem Tourismus sowie bei Immobilien und im Motorenbau.
(Anm. d. Red: In Folgenden erläutert Botschafter Ayyoub die wesentlichen Wirtschaftsprojekte Jordaniens.)
Al Aqabah Sonderzone
Mit einem mutigen Schritt erklärte die Jordanische Regierung das Gebiet Al Aqabah (den jordanischen Seehafen samt Umgebung mit 375 km2 Gesamtfläche) zu einer Freihandelszone. Dieses Gebiet zieht private und ausländische Investitionen magnetisch an, da es über eine hoch entwickelte Infrastruktur, ausgezeichnete Dienstleistungs- und Versorgungssysteme, hohe Lebensqualität und ein hervorragendes Investitionsklima verfügt.
Die Hauptinvestitionschancen bietet das Industriegebiet Al Aqabah-Süd. Es erstreckt sich auf über 12 km2 Fläche um das ausbaufähige Gebiet der Schwerindustrie, das sich entlang des neuen Hafens Al Aqabah erstreckt, der in den nächsten fünf Jahren fertig gestellt sein wird. Dessen zwei Kaianlagen für den Im- und Export flüssiger und nichtflüssiger Gütern sind bereits in Betrieb.
Die Entwicklungsbehörde für die Sonderzone Al Aqabah interessiert sich für Kooperationen mit Investoren vieler Branchen, wie Eisenbahn, Industrieanlagenbau, technische und biologische Forschungszentren sowie den Bau von Stützpunkten zur Wartung der Industrieausrüstungen im Al Aqabah - Gebiet.
Das Entwicklungsgebiet König Hussein Ibn Talal
Es befindet sich in der Stadt Mafraq, ca. 60 km nördlich von Amman, an einem Kreuzungspunkt der Straßen nach Syrien, Irak und Saudi-Arabien. Das Gebiet entstand auf einer Fläche von 21 km2 entlang des Mafraq - Flughafens und einer Eisenbahnstrecke, um die Region zu industrialisieren. Die dafür erlassenen Gesetze sichern den Interessenten Investitionschancen in den Industrie- und Dienstleistungssektoren. Von dieser exponierten geografischen Lage aus sind durch das gute Straßennetz zu den Seehäfen und den König Hussein-Flughafen in Mafraq mehr als 300 Millionen Konsumenten erreichbar. Damit kann dieses Gebiet nicht nur zu einem Produktions- und Dienstleistungszentrum für Leicht-, Lebensmittel-, Pharma-, und Chemieindustrie, sondern auch zu einem Logistikzentrum zur Weiterverteilung in die Nachbarländer werden.
Das Entwicklungsgebiet Irbid
Dieses Gebiet, im Norden Jordaniens, zeichnet sich durch Forschungszentren, eine Technische Universität und das Universitäts-Krankenhaus König Abdullah II. aus. Ca. 20 km vom Zentrum Irbids und ca. 80 km von Amman entfernt, erstreckt es sich über 3,2 km2. Es konzentriert seine Investitionen auf die Kommunikations- und Informationstechnologie, medizinische Dienstleistungen sowie Forschung und Entwicklung.
Hervorzuheben sind wettbewerbsfähige Investitionsgesetze sowie seine ca. 50.000 Studenten, von denen sich eine große Zahl auf die wissenschaftliche Forschung spezialisiert. Irbid zählt fast eine Million Einwohner.
Dieses Entwicklungsgebiet richtet sich an Investoren aus Industrie und Dienstleistungen sowie an Entwickler von Dienstleistungssystemen, einschließlich Hotellerie, Gastronomie und anderer Geschäftszweige.
Das König Abdullah II. Zentrum für Design und Entwicklung KADDB
1999 auf königliche Weisung errichtet, bietet es den jordanischen Streitkräften technisch-wissenschaftlich hochwertige Dienstleistungen an. Das Zentrum bietet Kapazitäten in Forschung und Entwicklung der Verteidigungs- und allgemeinen Industrie, sowohl für die jordanische Armee als auch für zivilen Gebrauch. Es exportiert seine Produkte in die Märkte des Nahen Ostens und Nordafrikas.
Das Zentrum ist international anerkannt, da es sich in seiner Arbeit und Produktion der höchsten Qualitätsnormen bedient. Es wurde als regionales Zentrum für Innovation, Arbeitsqualität, Produktion und Investition anerkannt. Es bietet seine wissenschaftlichen und technischen Dienste auf höchstem Niveau weltweit an.
Das Zentrum interessiert sich für gemeinsame Projekte mit internationalen Firmen im Motorenbaus, der Elektronik, der Luftfahrt, der Sicherheitsindustrie und für die Ausbildung und Qualifizierung der Mitarbeiter dieser Industriebereiche.
Die Strategie der Entwicklung der Eisenbahnlinien in Jordanien
Jordanien hat mit den meisten Nachbarstaaten internationale Abkommen zur Entwicklung der Eisenbahnlinien unterzeichnet, um die Wirtschaft der gesamten Region miteinander zu verbinden und den Handelsverkehr zu erleichtern. Das jordanische Eisenbahnnetz entspricht international geforderten Standards. Die Nachbarländer arbeiten inzwischen am Anschluss ihrer Eisenbahnlinien an das jordanische Netz mit den gleichen Standards.
Das Projekt der Wasserumleitung vom Roten Meeres zum Toten Meer
Jordanien beabsichtigt mit diesem strategischen Projekt der Wasserumleitung vom Roten zum Toten Meer seinen Trinkwasserbedarf zu decken, Strom zu erzeugen und die einzigartige Landschaft des Toten Meeres für künftige Generationen zu bewahren. Gegenwärtig befindet sich das Projekt im Stadium der Prüfung der Wirtschaftlichkeit und der biologischen Folgen. Die abschließenden Berichte werden für Ende des nächsten Jahres erwartet. Das Projekt würde durch die Umleitung von 1.900 Millionen m3 Wasser aus dem Roten Meer den Wasserspiegel des Toten Meeres stabilisieren, der durch den Verlust einmündenden Flusswassers gefährdet ist. Zudem soll der Trinkwasserbedarf des Königreichs mit ca. 570 Millionen m3 Wasser gedeckt werden. Dieses Projekt bedeutet Investitionschancen für Stromerzeugungsunternehmen, für den Bau von Meerwasserentsalzungsanlagen sowie für medizinische und Erholungseinrichtungen.
Investitionen auf den Gebieten der erneuerbaren Energien, der Ausbildung und Berufsbildung
Das Königreich Jordanien entwickelt seine Infrastruktur und Gesetze für Investitionen auf dem Gebiet der erneuerbaren Energien.
Ein neues Gesetz für Investition in erneuerbare Energie befreit den Investor vollends von Steuern oder Abgaben auf Einkünfte aus diesen Investitionen. Außerdem erlaubt es dem Investor, das gesamte Projekt zu errichten, zu betreiben und im Alleineigentum zu halten.
Mit befreundeten Staaten wie Deutschland arbeitet Jordanien an Ausbau und Verbesserung seiner technischen und beruflichen Aus- und Weiterbildung. Ein besonderes Augenmerk wird zurzeit auf die Branchen Bauwesen, Tourismus und erneuerbare Energien gerichtet.
Hinsichtlich der Aus- und Weiterbildung bieten die jordanischen Gesetze Investitionsanreize, u. a. durch Steuerbefreiung. Jordanien verfügt über das erforderliche Know-how für Aufbau, Betrieb und Vermarktung solcher Projekte auf lokaler, regionaler und internationaler Ebene.
ARAB FORUM: Excellenz, vielen Dank für das Gespräch.