Dienstag, September 8th, 2009
Casablanca - das steht fast schon mehr für den Kultfilm mit Ingrid Bergmann und Humphrey Bogart als für die größte Stadt Marokkos. Der große Klassiker hat die Stadt berühmt gemacht und das Land in den schönen Schein Hollywoods getaucht.
Aber während sich fast jeder Marokko-Tourist dazu verleiten lässt, verträumt die Strassen Casablancas nach “Rick’s Cafe” abzusuchen, zieht es wahre Filmfans heutzutage eher in den Süden des Landes. Am Rande des Atlas-Gebirges, in dem kleinen Städtchen mit dem unaussprechlichen Namen Ouarzazate ist ein wahres Mekka für Filmbegeisterte entstanden.
Dabei gibt es noch nicht einmal ein öffentliches Kino. Doch wer hat hier auch Zeit und Lust, seine Freizeit vor der Leinwand zu verbringen? Filme - das bedeutet hier wahlweise Arbeit und Geld oder interaktives Familienalbum im Videorekorder, sowohl für die angereisten Filmcrews, die die schöne Landschaft und die niedrigen Personalkosten Marokkos schätzen, als auch für die Einwohner Ouarzazates, die oftmals ganzjährig ihren Lebensunterhalt als Komparsen verdienen. Und auch Touristen nähern sich dem Filmgeschäft in Ouarzazate lieber durch eine Besichtigungstour in den ansässigen Filmstudios als durch den direkten Filmgenuss auf der Leinwand.
Neben Werken anziehender Hollywoodgrößen wie Alfred Hitchcock, Martin Scorsese oder Ridley Scott entstanden und entstehen hier aber auch vermehrt preisgünstige Bibelverfilmungen und Geschichtsdokumentationen. Die unberührte Wüstenlandschaft, die kleinen Lehmbauten und die vielen Kasbahs in der Umgebung bieten eine hervorragende Kulisse für alle Produktionen, die Anzeichen einer modernen Zivilisation meiden müssen und zusätzliche Kosten und bürokratische Hürden scheuen.
Und so kann es schon einmal vorkommen, dass die Besucher in Ouarzazate ein Jerusalem oder Gizeh vorfinden, welches ihren romantischen Vorstellungen eher entspricht als die touristenüberfüllten Originalschauplätze. Viele lassen sich gerne in diese Welt der Illusion entführen und übersehen dabei oftmals, dass es auch eine Realität und ein Leben hinter dem schönen Schein gibt.
Und sogar dies wurde hier schon filmisch verarbeitet. Ali Essafi wagt in seiner Dokumentation “Ouarzazate Movie” einen Blick hinter die Kulissen. Er stellt die Bewohner der Stadt, ihr Leben und Arbeiten mit und für die Filmindustrie in den Mittelpunkt. Während sich prominente Regisseure und die Macher von Werbeclips die Klinke in die Hand geben, bleiben die Einheimischen meist ihr Leben lang in Ouarzazate. Sie sind es, die Tag für Tag für viele Stunden und bei glühender Hitze in die unterschiedlichsten Rollen schlüpfen und ihre Gesichter verschiedensten Zeiten und Religionen leihen, um den Filmfreund überall auf der Welt in eine schöne und aufregende Scheinwelt zu entführen. Mit ihrer Hilfe verwandelt sich das idyllische Örtchen und seine Umgebung wahlweise in Ridley Scotts “Gladiator” in das antike Rom, in Martin Scorseses “Kundun” in das Tibet des 20. Jahrhunderts oder bleibt einfach mal marokkanische Traumlandschaft, wie beispielsweise in dem Film “Babel” mit Brad Pitt.
Dabei wird deutlich, dass das Leben im marokkanischen Hollywood im Grunde genauso verläuft und auf den gleichen Grundsätzen und Traditionen basiert wie an vielen anderen Orten des Landes auch: Man legt Wert auf Gastfreundschaft, genießt die Zeit mit der Familie und schützt sich selbst und sein Hab und Gut durch Abbildungen von der Hand Fatimas. Wer sich in einem der in Ouarzazate gedrehten Filme konzentriert auf die Suche begibt, wird fast immer die einheimischen Details entdecken und somit die Kulissen trotz Klagemauer und Jaffa-Gate als typisch nordafrikanisch entlarven.
Und der filmische Meilenstein “Casablanca”? Die originalen Schauplätze, inklusive “Rick’s Café”, wird man weder in Ouarzazate noch in Casablanca finden. Die gesamte Produktion entstand in amerikanischen Studios in Hollywood. Wer jedoch bei einem Marokko-Besuch nicht darauf verzichten will, kurz in die schöne Welt der legendären Liebesromanze einzutauchen hat seit fünf Jahren immerhin die Möglichkeit, in einem Nachbau der bekannten Bar den Klängen von “As time goes by” zu lauschen, um doch noch ein bisschen von Bogart und Bergmann träumen zu können.
Natalia Gorzawski