Ein kleines kulturelles Dankeschön an 10.452 km²
Donnerstag, November 19th, 2009
Egal welches arabische Land man besucht, an einem kommt man ganz sicher nicht vorbei: Der dunklen und kräftigen Stimme von Fairuz.
Ob man im Bus sitzt oder gezwungenermaßen dem Radio des Nachbarn lauschen muss, die inzwischen 73-Jährige Libanesin mit der goldenen Kehle wird jeden arabischen Morgen versüßen. Voller Leidenschaft und Romantik besingt sie dabei die Schönheit ihrer Heimat, feiert die heilige Stadt Jerusalem und gedenkt wehmütig des Lebens auf dem Lande.
Mit ihrer Mischung aus europäischen Rhythmen und traditioneller, arabischer Musikkultur begeistert und inspiriert sie Millionen Araber - ob Moslem, Christ oder Druse, ob Palästinenser, Golfstaatler oder Marokkaner. Und selbst wir im fernen Westen, weit ab vom direkten Ruhmesgebiet der Libanesin, profitieren ganz unmerklich von ihrer Sangeskunst.
So besann sich beispielsweise die Popsängerin Shakira auf ihre libanesischen Wurzeln und überraschte 2008 wohl so manchen Fan mit ihrem Liebesbekenntnis zu der arabischen Ikone.
Doch der kleine Libanon, seine Bewohner und Nachkommen, verzücken Ost und West nicht nur im musikalischen Bereich. Auch in Sachen Literatur hat das Land mit Jibran Khalil Jibran einen wichtigen Beitrag geleistet. Kaum ein Bücherfreund wird an diesem großen Autor vorbeikommen. Seine Mischung aus Philosophie und Lyrik über die Liebe, das Leben und den Tod berührt die Herzen von Arabern, Amerikanern und Europäern gleichermaßen. Denn in seiner Arbeit schafft Gibran den Brückenschlag zwischen Orient und Okzident und verbindet die Stärken beider Kulturen in faszinierenden und mitreißenden Geschichten und Gedanken. Insbesondere mit seinem bekanntesten Roman “Der Prophet” hat er es auf geniale Art und Weise geschafft, eine westliche Weltsicht mit östlicher Romantik und Melancholie zu verbinden. 25 Jahre hat er angeblich an den Lebensweisheiten seines Helden Al-Mustafa gearbeitet. Über 80 Jahre nach der Veröffentlichung und knapp 70 Jahre nach Jibrans Tod sind Menschen rund um den Globus noch immer von seinen Geschichten beeindruckt und gefesselt.
Ob im fernen Westen oder im Nahen Osten, arabische Künstler bereichern und prägen Kultur, Intellekt und Unterhaltung genauso wie dies westliche Künstler tun. Wer trotzdem noch glaubt, die arabische Welt entziehe sich der modernen Kunst und Kultur und habe nicht mehr zu bieten als Tausendundeine Nacht oder religiösen Fanatismus, versteckt sich einmal mehr hinter vagen Träumereien oder Negativ-Stereotypen. Der Libanon erbringt den Beweis. “Klein aber Fein” möchte man ausrufen, wenn man an dieses Land denkt, das solche Größen wie Fairuz und Jibran hervorgebracht hat.
Aber auch der Modedesigner Elie Saab, in dessen Kreation Halle Berry einen Oskar entgegennahm, oder der zweifache Emmy-Gewinner und Hauptdarsteller der TV-Serie Mr. Monk, Tony Shalhoub, sind Abkömmlinge des 10.452 qkm großen Mittelmeerstaates und in ihrem Sein und Schaffen geprägt durch die arabische Herkunft. Und vielleicht können derlei Künstler ja irgendwann als Mittler der Kulturen dienen und durch ihre Arbeit Vorurteile, Ängste und Geringschätzung zwischen arabischer und westlicher Welt abbauen und den Weg für einen produktiven und respektvollen Dialog ebnen.
Wer Fairuz schon einmal bei der musikalischen Interpretation eines Gedichtes von Jibran lauschen durfte, wird sich solchen Träumereien jedenfalls gerne hingeben und mit Begeisterung und Leidenschaft den Weg zur arabischen Kultur über die Kunst beschreiten wollen.
Natalia Gorzawski