"Libanon hat viele Umbrüche durch Kompromisse überstanden."
Donnerstag, November 19th, 2009
Libanon gilt als Tor zwischen Orient und Okzident. Zahlreiche Kulturen hinterließen am Ostrand des Mittelmeers einerseits ihre Spuren und zogen andererseits von dort in die Welt. Als Treffpunkt der Kulturen und Religionen erwarb sich das Land der Zedern den Ruf großer Offenheit, das es für Künstler wie Geschäftsleute immer attraktiv gemacht hat. Die in der Verfassung verankerte Machtbalance der religiösen Gruppen sorgt für Stabilität. Aber in der letzten Zeit ist das Land zum Spielball der Interessen des Nahostkonflikts geworden, so dass Nachrichten über Krieg und Bürgerkrieg vorherrschten. Mit den jüngsten Präsidenten- und Parlamentswahlen findet Libanon zur früheren Stabilität zurück. Über die Zukunft des Landes sprach ARAB FORUM mit S. E. Ramez Dimechkié, Botschafter der Libanesischen Republik in Berlin.
S. E. Ramez Dimechkié, Botschafter der Libanesischen Republik in Berlin
ARAB FORUM: Welche Zukunftsaussichten ergeben sich aus den jüngsten Parlamentswahlen für die Politik in Libanon und in der Region?
S. E. Ramez Dimechkié: Gegenwärtig erleben wir eine schwierige Phase der Regierungsbildung, aber es gibt eine Reihe positiver Anzeichen: im vergangenen Jahr fanden die Präsidentenwahlen statt, gefolgt von den Parlamentswahlen, die – nach allem, was bekannt geworden ist – frei und fair waren. Die Beziehungen mit Syrien haben sich normalisiert, und wir haben jetzt gegenseitige diplomatische Vertretungen. Saad Hariri hat das Mandat zur Regierungsbildung erhalten. Gegenwärtig sieht er sich dabei einigen Schwierigkeiten gegenüber, aber es wird der Augenblick kommen, dass die Parteien ihre Differenzen überwinden, die Schwankungen unterworfen sind und sehr von der so genannten “Wetterlage” abhängen. Es wird ein für alle Parteien akzeptabler Kompromiss ausgehandelt werden. Libanon ist ein Land, das viele Umbrüche durch Kompromisse überstanden hat.
ARAB FORUM: Wie werden sich die diplomatischen Beziehungen zwischen Syrien und Libanon entwickeln, nachdem eine syrische Botschaft in Beirut eröffnet ist? Welchen Einfluss wird dies auf mögliche zukünftige Friedensverhandlungen mit Israel haben?
S. E. Ramez Dimechkié: Das Kernproblem der Region muss gelöst werden. Damit meine ich, dass das Palästinaproblem von der internationalen Gemeinschaft ernsthaft angesprochen werden muss. Die Palästinenser brauchen eine Lösung, die sich auf UN-Resolutionen und einen souveränen, unabhängigen und zusammenhängenden eigenen Staat stützt. Außerdem besetzt Israel syrisches und libanesisches Territorium. Wenn diese Punkte nicht geklärt sind, dann kann es keinen Frieden mit Israel geben. Die arabische Initiative, die König Abdallah von Saudi-Arabien beim Beiruter Gipfel 2002 vorgeschlagen hat, hat Israel eine Möglichkeit für Frieden mit allen seinen arabischen Nachbarn geboten, aber dieses Angebot ist bis jetzt von Israel abgelehnt und von der internationalen Gemeinschaft ignoriert worden. Die Vereinigten Staaten und Europa sollten mehr unternehmen, um wirklichen Frieden im Nahen Osten zu fördern. Wir alle hoffen, dass Präsident Obamas Initiative in Israel nicht auf taube Ohren stoßen wird.
ARAB FORUM: Das dauerhafte Bestreben des friedlichen Zusammenlebens der verschiedenen Konfessionen spiegelt sich auch durch ein in der Verfassung geregeltes Gleichgewicht wider. Freiheit und Vielfalt der Presse und eine lebhafte Kulturszene sind Hauptmerkmale, die zum Bild Libanons gehören. Wird Libanon nach Jahren von Bürger- und Stellvertreterkriegen eine neue Stufe erreichen, auf der der Konfessionalismus schrittweise beendet wird?
S. E. Ramez Dimechkié: Alle Fraktionen im Libanon haben dem Abkommen von Taif zugestimmt, in dem Bestimmungen zur stufenweisen Zurücknahme des Konfessionalismus in der Politik getroffen worden sind. Einiger Fortschritt ist schon erreicht, aber viel mehr ist in dieser Hinsicht noch zu tun. Das kulturelle Leben ist nach wie vor sehr betriebsam. Libanon bleibt die Hauptstadt des Verlagswesens in der arabischen Welt. Mehrere internationale Festivals finden alljährlich in Baalbek, Beitedinne, Tyros und Byblos statt. Die Kunst- und Medienszene ist ebenfalls sehr aktiv. Wahrhaftige Redefreiheit stellt sicher, dass die Medien die Vielfalt des politischen und kulturellen Lebens Libanons abbilden.
ARAB FORUM: Libanon war immer ein Land, aus dem die Menschen auswandern, um zu einem späteren Zeitpunkt zurückzukehren. Kann man dies als Zeichen der phönizischen Tradition des Handels und Reisens sehen?
S. E. Ramez Dimechkié: Zweifellos besiedelten die Phönizier den Mittelmeerraum und darüber hinaus Zypern, Karthago, Algerien, Marokko, Sizilien, Italien und Spanien. Genauso wanderten Libanesen in alle Ecken der Welt aus, wo sie in jeder Gesellschaftsschicht erfolgreich waren, und ebenso halten sie enge Verbindung mit ihrem Heimatland.
ARAB FORUM: Für 2009 wird für Libanon ein Wirtschaftswachstum von vier Prozent erwartet. Welche Wirtschaftspolitik und Strategien werden ergriffen, um dieses Wachstum zu halten und zu vergrößern? Tourismus und Dienstleistungen machen einen großen Anteil der Wirtschaft aus. Welche anderen Bereiche können noch ausgebaut werden?
S. E. Ramez Dimechkié: Wir erwarten vielmehr eine Wachstumsrate in der Nähe von sieben Prozent. Hauptsächlich zwei Posten haben dazu beigetragen, dass unsere Wirtschaft erfolgreich bleibt: Die dienstleistungsorientierte Infrastruktur und die Bankgesetze haben geholfen, dass Beirut seinen Ruf als Finanzdrehscheibe des Nahen Ostens gehalten hat. Das liberale wirtschaftliche Umfeld hat Kapitalanleger ebenfalls ermuntert, in Libanon zu investieren. Natürlich hat das relativ stabile politische Klima in diesem Jahr den Tourismus und die Hotelbranche angekurbelt.
ARAB FORUM: Deutschland nimmt an der UNIFIL-Mission teil, um den Frieden in Südlibanon zu stabilisieren. In welchen anderen Bereichen, vor allem in Wirtschaft und Kultur, sind die Beziehungen zukünftig noch zu stärken?
S. E. Ramez Dimechkié: Deutschland, Frankreich und Italien sind unsere Haupthandelspartner in Europa, und ich erwarte, dass sie es in Zukunft auch bleiben. Allerdings besteht noch viel Raum für Verbesserungen im Handelsgleichgewicht mit diesen Ländern. Dies hängt weniger von unseren europäischen Partnern ab, als vielmehr von unserer Fähigkeit, die Waren und Dienstleistungen anbieten zu können, die diese Märkte verlangen.
Kulturell reichen die Beziehungen zu Deutschland in das 19. Jahrhundert zurück. Das Goethe Institut, das Orient Institut, die Deutsch-Libanesische Universität und mehrere deutsche Gymnasien in Libanon bezeugen dies.
Interview: Rainer Schubert