Brückenbauer zwischen den Kulturen
Mittwoch, 31. März 2010
Geboren und gearbeitet in Jemen, ausgebildet in Rumänien und beiden deutschen Staaten. Jetzt operiert der vielseitige Chirurg
Prof. Dr. Mahdi Ahmed Kadry am Deutschen Herzzentrum Berlin.
"Du musst Medizin studieren. In Rumänien." Der Satz hat gewirkt. Immer wenn Mahdi Ahmed Kadry in Aden seine Tante zum Zahnarzt begleitete, schärfte der dem jugendlichen Mahdi diesen Gedanken ein. Denn der Zahnarzt hatte in Rumänien studiert. Und Mahdi tat es ihm gleich. Von 1974 bis 1982 studierte er in Temeswar. Als Diplom-Mediziner und mit fließenden Rumänischkenntnissen kehrte er in seine Heimat zurück. Heute ist Prof. Kadry Leitender Oberarzt am Deutschen Herzzentrum Berlin und ein Brückenbauer zwischen europäischer und arabischer Kultur.
"Mir liegt an Harmonie und Toleranz", sagt er im Gespräch mit ARAB FORUM. Das sei im Übrigen sehr typisch für die arabische Mentalität, auch wenn politische und soziale Entwicklungen in der arabischen Welt in den letzten Jahrzehnten andere Bilder vermitteln, beklagt der Mediziner und zeigt eindrücklich sein profundes Interesse an sozialwissenschaftlicher Analyse.
Prof. Kadry muss das wissen, denn er kann auf über fünf Jahrzehnte Lebenserfahrung in der arabischen und europäischen Kultur zurückblicken. Nach seinem Studium in Rumänien kehrte er nach Jemen zurück, arbeitete dort außer in seiner Heimatstadt Taizz auch an anderen Orten des Landes und wurde notwendigerweise in vielen medizinischen Disziplinen fit: Kinderheilkunde, Hals-, Nasen- und Ohrenleiden, Chirurgie. Die Namen der Krankenhäuser spiegeln die Vielfalt des Lands wider: Revolution Hospital of Taizz oder Baptist Hospital, eine amerikanische Klinik. Bevor er sich in Taizz als erfolgreicher und beliebter HNO-Arzt sesshaft machte, arbeitete er in Jibla, 75 Kilometer von seiner Geburtsstadt Taizz entfernt, in der Chirurgie und Gynäkologie, am Ort der Grabmoschee der von 1087 bis 1138 regierenden Königin Arwa bint Ahmad, die bis heute im Jemen hohes Ansehen genießt. Reisende würden jetzt über die Stadt Jibla am Fuß des Jabal Ta'akar-Gebirges ins Schwärmen geraten, die als eine der typischsten und sehenswertesten Jemens gilt.
Der Arzt bleibt wissbegierig und unruhig. Man könnte auch sagen temperamentvoll, wenn man seine an Gesten und Mimik reiche Art des Erzählens beobachtet. Er geht nun nach Deutschland, genauer, in die Deutsche Demokratische Republik, 1985, als Chemnitz noch Karl-Marx-Stadt hieß. Gefäßchirurgie und allgemeine Chirurgie heißen die Disziplinen, in denen er sich in den nächsten Jahren fortbildet. Sieben Jahre bleibt er in Deutschland und kehrt, nachdem beide Länder, Deutschland und Jemen, inzwischen wieder vereinigt sind, in sein Heimatland zurück. Doch Jemen war in dieser Zeit sehr mit sich selbst beschäftigt, und ein Krieg stand bevor. Der umfassend in Rumänien und Deutschland ausgebildete Arzt fand keine ihn herausfordernde Tätigkeit.
Bald darauf kehrt Mahdi Kadry nach Deutschland zurück, um das Land weiter, vielleicht sogar noch besser als sein Heimatland kennen zu lernen: zunächst wieder nach Sachsen, dann Frankfurt/ Oder, Ibbenbüren im Münsterland, Städtische Klinik Heidehaus in Hannover, Emden und schließlich Berlin. Selbstverständlich bildet er sich dabei immer weiter in der Medizin aus. Neben seiner Bezeichnung als Facharzt für Allgemein- und Gefäßchirurgie ist er nun auch Thoraxchirurg - und seit 1999 deutscher Staatsbürger.
Auch und besonders im Deutschen Herzzentrum Berlin kann Prof. Kadry als Brückenbauer zwischen den Kulturen arbeiten. Denn arabische Patienten schätzen das Herzzentrum wegen seiner medizinischen Spitzenqualität unter Prof. Hetzer sehr. Der Arzt aus dem Jemen vermittelt den Menschen Sicherheit. Auch in unserem Gespräch wird dies, bei aller Lebhaftigkeit, spürbar.
Doch es ist nicht nur menschliche Zuneigung, die die Patienten spüren, es ist das weit gefächerte Fachwissen des Arztes, das Vertrauen schafft. "Ihr fachliches Können, Ihre Zuwendung, Ihre menschliche Herzenswärme, Ihr Einfühlungsvermögen bleiben mir unvergesslich", bedankt sich ein Patient aus Sachsen. Ein anderer, ein Buchautor aus der Nähe Hannovers, ließ die erste Seite eines seiner Bücher mit folgender Widmung versehen: "Meinem Lebensretter, dem allerbesten Arzt auch im psychosomatischen Sinne, den ich kennengelernt habe, in großer Dankbarkeit für seinen Einsatz und seine Fürsorge."
Keine Einzelfälle seien solche Zuschriften, bestätigt der Chirurg glaubhaft.
Die Zuwendung - zumindest zum Teil muss sie in der Kultur seines Herkunftslandes Jemen begründet sein, dessen Menschen Prof. Kadry für sehr offen hält. Dort hat man Respekt vor dem Fremden, kennt keine Gewalttätigkeit. Leider glauben viele Menschen in Europa, dank der Schlagzeilen der letzten Monate, das Gegenteil.
Das Land Berlin hat sich die Brückenbauertalente des Chirurgen zunutze gemacht. Bei der kürzlichen Reise des Wirtschaftssenators auf die arabische Halbinsel, nach Saudi-Arabien und in die Emirate, war er ein wichtiger Teilnehmer der Delegation, auf dessen fachliche wie interkulturelle Kompetenz man Wert legte.
Womit beschäftigt sich der Arzt Mahdi Kadry außer Medizin? "Ich fungiere in meiner Freizeit häufig als Sozialarbeiter für viele Patienten im In- und Ausland", verrät er, zum Beispiel für solche mit lebensgefährlichen Krankheiten, die in ihrem Heimatland nicht adäquat behandelt werden können und der Patient eine Auslandbehandlung nicht finanzieren kann. Solche (häufigen) Fälle nehmen eine tragische Wende, wann es um kleine Kinder geht. Es vergehen Wochen telefonischer und elektronischer Korrespondenz mit Instanzen und Personen innerhalb und außerhalb Deutschlands, bis sich ein Spender findet. Letztes Beispiel war ein fünf Monate altes Kind mit einer angeborenen Herzkrankheit. Nach gelungner Operation im DHZB kann es nun fast unauffällig in seinem Heimatland leben und wachsen.
Gibt es auch nicht-medizinsche Beschäftigungen? Spontane Antwort: "Literatur zur Sozial- und Politikwissenschaft, eine Beschäftigung, die mich seit den ersten Schuljahren interessiert, vielleicht weil ich in einer für sozialpolitische Themen sensibilisierten Familie aufgewachsen bin." Dazu komme, dass er große Teile seines Lebens in mehreren Ländern mit verschiedenen Weltanschauungen verbracht habe.
Und was fasziniert den Vater zweier kleiner Söhne, der viele Kulturen kennt, an Deutschland,? Es sind die Disziplin und die Systematik im Denken und Handeln, und diese Eigenschaften, sagt der Arzt, sind keine Klischees, sie sind eine Herausforderung bei der tägliche Arbeit.
Von Rainer Schubert