Tunesien startet Qualitätsoffensive im Touristikgeschäft
Neuer Tourismusminister setzt auf stärkere Diversifikation gegen den stetigen Rückgang der Besucherzahlen aus Deutschland. Skizzen von einem Streifzug durch ein zauberhaftes Urlaubsland.
Von Bernd-Dieter Fridrich
Freitag, 16. April 2010
Mehrere Teilnehmer des 21. Internationalen Symposiums des RDC (Rassemblement Constitutionnel Démocratique), das kürzlich in Tunis auf Einladung der ATCE (Agence Tunisienne de Communication Externe) stattfand, hatten Gelegenheit, sich vor Ort von der Vielfalt touristischer Sehenswürdigkeiten in dem mit nur 162.155 Quadratkilometern kleinsten Land Nordafrikas zu überzeugen. Seit den 1960er Jahren kommen zahlreiche Touristen dorthin, angelockt von der Wintersonne bei jahresdurchschnittlich für Europäer noch relativ angenehmen Temperaturen von 11 bis 12 Grad Celsius im Dezember, ausgedehnten Stränden, geheimnisvoller Wüstenlandschaft und archäologisch einmaligen Stätten. Die Tourismuswirtschaft bietet einer wachsenden Zahl überwiegend muslimischer Araber unter den 10.326.600 Einwohnern (2008) einen festen Arbeitsplatz, wobei gerade in jüngerer Zeit das Thema Umweltschutz und damit der Ökotourismus immer mehr an Bedeutung gewinnen. Es ist nicht zuletzt auch eines der Ziele des neuen Tourismusministers Slim Tlatli: das Image Tunesiens als billiges Urlaubsland durch eine konsequente Ausweitung des Produktportfolios dieser Mittelmeer-Destination nachhaltig aufzubessern.
Freilich ist ihm bewusst, dass trotz einer Neupositionierung Tunesiens im internationalen Tourismusgeschäft auch weiterhin hauptsächlich Badeurlauber ins Land kommen. Gleichwohl erwartet er durch eine stärkere Diversifikation mit Blick auf Golfer, Wellness- oder Kulturtouristen eine nachhaltige Belebung der Nachfrage, besonders auch aus Deutschland. Hier soll sich die Zahl der Gäste auf rund 800.000 Besucher im Jahr erhöhen, nachdem es seit 2005 einen beinahe ständigen Negativtrend mit einem Tiefststand von 485.000 deutschen Touristen im Jahr 2009 gegeben hat, was einer Minusrate von 7,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht.
Tunesien hofft, spätestens in sechs Jahren zehn Millionen Urlauber aus aller Welt begrüßen zu können. Dabei setzt Tatli auf eine groß angelegte Qualitätsoffensive: Hoteliers, Restaurantbesitzer, Reisebüros und Veranstalter von Touren durch das Land sollen sich für die von ihm vorgegebene "Qualité totale" engagieren. Diesem Ziel dienen unter anderem auch eine vereinheitlichte Klassifizierung der Hotels und eine Zertifizierung der touristischen Dienstleistungen nach ISO-Normen.
Ab November 2011 dürfen neben der nationalen Fluggesellschaft "Tunisair" auch zunehmend andere Airlines die bisher sieben internationalen Flughäfen ansteuern. Diese Open-Sky-Politik wird bald durch den im Bau befindlichen neuen, nach Staatspräsident Zine El Abidine Ben Ali benannten, dann modernsten tunesischen Großflughafen in optimaler Anbindung an das bereits vorhandene und mit Hochdruck auszubauende Straßen- und Schienennetz in erreichbarer Nähe zur Landeshauptstadt Tunis einen erheblichen Auftrieb erhalten.
Aus dem Nähkästchen geplaudert
Der sehr agile ATCE-Chef Tahar Triki ließ es sich bei einem Besuch in Kairouan, was so viel wie Karawane heißt, nicht nehmen, etwas über die "Teppichhauptstadt" Tunesiens zu berichten: in fast jedem Haus gab es früher einen Webstuhl, auf dem kunsthandwerklich begabte Frauen geometrische Muster aus reiner Schafswolle geknüpft haben. In jener Stadt mit 80.000 Einwohnern also, die mit ihrer weltberühmten Großen Moschee, der ältesten des Maghreb, und den etwa 90 kleineren Moscheen sowie den 50 Mausoleen, außerdem den Marabus, den islamischen Einsiedlern und gelegentlich Heiligen, sowie den Kubben, den kleinen überwölbten Grabbauten, Ziel der Pilger aus der gesamten islamischen Welt ist. Mouled, der Geburtstag des Propheten Mohammed, wird in der "Stadt der Sonne und des Sandes" besonders gefeiert, wo die Teppichhändler an diesem Tag ihr Geschäft des Jahres machen.
Andere heiße Tipps gab er liebenswert zum Besten: das an einem Hügel gelegene, steil zum Meer abfallende malerische Künstlerdorf Sidi-Bou-Saïd mit den weißen Häusern und den blauen Türen sowie den mit Schmiedeeisen vergitterten Fenstern, das bereits die Expressionisten August Macke und Paul Klee gefangen genommen hatte. Das "Café des Nattes" sei immer einen Besuch wert, um in aller Ruhe einen türkischen Kaffee oder einen Pfefferminztee zu sich zu nehmen und danach mit einem typischen Souvenir, einem bauchigen Vogelkäfig, heimzukehren. Auf gar keinen Fall dürfe man das Land wieder verlassen, ohne das 30.000 Einwohner zählende Städtchen Hammamet mit seiner ganzjährigen Blütenpracht besucht zu haben. Eingeschlossen von hohen Mauern liegt die von winkligen Gassen geprägte Medina (Altstadt) mit den überdachten Souks (Märkte) und der Kasbah mit ihrem kulturgeschichtlich interessanten "Widdermuseum", dazu dem einmaligen Blick auf die Bucht und den Fischerhafen.