Iraks Wiederaufbau
Mittwoch, 17. November 2010
In der Zeit der Abbassiden-Dynastie zwischen dem 8. und 13. Jahrhundert war Bagdad das Zentrum der Zivilisation. Nicht nur rühmte es sich einer entwickelten Infrastruktur, beispielsweise in der Wasserwirtschaft, wodurch eine prosperierende Landwirtschaft erblühte, es war auch das Handelszentrum zwischen Europa, Indien und China. Die Architektur blendete Besucher aus der gesamten Region. Musiker und Dichter zierten den Hof Harun al-Rashids (786 bis 809) und seiner Nachfolger und verbreiteten ihre künstlerischen Leistungen in der gesamten arabischen Welt bis hin nach Andalusien. Bagdads Bildungseinrichtungen, wie die Nizamiya (gegründet 1065) und die berühmte Mustansiriya aus dem 13. Jahrhundert waren Vorbilder für spätere Universitäten. Die großen abbassidischen Kalligraphen schickten Abgesandte in die gesamte zivilisierte Welt, um bekannte Werke der Philosophie, Geschichte, Naturwissenschaft, Medizin und anderer Wissensgebiete aus Persien, Indien oder Griechenland zu beschaffen, damit sie im "Haus der Weisheit" ins Arabische übersetzt würden: Hochschule, Bibliothek und Übersetzungszentrum. Bagdad war der Ort eines astronomischen Observatoriums sowie von Hospitälern und Apotheken.
Heute steht die Mustansiriya noch in ihrer alten Pracht da, aber Bagdad blüht nicht mehr als Zentrum wirtschaftlicher und kultureller Geschäftigkeit. Während der letzten dreißig Jahre ist der Irak ein Kriegsschauplatz gewesen. Der acht Jahre dauernde blutige Konflikt mit dem Iran hat die industrielle und soziale Infrastruktur, die die am weitesten entwickelte in der Region war, nahezu unbrauchbar gemacht. Nach dem Ende des Krieges 1988 baute sich der Irak, obgleich von großen Schulden geplagt, soweit es ging, wieder auf, bis 1990 - nach dem Streit mit Kuwait - internationale Sanktionen die Wirtschaft trafen und im Jahr 1991 der erste von zwei anglo-amerikanisch geführten Kriegen ausbrach. Nach dem Ende von "Desert Storm" dauerten die Sanktionen bis zum Jahr 2003 an, als zum zweiten Mal eine internationale Koalition einen Angriff startete, der zu Einmarsch, Besetzung und einem sieben Jahre dauernden bewaffneten Kampf führte, einschließlich ethnisch- und glaubensbedingter interner Kämpfe.
Nach dem vollständigen Abzug der US-amerikanischen Kampftruppen bleibt die Frage: was bietet die Zukunft dem Irak? Kann er sich erholen und wieder aufrichten, wenn auch nicht mit dem Glanz der Abbassiden-Zeit, so doch zumindest auf dem wirtschaftlichen Niveau von 1980, um darauf aufbauend als eine moderne Industrienation voranzuschreiten?
Eine kürzlich vom "Center for Strategic and International Studies" (CSIS) der Georgetown University in Washington, D.C., veröffentlichte Studie spricht dieses Thema und die damit verbundenen Fragen an1. Ihre Autoren folgern, dass der Wiederaufbau unter der Voraussetzung möglich ist, dass der Irak bestimmte politische, gesetzliche und infrastrukturelle Hemmnisse durchbricht, um die Ölindustrie in die Lage zu versetzen, die finanziellen Mittel zu erwirtschaften, die für den Wiederaufbau erforderlich sind. Im Besonderen nennt die Studie das Fehlen einer nationalen Gesetzgebung, die ausländische Investitionen in den Ölsektor regelt sowie die damit verbundenen Friktionen zwischen der Regionalregierung Kurdistans und der Zentralverwaltung bezüglich der Ölverträge als Haupthindernis. CSIS verweist ebenfalls auf die Notwendigkeit klarer steuerlicher Reglements für ausländische Investoren und deren rechtlichen Status, Grundeigentumsrechte und anderes. Der Bericht schlägt vor, dass der Irak seine Entwicklung finanzieren kann, wenn er diese Dinge regelt und die Förderung von Öl und Gas sowie die Verarbeitungskapazitäten hochfährt. Um die Wirtschaft zu diversifizieren und den Agrarsektor, der für 15 Prozent der Arbeitsplätze sorgt, in großem Umfang auszuweiten, muss die Zentralregierung viele Milliarden Dollar in die Hand nehmen, die sie gegenwärtig nur durch den Export einnehmen kann.
Ein weiterer Faktor sind die Ölpreisschwankungen auf den internationalen Märkten. 2008 machten die Einnahmen aus dem Rohölexport 75 Prozent des irakischen Bruttoinlandsprodukts und 86 Prozent der Staatseinnahmen aus. Als 2009 die Ölpreise am Weltmarkt abstürzten, musste die Regierung ihr Budget um 20 Prozent kürzen. Dies unterstreicht die Fragilität einer Volkswirtschaft, deren Einkommen auf dem Rohstoffexport basiert, wie Premierminister Al-Maliki warnte2.
Die Suche nach fremder finanzieller Unterstützung durch Bankkredite, wie von CSIS vorgeschlagen, wäre ein risikoreiches Unterfangen, wenn man Iraks frühere Verschuldung aufgrund des Iran-Irak-Krieges bedenkt. Obwohl der Club von Paris dem Irak 80 Prozent seiner Schulden (42,3 Milliarden US-Dollar) erlassen hat, bleiben dem Land immer noch Schulden zwischen 48,9 und 76,9 Milliarden US-Dollar. Ein weiterer Nachlass der übrigen Schulden (z. B. bei Saudi-Arabien, der Volksrepublik China oder Kuwait) wird gegenwärtig verhandelt. Im Februar billigten der IWF eine Unterstützung mit 3,6 Milliarden US-Dollar und die Weltbank mit 250 Millionen US-Dollar.
Der Irak verfolgt ehrgeizige Pläne zur Ausweitung seiner Öl- und Gasproduktion. Folgend auf die Modernisierungsinvestitionen der USA in Höhe von 2,05 Milliarden US-Dollar, hat der Irak 2009 im Budget des Ölministeriums 3,2 Milliarden US-Dollar ausgewiesen, fünfzig Prozent mehr als im Vorjahr. Nach einer Schätzung der Energy Information Administration des US-Energieministeriums beabsichtigt der Irak, bis zum Ende dieses Jahres 2,7 Millionen bbl/d zu produzieren. Der Zehnjahresplan sieht eine Steigerung der Förderkapazität für Rohöl um 1,5 Millionen bbl/d innerhalb der nächsten drei bis vier Jahre vor; weitere zwei Millionen bbl/d sollen eine Gesamtmenge von sechs Millionen bbl/d in den nächsten zehn Jahren bringen3. Der Irak will fünf neue Raffinerien bauen, um die Kapazität um 1,5 Millionen bbl/d bis 2017 auszuweiten - ein Muss, um der einheimischen Nachfrage gerecht zu werden und um gleichzeitig den Gassektor ausweiten.
Wenn dieser Fortschritt realistisch ist und die Ölpreise am Weltmarkt stabil bleiben oder steigen, dann ergeben die Berechnungen der Autoren der CSIS-Studie einen Sinn. Aber die viel entscheidenderen Themen betreffen die Bündelung von Wirtschaftspolitik und Investitionen. Mehr noch als finanzielle, gesetzliche oder Markthemmnisse ist es der katastrophale Qualitätszerfall des Arbeitskräftepotenzials, was die Wirtschaftsausichten des Irak am meisten behindert - letztendlich der grundlegende Einflussfaktor jeder Volkswirtschaft. Aufgrund einer Reihe bewaffneter Konflikte, jahrzehntelanger Sanktionen und der Entbaathifizierungspolitik seit 2003 ist Iraks Intelligenzpotenzial geschrumpft. Zu viele Ingenieure, Lehrer, Juristen, Ärzte und Wissenschaftler sind gestorben oder ausgewandert. Obwohl, wie CSIS aufzeigt, einige Krankenhäuser von den USA unterstützt wurden, arbeiten sie nicht, weil nicht genügend qualifiziertes Personal für den Betrieb vorhanden ist.
Ausbildung ist somit Priorität Nummer eins. Wenn Schulkinder im Irak keine Gymnasien besuchen, wird es keine Studenten geben, die zur Universität gehen, um Medizin zu studieren. Ein vergleichender Blick auf die Zahlen zum Schulbesuch ist aufschlussreich. In den frühen 1990er Jahren besuchten trotz der Verheerungen durch Krieg und Embargo mehr Iraker eine Schule als gegenwärtig. 2009 gingen mehr als 84 Prozent der Kinder zwischen sechs und elf Jahren zur Schule, aber sobald die Jugendlichen ein Alter erreichen, in dem sie Geld verdienen können, geht der Anteil zurück: 41,5 Prozent der Mädchen und 45,5 Prozent der Jungen zwischen zwölf und 14 Jahren gehen in den Städten zur Schule; für die ländlichen Gebiete lauten die Zahlen 28,8 und 16,6 Prozent. Für die Altersgruppe der 15- bis 17jährigen liegen die Zahlen bei 25,8 Prozent für Jungen und bei 25,1 Prozent für Mädchen in den Städten, in ländlichen Gebieten nur noch bei 14,5 bzw. 7,2 Prozent.
Berücksichtigt man, dass 40 Prozent der irakischen Bevölkerung unter 15 Jahre alt ist, dann bedeutet dieser dramatische Rückgang des Schulbesuchs die dringende Aufforderung, den Trend umzukehren. Anderenfalls würde sich der Teufelskreis fortsetzen, wobei unzureichende Familieneinkommen (der Irak rangiert mit einem Pro-Kopf-Einkommen von 3700 US-Dollar weltweit auf Platz 161) die Kinder aus der Schule und in billige Arbeitsverhältnisse zwingt. Dadurch wird das Land qualifizierter Arbeitskräfte beraubt, besonders bei universitär ausgebildeten Berufsträgern.
So, wie massive Investitionen in so ausschlaggebenden Bereichen der "weichen" Infrastruktur wie Bildung oder Gesundheit für die Wiedergewinnung ausgebildeter Arbeitskräfte unverzichtbar sind, so sind "harte" Infrastrukturprojekte (Wasser, Energie, Verkehr) in Zusammenarbeit mit den Nachbarländern für eine Reintegration des Irak in seine Umgebung ebenso lebenswichtig. Von entscheidender Bedeutung sind dabei der Iran, die Türkei und Syrien. Nach vier Jahren Trockenheit, wodurch zwei Millionen Südiraker kein Trinkwasser und Strom gehabt haben dürften, wurden eilige Maßnahmen ergriffen. Im September vergangenen Jahres einigten sich die Minister für Wasserwirtschaft der Türkei, des Irak und Syriens, den Wasserzufluss aus der Türkei in die beiden anderen Länder zu erhöhen. Mehrere Verträge zwischen diesen regionalen Partnern werden die Öl- und Gaszufuhr aufstocken. Am 24. Juli meldete Al Jazeera den Abschluss eines Vertrages über 1,3 Milliarden US-Dollar zur Lieferung iranischen Gases per Pipeline in die Türkei. Laut Aswat al-Iraq verkündete Ölminister Sharastani am 12. August, dass der Irak bereit sei, eine iranische Gasleitung über sein Staatsgebiet nach Syrien auszubauen. Der Iran beteiligt sich übrigens auch am Ölbohrprogramm des Irak.
Zur Förderung des regionalen Handels benötigt der Irak ein modernes Schienennetz. Hierbei spielt der Iran aus geographischen Gründen ebenfalls eine zentrale Rolle. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 hat der Iran seine Verbindungen mit den unabhängig gewordenen zentralasiatischen Ländern verbessert, indem die neue Seidenstraße durch den Kontinent nach China Wirklichkeit wurde. Auch in der arabischen Welt steht der Eisenbahntransport ganz oben auf der Agenda. Saudi-Arabien hat mit den Arbeiten an der Haramainbahn begonnen, um Mekka, Medina und Dschiddah zu verbinden, während die Hedschasbahn ihren Dienst zwischen Amman und Damaskus aufgenommen hat. Das kuwaitische Planungsministerium arbeitet seit Jahren daran, den Irak und den Iran und beide Länder dann weiter mit Zentralasien zu verknüpfen7. Auch der Irak plant, sein Bahnnetz wiederzubeleben. Eine Amman-Bagdad-Verbindung wäre von zentraler Bedeutung.
Die Herausforderungen, denen der Irak gegenübersteht, verlangen Respekt, sind aber nicht unrealistisch. Unter der Voraussetzung, dass sich die Politik auf die Qualifizierung der Arbeitskräfte des Landes und die Zusammenarbeit mit seinen nächsten Nachbarn konzentriert, kann Iraks immenses Wirtschaftspotenzial in die Praxis umgesetzt werden. Ehemalige Rivalen wie Kuwait, Saudi-Arabien und der Iran können als Eckpfeiler für regionalen Frieden und Stabilität hilfreiche, produktive Partner werden. i
Muriel Mirak-Weissbach