Marokkaner in Europa
Dienstag, September 8th, 2009
Eine kleine Geschichte der politischen Integration
Die politische Integration von Migranten, insbesondere mit muslimischem Hintergrund, wird in regelmäßigen Abständen von Migrationsverbänden, türkischen und arabischen Organisationen und hin und wieder sogar von der Presse thematisiert. Trotz der großen Anzahl von ca. 3.3 Millionen gläubiger Muslime in Deutschland, fällt ihre Präsenz in der Politik mager aus. Vielen drängt sich daher die Frage auf, ob die Vorurteile gegen und die Angst vor dem Islam hierzulande so groß sind, dass man sich nicht einmal mehr traut dieser Bevölkerungsgruppe ihre legitime Mitsprache zu geben.
Gerade der Nachbar Holland, der sich in den letzten Jahren mit Hinblick auf den Islam eher durch Negativ-Schlagzeilen einen Namen gemacht hat, erbringt den Beweis, dass es auch anders geht. Trotz der Skandale um den Filmemacher Van Gogh, der nach einem islamkritischen Film von einem muslimischem Extremisten ermordet wurde, und der Hetzkampagnen des rechtspopulistischen Parlamentsabgeordneten Geert Wilder, steht seit Oktober 2008 der Marokkaner Ahmed Aboutaleb an der Spitze der zweitgrößten Stadt des Landes, Rotterdam. Hier zeigt sich, dass man im Grunde von einem Kampf zwischen sich feindlich gegenüberstehendem christlichem und muslimischem Kulturkreisen, wie ihn der amerikanische Theoretiker Samuel P. Huntington beschreibt, nichts wissen will. Die Tatsache, dass Aboutaleb Fan des Fußballklubs Ajax Amsterdam ist, erhitzt die Gemüter Rotterdams weitaus mehr, als sein arabischer und muslimischer Hintergrund.
Aboutaleb, Sohn eines Imams, kam mit 15 Jahren in die Niederlande, arbeitete zunächst als Journalist und kletterte dann Sprosse für Sprosse die parteipolische Karriereleiter hinauf, bevor er im Oktober des letzten Jahres zum Oberbürgermeister Rotterdams gewählt wurde. Er steht für das eher konservative Lager seiner Partei, lehnt aber alle Formen religiösen Extremismus entschieden ab und gilt in der Integrationsdebatte als jemand, der Probleme und Chancen gleichermaßen berücksichtigt und dabei weder verschönt noch übertreibt. Die Niederlande beweisen damit, dass es auch in Zeiten von internationalem Terrorismus, Huntingtons “Kampf der Kulturen” und mit Politikern wie Geert Wilders möglich ist, rational über Menschen mit muslimischem Hintergrund zu urteilen. Ganz nebenbei ist unser Nachbarland damit zu einem Paradebeispiel für politische Integration in Europa geworden. Den gläubigen Muslim Aboutaleb hat dies auch außerhalb seines Regierungsbezirks bekannt gemacht. Dies zeigt beispielsweise der Besuch Heinz Buschkowskys, Bürgermeister des Berliner Problembezirks Neukölln, im Jahre 2008 in Rotterdam und der Empfang seines niederländisch-marokkanischen Kollegen, ca. ein dreiviertel Jahr später in Berlin, um Projektvorschläge, Problembewältigungsstrategien und Integrationsmaßnahmen auszutauschen.
Und vielleicht ist dieser Besuch und die entsprechende Öffentlichkeit, die Aboutaleb dadurch auch in Deutschland bekommen hat, ja ein erster Schritt in Richtung Integration muslimischer Migranten. Vielleicht kann Aboutaleb auch hier deutlich machen, dass es keine abgegrenzten Kulturkreise gibt, die sich feindlich gegenüberstehen, sondern vielmehr gemeinsame Grundlagen und Werte. An die Spitze einer Großstadt oder auf einen ähnlich bedeutenden politischen Posten wurde bisher in Deutschland jedenfalls kein Muslim gewählt. Aber einen kleinen Hoffnungsschimmer gibt es auch hier in der politischen Integrationsfrage. Gerade die Jugendorganisation der CDU, die Schüler Union, zeigt wie nahe sich Islam und Christentum doch sein können. Die Partei, die durch Roland Kochs Eskapaden um Ausländerfragen und der Ablehnung des türkischen EU-Beitritts, migrationspolitisch eher einen ablehnenden Ruf genießt und außerdem als einzige europäische Volkspartei einen christlichen Bezug in ihrem Namen hat, präsentiert sich auf Nachwuchsebene als Vorreiter für die politische Integration.
Younes Ouaqasse, Bundesvorsitzender der CDU-Schülerunion ist der lebende Beweis dafür. Genauso wie Aboutaleb ist er gläubiger Muslim und längere Zeit in Marokko zur Schule gegangen. Gerade die konservativ- christlichen Werte sollen den Sohn marokkanischer Einwanderer vom politischen Programm der Union überzeugt haben, und so steht er für die Tatsache, dass die religiösen und kulturellen Unterschiede zwischen Muslimen und Christen, Deutschen und Arabern nicht so groß und unvereinbar sind, wie es in den Medien oft dargestellt wird. Die Probleme fangen eher da an, wo die irrationale Angst vor einem über Jahre hinweg aufgebauten Stereotyp vom gewalttätigen Terroristen um sich greift und verhindert, dass ein ausgewogener Dialog Klärung bringt. Aboutaleb und Ouaqasse stehen nicht nur für die Teilhabe einer großen Bevölkerungsgruppe und ihres Wertekatalogs am politischen Prozess, sondern ermöglichen auch einer breiten Öffentlichkeit das heutzutage gängige, negative Bild vom Islam zu revidieren und eine Abgrenzung zwischen der toleranten muslimischen Mehrheit von einer extremistischen, muslimischen Minderheit vorzunehmen.
Von Natalia Gorzawski