"Wir haben uns für die wirtschaftliche Öffnung entschieden"
Sonntag, Februar 15th, 2009
Wirtschaftstag Marokko des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft am 1. Dezember 2008 in Hamburg
Der Wirtschaftsstandort Marokko hat sich nach Ansicht des marokkanischen Ministers für Industrie und Handel Chami von den makroökonomischen Problemen der achtziger Jahre verabschiedet uns setzt nun erfolgreich auf die Bereiche Tourismus, Ausbau der Industrie und Landwirtschaft. Die Ansiedlung von Renault-Nissan, der Anstieg der Touristenzahl auf 7,8 Mio. im Jahr 2007 und die Produktion von Modeketten wie dem spanischen Modeunternehmen Zara sieht Chami als Beleg, dass Marokko in den letzten Jahren erheblich Fortschritte gemacht hat. Diese Haltung wurde während des Wirtschaftstags Marokko auch von BDI-Präsident Jürgen R. Thumann, Marco Wiedemann, dem Geschäftsführer der Deutschen Industrie und Handelskammer in Marokko und dem Präses der Hamburger Handelskammer Frank Horch bestätigt, die vor rund 130 Teilnehmern für ein verstärktes Engagement der deutschen Wirtschaft in Marokko warben.
“Marokko ist ein Knotenpunkt für den Handel im Mittelmeer”, machte BDI-Präsident Thumann auf die günstige geographische Lage Marokkos aufmerksam. “Deutschland ist für Marokko ein idealer Partner”, sprach sich Thumann auch für ein stärkeres Interesse der marokkanischen Seite aus. Die Handelsbeziehungen haben sich in den letzten Jahren intensiviert und zeigten auch 2008 eine positive Entwicklung. “Es zeichnet sich ab, dass Marokko 2008 erstmals der wichtigste deutsche Handelspartner im Maghreb wird”, sagte der BDI-Präsident. Die deutschen Exporte nach Marokko stiegen in den ersten neun Monaten um 15,4 Prozent auf über €1,1 Mrd. (2007: €977 Mio.).
“Auch wenn der Wirtschaftsstandort Marokko in den letzten Jahren an Bedeutung und Beachtung gewonnen hat, wird das Marktpotential häufig noch verkannt”, sagte AHK-Geschäftsführer Marco Wiedemann. Eine steigende Nachfrage nach Maschinen und Anlangen im Zuge der Modernisierungsprogramme biete Chancen auch für deutsche Unternehmer, ihre Aktivitäten in Marokko auszubauen. Wachstumssektoren seien die IT-Branche, die Automobilbranche mit ihren Zuliefererindustrien, der Luftfahrtsektor sowie die Elektrotechnik. Dank der konsequenten wirtschaftlichen Öffnung des Landes und der grundlegenden Liberalisierung habe sich Marokko zu einem der wettbewerbsfähigsten und leistungsstärksten Länder Afrikas entwickelt.
Besonders attraktiv ist der marokkanische Automobilsektor. Derzeit arbeiten rund 45.000 Beschäftigte in dem Sektor. Der französische Autokonzern Renault-Nissan hat Investitionen in Höhe von 600 Mio. Euro in Tanger angekündigt. Die Fabrik soll 2010 ihren Betrieb aufnehmen und zunächst eine Kapazität von 200.000 Autos pro Jahr haben und in der nächsten Ausbaustufe auf 400.000 Autos steigen. Die exportorientierte Fabrik entsteht in der Freihandelszone Tangers, die im Rahmen des neuen Tiefseehafens TangerMed geschaffen wird.
Der Tiefseehafen TangerMed ist eines der größten Investitionsprojekte Marokkos. Derzeit passieren rund 12.000 Schiffe die Hafenstadt Tanger. “Jeder fünfte Container weltweit durchquert die Straße von Gibraltar”, so Youssef Benchekroune, Vizepräsident der TangerMed Port Authority. Der neue Tiefseehafen soll dazu beitragen, dass in Zukunft ein erheblicher Teil der Handelsströme die für den Mittelmeerraum bestimmt sind, über Tanger umgeschlagen wird. An dem Ausbau des Tiefseehafens ist auch der Hamburger Terminalbetreiber Eurogate beteiligt. “Wir haben schnell begriffen, dass Tanger sehr wichtig für Eurogate werden könnte”, sagte Jörn-Peter Kassow, Direktor von Eurogate. Das Unternehmen hat 140 Mio. Euro in den Bau eines neuen Terminals investiert und will ab Frühjahr 2009 rund 600 Mitarbeiter vor Ort beschäftigen. Kassow lobte die schnelle Umsetzung des Projekts und glaubt, dass Eurogate sich mit der Wahl für Marokko richtig entschieden hat.
Der Energiesektor ist ein weiterer Bereich, in dem sich deutsche Unternehmen stärker engagieren könnten. “Fünf Mrd. Euro sollen im Energiebereich investiert werden”, verwies BDI-Präsident Thumann auf das Potenzial. Neben Kohle stehen dabei auch die erneuerbaren Energien im Fokus. In Nordafrika gehört Marokko zu den Vorreitern im Bereich der Windkraft. Bis 2012 sollen 10% des Gesamtenergiebedarfes durch erneuerbare Energien gedeckt werden, so Amal Haddouche, Generaldirektorin des Zentrums zur Förderung erneuerbarer Energien. Für die Nutzung der Windenergie bieten sich mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 11 m/s sehr gute Voraussetzungen. Amal Haddouche geht davon aus, dass das Land ausreichend Potenzial bietet, um bis 2020 Kapazitäten von 4.000 – 9.000 MW zu realisieren. Ideale Voraussetzung mit einer mittleren täglichen Sonneneinstrahlung von 5 kWh/qm bieten sich auch bei der Nutzung der Solarenergie, und auch im Bereich Biomasse könnten bis 2020 bis zu 950 MW gewonnen werden. Wichtig sei es, die notwendigen gesetzlichen Grundlagen zu schaffen um eine Entfaltung des Sektors optimal zu begleiten und auch ausländischen Investoren ein klares Regelwerk mit transparenten Strukturen zu bieten, so Haddouche. Die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) GmbH ist im Bereich der erneuerbaren Energien aktiv und berät die marokkanische Regierung u. a. bei der Ausarbeitung eines Erneuerbare Energien Gesetzes.
Unmittelbar im Abschluss an den Wirtschaftstag konnten sich achtzehn Teilnehmer im Rahmen einer viertägigen Delegationsreise, die der Afrika-Verein für das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie durchführte, von der Leistungsfähigkeit der marokkanischen Wirtschaft in Rabat, Casablanca und Tanger überzeugen.
Michael Monnerjahn
(Afrika-Verein)