Ermutigende Wirtschaftsentwicklung in den arabischen Ländern
Donnerstag, November 19th, 2009
Interview mit dem Arab German Chamber of Commerce and Industry, Dr. Thomas Bach.
Von der Wirtschaftskrise sind die arabischen Länder nur relativ wenig betroffen. Ihre wirtschaftliche Potenz, besonders die der Öl- und Gasförderländer, wirkt sogar stabilisierend. Zur Zukunft der deutsch-arabischen Wirtschaftsbeziehungen, insbesondere zum Potenzial Iraks und zum Exportartikel Bildung konnte ARAB FORUM dem Arab German Chamber of Commerce and Industry, Dr. Thomas Bach, einige Fragen stellen.
ARAB FORUM: Wie ist der Stand der Deutsch-Arabischen Wirtschaftsbeziehungen vor dem Hintergrund der immer noch nicht durchgestandenen globalen Wirtschafts- und Finanzkrise?
Dr. Bach: Die wirtschaftliche Entwicklung in den arabischen Staaten erweist sich in der aktuellen weltwirtschaftlichen Konjunkturschwäche als ermutigender Faktor. Als Exportnation profitiert die deutsche Wirtschaft von dieser Entwicklung besonders. Die deutschen Ausfuhren in die arabische Welt sind im Jahr 2008 um mehr als 20 Prozent auf den Rekordwert von 28,1 Mrd. Euro gestiegen. Im ersten Quartal 2009 nahmen diese Ausfuhren im Vergleich zum ersten Quartal des Vorjahres um weitere 2,9 Prozent zu. Diese Entwicklung zeigt eindrucksvoll, dass die deutsch-arabischen Wirtschaftsbeziehungen nicht Teil des Problems, sondern Teil der Lösung sind.
ARAB FORUM: Im weltweiten Vergleich sind die arabischen Länder relativ glimpflich von der Wirtschaftskrise betroffen. Was sind die Gründe hierfür?
Dr. Bach: Insbesondere die ressourcenreichen arabischen Staaten haben in den vergangenen Jahren das “window of opportunity” des hohen Ölpreises genutzt, um ihre Volkswirtschaften zu diversifizieren und ihre Abhängigkeit von Öl- und Gasvorkommen zu verringern. Die in nahezu allen arabischen Ländern eingeleiteten Wirtschafts- und Strukturreformen und das verbesserte Investitionsklima zeigen Wirkung und beschleunigen diese Entwicklung. Besondere Bedeutung wird hierbei Sektoren zugemessen, die eine hohe Nachhaltigkeit versprechen. So investiert das Königreich Saudi-Arabien beispielsweise massiv in den Gesundheitssektor, und das Emirat Katar plant, sich zukünftig als Bildungsstandort zu etablieren.
ARAB FORUM: Im Frühjahr veranstaltete die Ghorfa das 1. Deutsch-Arabische Bildungsforum, das eine große Resonanz fand und als voller Erfolg gelten muss. Wie erklären Sie sich das große Echo beim Thema Bildung, für das die Ghorfa offenbar eine Schrittmacherfunktion übernommen hat?
Dr. Bach: Mehr als ein Drittel der arabischen Bevölkerung ist jünger als 15 Jahre. Etwa 70 Millionen Menschen suchen eine Ausbildung mit Beschäftigungsperspektive. Neben Produkten genießt auch Bildung “Made in Germany” einen hervorragenden Ruf in der arabischen Welt. Dies gilt insbesondere für das System der dualen Ausbildung in Betrieb und Berufsschule. Ebendieses System ist maßgeschneidert für die Bedürfnisse der arabischen Welt, wo es wichtig ist, genügend Fachkräfte entsprechend der Nachfrage auszubilden.
ARAB FORUM: IRENA, die Internationale Agentur für erneuerbare Energien, ist zwar eine deutsche Initiative. Bei der 2. Vorbereitungskonferenz im vergangenen Juni in Sharm El Sheikh wurde allerdings beschlossen, das IRENA-Generalsekretariat in Masdar City in Abu Dhabi, der ersten Co2-freien Stadt der Welt, zu installieren. Ist damit angedeutet, dass die Zukunft der erneuerbaren Energien in den arabischen Ländern, besonders den Öl und Gas fördernden, gestaltet wird?
Dr. Bach: Diese Tatsache zeigt einmal mehr, dass sich die arabischen Länder der Endlichkeit ihrer fossilen Brennstoffe bewusst sind und sie bereits heute über Strategien für die Zeit nach deren Nutzung nachdenken. Zudem sind die klimatischen Bedingungen auf der arabischen Halbinsel für die Sonnenenergie nahezu ideal.
Unabhängig vom Sitz des Generalsekretariats handelt es sich bei dem IRENA-Projekt jedoch eher um eine globale denn nationale Initiative. So wurde auf der Konferenz ebenfalls festgelegt, dass das Technologie- und Innovationszentrum in Bonn beheimatet sein wird.
ARAB FORUM: Ist den letzten eineinhalb Jahren sind sehr viele Aktivitäten seitens der Wirtschaft und der Politik auf deutscher und besonders irakischer Seite zu beobachten, um das wirtschaftliche Potenzial des Zweistromlandes zu nutzen. Im November hat die Ghorfa in Berlin ein weiteres zweitägiges Forum zu diesem Thema veranstaltet. Wo liegen die wirtschaftlichen Stärken Iraks und welche Wünsche hat dort man an Wirtschaft und Politik in Deutschland?
Dr. Bach: Der Irak verfügt nicht nur aufgrund seines Öl- und Wasserreichtums über hervorragende Wachstumsperspektiven, sondern gerade auch wegen seiner jungen und gut ausgebildeten Bevölkerung. Vor allem aber verfolgt die irakische Regierung mit großem Interesse und Nachdruck den Wiederaufbau des Landes. Gleichzeitig verfügt die deutsche Industrie über das dafür benötigte Know-how und die Technologien. Es ist daher unser aller Interesse, die sich bietenden Chancen für eine Zusammenarbeit zu ergreifen und optimal zu nutzen. Das Forum im November bietet den Unternehmen aus beiden Ländern eine ausgezeichnete Möglichkeit, um durch persönliche Kontakte die Grundlage für solche Kooperationen zu schaffen.
ARAB FORUM: Wo sehen Sie weiteres Potenzial für die deutsch-arabischen Wirtschaftsbeziehungen?
Dr. Bach: Für die Zukunftsfähigkeit der deutsch-arabischen Wirtschaftsbeziehungen ist es von entscheidender Bedeutung, die Zusammenarbeit nicht nur auf den bloßen Warenverkehr zu beschränken. Gerade in Zeiten wie dieser sind es strategische Partnerschaften, die für beide Seiten den größtmöglichen Erfolg versprechen. Dadurch eröffnen sich auch neue Chancen, wie etwa bei der gemeinsamen Erschließung von Drittmärkten.
Die Fragen stellte Rainer Schubert.