Zwischen Modernisierung und harten Importzwängen
Mittwoch, Mai 27th, 2009
- Konsumschwacher Binnenmarkt - Phosphate und Arzneimittel als Exportschlager
Von Bernd-Dieter Fridrich
Das an den Irak, Syrien, Israel und Saudi-Arabien grenzende Jordanien besitzt nur 26 Kilometer Küste im äußersten Südwesten am Golf von Aqaba; die Region um die Hafenstadt Aqaba ist seit 2001 eine Sonderwirtschaftszone. Die weit überwiegende Mehrheit der Bevölkerung lebt im Nordwesten des Landes am Ostufer des Jordan. Das Haschemitische Königreich trat seinen Anspruch auf das Westjordanland 1988 an einen zukünftigen Palästinenserstaat ab; etwa die Hälfte der Bevölkerung ist palästinensischen Ursprungs, ein hauptsächlich muslimisches Land (93 Prozent Sunniten) mit beduinischen Wurzeln. Die Monarchie stützt sich vor allem auf die ländlichen Stämme, die auch das Rückgrat des Militärs bilden. Am 7. Februar 1999 bestieg König Abdullah II. den Thron. Er genießt die Unterstützung des Militärs und wird von den Stammesführern respektiert. Die Wirtschaft basiert vorrangig auf der Ausfuhr von Phosphaten - Jordanien ist weltweit drittgrößter Exporteur dieses Rohstoffs - und dem Tourismus zu bedeutenden historischen Stätten wie dem antiken Petra im südlichen Ostjordanland, Aqaba oder Gerasa sowie den Wüstenschlössern der Umaijaden-Kalifen. Die Einfuhren übersteigen die Ausfuhren erheblich, besonders die Energieimporte. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, vor allem nach der Golfkrise infolge der zahllosen Flüchtlinge aus dem Scheichtum Kuwait.
Die wirtschaftlichen Grundbedingungen für das Königreich sind schwierig. Eigene Energiequellen fehlen. Zudem stellt die notorische Wasserknappheit bei nach wie vor hohem Bevölkerungswachstum das Land vor große Probleme. Die vorhandenen Wirtschaftsstrukturen fußen auf einem nur begrenzten Binnenmarkt. Mit etwa 5,5 Millionen Einwohnern hat das Land eine vergleichsweise geringe Bevölkerungszahl und ist deshalb als Absatzmarkt von eher geringer Bedeutung. Etwa ein Drittel der Jordanier leben in Armut. Obwohl aus der Landeshauptstadt Amman nur selten Zahlen über die Arbeitslosigkeit verlauten, dürfte sie tatsächlich deutlich die 20-Prozent-Marke übersteigen. Bisher haben die seit der Thronbesteigung des fortschrittlich denkenden Königs Abdallah II. unternommenen Anstrengungen zur Liberalisierung und Internationalisierung der Wirtschaft, zum Beispiel durch ein Freihandelsabkommen mit den USA oder ein Assoziationsabkommen mit der Europäischen Union, nur bedingten Erfolg gehabt, zumal nach dem Irakkrieg 2003 die Abhängigkeit von Erdöllieferungen aus anderen arabischen Ländern drastisch anstieg.
Wichtigste Importwaren sind Brennstoffe, Nahrungsmittel, Fahrzeuge, Maschinen und Industriegüter. Zu den wirtschaftlichen Aktivposten gehören neben Phosphaten - besonders wichtig als Düngemittel oder Zusatz von Wasch- und Reinigungsmitteln - sowie Pottasche, etwa bei der Seifen- oder Glasherstellung verwendet, vor allem chemische Produkte wie Medikamente und Spezialdünger, Obst und Gemüse. So sind die wichtigsten Industriebetriebe des Landes eine Phosphatfabrik, ein Zementwerk und eine Erdölraffinerie. Seit dem Jahr 2000 ist Jordanien Mitglied der Welthandelsorganisation (WTO). Die Wasserknappheit der vergangenen Jahre wirkte sich allerdings spürbar auf die Agrarexporte aus. Insbesondere im Jordangraben werden, oft durch künstliche Bewässerung unterstützt, Getreide, Linsen, Wicken, Tabak, Tomaten, Oliven, Feigen und Granatäpfel angebaut. Auch Zitrusfrüchte, Bananen und Melonen sind wichtige Anbauprodukte. Gerade einmal fünf Prozent der Landesfläche sind landwirtschaftlich nutzbar.
In dem insgesamt schwierigen Umfeld konnte sich Jordanien in jüngster Zeit relativ tapfer behaupten. Trotz der weltweiten Preissteigerungen bei Energie- und Nahrungsmitteleinfuhren ließ sich die jahresdurchschnittliche Wachstumsrate um die sechs Prozent bisher halten. Die Regierung von Ministerpräsident Nader Dahabi setzt auf Wachstumskurs, auf eine traditionelle Stärke wie den Tourismus, die Rolle Jordaniens als logistisches Vorzimmer zum Irak und den “Export” meist gut ausgebildeter Arbeitskräfte in die noch boomende Golfregion, die ihre Ersparnisse in die Heimat überweisen. Konjunkturstützen sind besonders auch die Bauwirtschaft und die massive Zuwanderung von Irakern, die die Nachfrage zuletzt kräftig anheizten. Das verarbeitende Gewerbe indes trägt mit 2,2 Prozent (2007 gegenüber 2006) insgesamt nur mäßig zum Wachstum bei - mit Ausnahme des Spitzenreiters Pharmaindustrie.
Pharmaindustrie auf Wachstumskurs
In der Tat konnte dieser noch junge Wirtschaftssektor seit 2003 eine beispiellose Erfolgsgeschichte schreiben. Trotz so mancher Befürchtungen hat sich die Einführung des verschärften Patentschutzes gemäß dem TRIPS-Abkommen (Trade Related Aspects of Intellectual Property Rights) auf die siebzehn Unternehmen der Branche nicht negativ ausgewirkt. Mit den strengsten Patentschutzregeln innerhalb der arabischen Welt ist Jordanien nicht nur ein sehr erfolgreicher Geschäftspartner, sondern auch ein ernst zu nehmender Wettbewerber in der forschenden Pharmaindustrie geworden. Um international bestehen zu können, setzte man auf größere Betriebseinheiten durch Zusammenschlüsse. Aus APHA (Arab Pharmaceutical Manufacturing) und ADPH (Advanced Pharmaceutical Industries) wurde die neue Firma APMC (Arab Pharmaceutical Manufacturing Co.). In demselben Jahr entstand das fusionierte Unternehmen JPHM (Jordanian Pharmaceutical Manufacturing Co.). Außerdem hat die Tantash-Gruppe die Führung der Unternehmen MPHA (Middle East Pharmaceutical and Chemical Industries) und APHC (Arab Center for Pharmaceutical and Chemical Industries Co.) übernommen sowie im Jahr 2005 die Herstellung von Generika beider Firmen zusammengelegt.
Nach der Textilbranche belegt die Arzneimittelwirtschaft bereits Platz zwei in der Exportstatistik. Im Jahr 2006 beliefen sich die Ausfuhren in der Pharmasparte - rund drei Viertel der Gesamtproduktion - auf etwa 220 Millionen Euro, davon mit vier Fünfteln in den arabischen Raum: Saudi-Arabien, Algerien und Irak sowie die Vereinigten Arabischen Emirate sind die wichtigsten Exportländer, wo die Ausgaben für die Gesundheit mit wachsendem Wohlstand zunehmen. Mit 90 Prozent sind Generika, die teilweise unter eigenen Markennamen und in allen nur denkbaren Darreichungsformen produziert und vertrieben werden, bedeutendster Umsatzträger. Das Zulassungsverfahren der JFDA (Jordan Food and Drug Administration) sieht eine Ausnahmeregelung vor, wonach bereits vor Ablauf eines Patents für die Zulassung späterer Generika geforscht und getestet werden darf, so dass die Voraussetzungen zur Vermarktung bereits mit Ablauf des Patents erfüllt sind.
Andererseits gewährt das Land eine so genannte Datenexklusivität in den ersten fünf Jahren nach dem Auslaufen eines Patents, was zur Folge hat, dass der Generika-Produzent nicht die Daten des Patentinhabers beziehungsweise Wirkstoffentwicklers für die Generika-Zulassung nutzen darf. Die meisten multinationalen Unternehmen nutzen diese Möglichkeit, um ihre patentierten Produkte vor dem Generika-Wettbewerb in Jordanien zu schützen. Hikma Pharmaceuticals ist absoluter Marktführer der Branche, der sein Geschäft nicht nur am weitesten diversifiziert hat, sondern einen großen Teil des Firmenumsatzes den entwickelten Märkten USA und Europa verdankt. Der Erfolg beruht auf drei Säulen: markengeschützte Arzneimittel, die nicht nur im Nahen und Mittleren Osten, sondern auch in Europa zunehmenden Absatz finden, generische injizierbare Medikamente und hauptsächlich für den US-Markt bestimmte Generika. Im Jahr 2006 (1 Euro = 0,96 JD / Jordan-Dinar) lag der Umsatz mit 226,4 Millionen JD vor dem Branchenzweiten Dar Al Dawa mit einem Umsatz von “nur” 33,6 Mio. JD.
Offen für ausländische Investitionen
Der noch junge König bemüht sich seit seinem Amtsantritt vor zehn Jahren nach Kräften um die Modernisierung seines Landes und hier besonders auch um die Gewinnung ausländischer Investoren, um den Ausbau der Infrastruktur voranzutreiben. Platz eins nimmt Saudi-Arabien ein, gefolgt vom Irak. Der kumulierte Wert der Direktinvestitionen im Königreich hat sich zwischen 2002 und 2006 von 2,8 Milliarden JD auf 9,0 Milliarden JD mehr als verdreifacht. Unübersehbar ist auch das ausländische Engagement im jordanischen Bausektor. Die irakische Zuwanderung seit 2003 hat zu einem kräftigen Nachfrageschub bei Wohnraum geführt, wo ohnehin ein Bedarfsüberhang bestanden hat. Allein schon in Amman sollen im Jahr 2007 7.000 Wohneinheiten, darunter tausend Häuser, neu auf den Markt gekommen sein.