Berlin hat das Ziel, eine der führenden Regionen des Gesundheitstourismus in Deutschland zu werden
Interview mit dem Wirtschaftssenator Wolf.
Freitag, 16. April 2010
Wirtschaftssenator Wolf reiste in die Vereinigten Arabischen Emirate und nach Saudi-Arabien:
"Das in der Hauptstadtregion vorhandene Know-how passt hervorragend zur Nachfrage der arabischen Region." Bevölkerungswachstum, technischer Fortschritt und zunehmende Lebenserwartung steigern die Nachfrage der arabischen Länder nach Gesundheitsdienstleistungen. Krankenhausmanagement, Aus- und Weiterbildung sowie die wissenschaftliche Zusammenarbeit standen daher im Mittelpunkt der Reise des Berliner Bürgermeisters und Senators für Wirtschaft, Technologie und Frauen, Harald Wolf, mit einer Wirtschaftsdelegation vom 24. bis 27. Januar 2010 nach Dubai, Abu Dhabi und Riad. In Dubai besuchte Senator Wolf die "Arab Health", die größte Gesundheitsmesse der arabischen Welt.
Gesprächspartner in den Vereinigten Arabischen Emiraten waren die Minister für Gesundheit, Dr. Hanif Hassan Ali, für Hochschulwesen und wissenschaftliche Forschung, Sheikh Nahyan bin Mubarak Al Nahyan, sowie der Vorsitzende des National Consultative Council, Abdullah Bin Mohamed Al Masoud. Mit dem Gesundheitsministerium wurde u. a. ein Pilotprojekt zur Erprobung des telekardiologischen Systems "BIOTRONIK Home Monitoring" vereinbart. Dies ist das gegenwärtig modernste System drahtloser Fernüberwachung zur täglichen, gezielten und damit sehr effizienten Versorgung bei Patienten mit implantierten Herzschrittmachern bzw. Defibrillatoren.
In Saudi-Arabien führte der Senator auf Einladung der Stadt Riad Gespräche u. a. mit dem stellvertretenden Hochschulminister und dem Gouverneur Riads, Prinz Salman bin Abdulaziz Al-Saud. Wolf sprach ihm eine Einladung des Regierenden Bürgermeisters zu einem Besuch nach Berlin aus, um über konkrete Kooperationsmöglichkeiten in den Bereichen Gesundheit, regenerative Energien und Wasser zu sprechen. Der Berliner Bürgermeister überreichte Prinz Salman die "Ehrenplakette der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften".
In der saudi-arabischen Hauptstadt wurde die Kooperation zwischen der Berliner Vivantes GmbH, dem größten kommunalen Krankenhaus Konzern Deutschlands, und der Al Imam University Riad vertraglich erneuert. Inhalt dieses Millionen-Auftrags ist u. a. die Lieferung der Generalkonzeption für einen neuen medizinischen Universitätscampus.
ARAB FORUM konnte Senator Wolf im Anschluss an die Reise einige Fragen stellen.
ARAB FORUM: Worin sehen Sie das Potenzial der von Ihnen besuchten Länder für Berlin?
WOLF: Der arabische Gesundheitsmarkt boomt: Ambitionierte Programme zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung haben vor allem die Vereinigten Arabischen Emirate und das Königreich Saudi Arabien aufgelegt. Berliner Kliniken und Medizintechnikfirmen wollen die Chance nutzen und sich gegen international scharfe Konkurrenz auf den arabischen Märkten etablieren. Berlin hat das Ziel, eine der führenden Regionen des Gesundheits-tourismus in Deutschland zu werden und Patienten aus der Golfregion in hiesigen Kliniken und Reha-Einrichtungen zu behandeln.
Ich unterstütze politisch das starke Interesse von Unternehmen der Gesundheitswirtschaft aus Berlin und Brandenburg an der Golfregion als Wirtschaftspartner. Durch meine Reise konnten wir Kontakte vertiefen und erweitern, besonders langjährige Handelsbeziehungen stärken und ausbauen.
ARAB FORUM: Werden die arabischen Länder ein neuer Focus der außenwirtschaftlichen Aktivitäten Berlins?
WOLF: Die arabischen Länder bieten große Chancen für Berlins Außenwirtschaft, weil sie durch hohe Erdöl- und Erdgas-einnahmen infrastrukturelle Reform- und Großprojekte finanzieren können. Berlin bietet durch seine zentrale Lage in Mitteleuropa und durch ein hohes wissenschaftliches, technologisches, kreatives und auch touristisches Potential gute Voraussetzungen zur Vertiefung der Kooperation mit den arabischen Ländern. Seit Januar 2009 hat die Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Frauen deshalb das Projekt MENA aufgelegt, um die Potentiale des arabischen Marktes zu analysieren und um der Berliner Wirtschaft mit ihren Kompetenzfeldern zu helfen, gezielt diesen Markt zu erschließen.
Die Vereinigten Arabischen Emirate und das Königreich Saudi-Arabien sind die stärksten Abnehmer Berliner Produkte und die wichtigsten Märkte in der Golfregion. Dies gilt nicht nur für die Gesundheitswirtschaft. Gerade bei größeren Infrastrukturprojekten bieten sich auch der sonstigen Berliner Wirtschaft gute Handelschancen. Das in der Hauptstadtregion vorhandene Know-how in der Verkehrssystemtechnik, den erneuerbaren Energien und der Energieeffizienz, dem Wasser- und Abwassermanagement und dem Umweltschutz passt hervorragend zur Nachfrage aus der arabischen Region. Dabei geht es nicht nur um Warenlieferungen, sondern insbesondere auch um Ingenieur-, Planungs- und Beratungsleistungen. Starkes Interesse an Kooperationen, das wurde während meiner Reise bei Gesprächen mit den Gesundheits- und Hochschulministern deutlich, besteht außerdem auch in den Bereichen Aus- und Fortbildung.
ARAB FORUM: Ein Schwerpunkt der Reise war das Thema Gesundheitswirtschaft. Was kann Berlin auf diesem Gebiet anbieten, was andere Standorte in Deutschland nicht haben?
WOLF: Namhafte Akteure aus der Hauptstadtregion im Kompetenzfeld Health Care mit ihrer thematischen Fokussierung auf Erkrankungen, die in der Golfregion besonders gravierend auftreten, bieten gemeinsam geschlossene Behandlungsketten und damit ganzheitliche Problemlösungen an - von der medizinischen Diagnostik über die klinische Behandlung, die Rehabilitation bis hin zur Prophylaxe, Aus- und Weiterbildung, wissenschaftlichen Forschung sowie Kooperationssystemlösungen zum Krankenhausbau und -betrieb.
Berlins Gesundheitswirtschaft ist im Metropolenvergleich Spitze: Sie belegte in der Prognos-Studie "Zukunftsatlas Branchen 2009" den ersten Platz. Mit einer Beschäftigtenzahl von rund 350.000 Menschen und einer Bruttowertschöpfung von rund 14,3 Milliarden Euro ist die Gesundheitswirtschaft der Hauptstadtregion Berlin-Brandenburg eine der stärksten bundesweit. Die langfristigen Wachstumsaussichten der Gesundheitswirtschaft sind äußerst viel versprechend.
Berlin gehört zu den europaweit führenden Wissenschaftsstandorten. Groß ist die Dichte an Universitäten und Forschungseinrichtungen, aus deren Umfeld viele Firmengründungen hervorgehen. Bei der Einwerbung von Fördermitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft hat Berlin im Fachgebiet Medizin Platz eins inne.
Die Hauptstadtregion gehört zu den bundesweit führenden Standorten in den Bereichen Medizintechnik und Biotechnologie. Bedeutende Pharmaunternehmen wie Bayer Schering Pharma, Berlin Chemie, Pfizer sowie Sanofi Aventis sind in Berlin tätig. Dazu kommen die Kliniken Vivantes und Charité.
Berlin gehört zu den weltweit führenden Standorten des Kongresstourismus. Nach den aktuellen Statistiken des international wichtigsten Experten-Rankings International Congress and Convention Association (ICCA), Amsterdam, rangiert Berlin nach Wien auf Rang zwei der Weltrangliste der führenden Kongressdestinationen. 70 Prozent der Großkongresse in Berlins ICC kommen aus dem Medizinbereich.
ARAB FORUM: Stichwort Gesundheitstourismus: die wissenschaftliche und fachliche Qualifikation Berliner Kliniken gilt als sehr hoch. Wie sieht es in Berlin mit Service und anderen Dienstleistungen einschließlich der Sprachkompetenz für die anspruchsvolle und Komfort gewohnte Klientel aus arabischen Ländern aus?
WOLF: Die Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Frauen fördert im Rahmen der Gemeinschaftsaufgabe "Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur" das "Network for Better Medical Care Berlin" (NBMC). NBMC ist ein Netzwerk, das das Ziel hat, internationale Kooperationen zu fördern. Es ist eine Qualitätsgemeinschaft für die Betreuung und Behandlung internationaler Patienten.
Die Berliner Ärzteschaft sowie das technisch modern ausgerüstete Operations- und Pflegepersonal in den Berliner Behandlungs- und integrierten Forschungseinrichtungen stammen oft aus nahöstlichen Einwandererfamilien. Neben den meist vorhandenen Englischkenntnissen könnten so auch Arabischkenntnisse die direkte Kommuni-kation mit arabischen Patienten erleichtern. Vor diesem Hintergrund können ins-besondere hoch qualifizierte Spezialisten in der mikroinvasiven Chirurgie problemlos nahöstliche Patienten mit neuesten Behandlungsmethoden schonend operieren. Zudem wurden zwischen verschiedenen Berliner Gesundheitseinrichtungen und arabischen Partnern sowie auch Partnerländern, z.B. mit Syrien, Kooperationsabkommen geschlossen. Langfristig gesehen dürfte dabei der Export von innovativem Know-how, Pharmaka, Medizintechnik und Dienstleistungen für die Berliner Gesundheitswirtschaft den meisten Erfolg ver-sprechen.
Auch als Tourismusdestination besitzt Berlin eine hohe Attraktivität. Nachteilig für Berlin sind allerdings die wenigen Direktflugverbindungen in die MENA-Region. Allerdings bemüht sich die Berlin Tourismus Marketing GmbH gemeinsam mit den Berliner Flughäfen um eine bessere Flugverbindung.
Die Fragen stellte Rainer Schubert