Donnerstag, den 1. Juli 2010

Das klimatisch begünstigte Mittelmeerland investiert mit Macht und zugleich Augenmaß in das Gesundheitswesen. Der Staat garantiert offiziell jedem tunesischen Bürger eine Basisversorgung, unabhängig davon, ob er über eine Krankenversicherung verfügt oder nicht. Die im Jahr 2005 angelaufene Reform für die Zusammenlegung der beiden bis dahin getrennten Kassen für den öffentlichen und den privaten Sektor in der neuen "Caisse Nationale d’Assurance Maladie" (CNAM) mit einem anfänglich einheitlichen Beitragssatz von 6,7 Prozent des Einkommens bei einem Arbeitgeberanteil von vier Prozent hat sich nach nur fünf Jahren zu einer Erfolgsgeschichte entwickelt. Nicht nur eine spürbare Verbesserung bei der Versorgung der eigenen Bevölkerung ist Ziel der Gesundheitspolitik; auch ausländische Patienten sollen verstärkt tunesische Heilkünste in Anspruch nehmen. Eine relativ gut ausgebildete Ärzteschaft und ein preisgünstiges Pflegepersonal bilden die Grundlage für einen wachsenden Gesundheitstourismus. Besonders die privaten Krankenhäuser ziehen dank der dynamischen Entwicklung der tunesischen Medizintechnik immer mehr gut zahlende Patienten aus Europa an.
Der zuvor in anderen Ressorts praxiserfahrene, im Jahr 2007 von Staatspräsident Zine el-Abidine Ben Ali zum Minister für das öffentliche Gesundheitswesen ernannte Mondher Zenaïdi (Jahrgang 1950) konnte kürzlich vor der internationalen Presse in der Landeshauptstadt Tunis eine beeindruckende Bilanz vorlegen: Er wies darauf hin, dass der Präsident das Thema Gesundheit für alle Bürger von Anfang an zur Chefsache gemacht hat, wobei die öffentliche Gesundheitsversorgung nach einem dreistufigen System organisiert ist. Schwerpunkte des staatlichen Investitionsprogramms sind die Erweiterung des Leistungsangebots der Bezirkskrankenhäuser, die verstärkte Ausstattung der Regionalkrankenhäuser mit hochwertiger Diagnosetechnik und die Beschaffung von Magnetresonanzgeräten für die Universitätskliniken.
Die Grundversorgung übernehmen derzeit 2080 Basiszentren (1987 zum Vergleich: 1359), die in der Regel über eine noch relativ geringe technische Ausrüstung verfügen. Die zweite Stufe umfasst 121 örtliche Krankenhäuser (1987: 99) und 33 Regionalkrankenhäuser (1987: 22), während in der dritten Stufe 28 Universitätszentren (1987: 20) mit angegliederten Spezialkliniken angesiedelt sind, die zum großen Teil über eine sehr leistungsfähige, europäischen Ansprüchen genügende medizintechnische Ausstattung verfügen. Heute findet jeder Tunesier in weniger als fünf Kilometern Entfernung medizinische Hilfe. Alle öffentlichen Krankenhäuer mit einem Bestand an 19.000 Betten (1987: 16.400) unterstehen unmittelbar dem Gesundheitsministerium. Die staatliche Krankenversicherung unterhält außerdem sechs Polikliniken unmittelbar. Inzwischen besteht an tunesischen Medizinern und anderen Gesundheitsexperten in den Nachbarländern und im gesamten arabischen Raum erhöhter Bedarf: der "Gesundheitsexport ins Ausland" wächst derzeit jährlich um etwa 20 Prozent.
Privat geht vor Staat
Höchste Priorität jedoch haben die Privatkliniken, deren Zahl von 1987 bis 2008 von 28 auf 117 angestiegen ist, wobei die Zahl der Betten auf 2747 zunahm. Es handelt sich meist um Spezialkliniken, die ihre Leistungen in zwei oder drei Fachbereichen anbieten, wobei Schönheitschirurgie, Gefäßchirurgie, Orthopädie, Urologie und Augenheilkunde die Renner sind.
Der Privatsektor weist im vorgenannten Zeitraum 5368 gegenüber nur 1374 Arztpraxen auf, von denen 2848 spezialisiert sind, darunter 1808 Dentalpraxen (1987: 561), 41 Röntgenpraxen, an die 200 private medizinische Labors und 99 Dialysezentren (1987: 13). Dazu kommen rund 60 private Krankentransportunternehmern, die quer durch das Land ihre Dienste anbieten.
Die Entwicklung der Humanressourcen zwischen 1986 und 2008 ist beachtlich: 12.000 Ärzte (gegenüber zunächst nur 1800 Medizinern), 2400 Zahnärzte (1986: 700), 3050 Apotheker (1986: 1100) und 41.000 Beschäftigte in medizinischen Hilfsberufen (1986: 20.300). Im Jahr 2008 kamen nur noch 937 Einwohner (1987: 2193) auf einen Arzt. Die Gesundheitsausgaben pro Einwohner stiegen von 119,7 DT (Tunesische Drachmen) im Jahr 1995 auf 256 DT im Jahr 2007. Heute sind 95 Prozent aller Tunesier krankenversichert. Die Kindersterblichkeit ist von 200 (1956) über 51,4 (1987) auf 16,4 (2009) auf 1000 Geburten signifikant zurückgegangen; für das Jahr 2014 peilt man eine Sterblichkeitsrate von nur noch 8,5 per Tausend an. Die durchschnittliche Lebenserwartung ist von 68,9 Jahren (1987) auf 74,6 Jahre (2008) gestiegen. Begleitet wird diese positive Entwicklung durch eine systematische Verbesserung der medizinischen Aus- und Weiterbildung sowie auch im gesamten Pflegebereich, um in allen relevanten Sektoren internationale Standards zu erreichen.
Ausländische Patienten im Visier
Neben dem rasanten Wachstum der privaten Medizin in Tunesien spielt die rasch steigende Zahl der privat zahlenden Patienten aus dem Ausland eine zunehmende Rolle bei der Gesamtfinanzierung des Gesundheitswesens. Kliniken, Ärzte, Zahnärzte und Fachärzte können mit einer modernen, leistungsfähigen Apparatemedizin aufwarten, die internationalem Niveau entspricht. Der Gesundheitstourismus konzentrierte sich zunächst auf die Nachbarländer Libyen und Algerien. Schon im Reformjahr 2005 konnten 55.000 ausländische Patienten versorgt werden. Europäische Versicherungen übernehmen in wachsender Zahl die Kosten für eine Behandlung in Tunesien, wenn chirurgische Eingriffe und medizinische Nachsorge den hohen hiesigen Qualitätsstandards entsprechen, da die Kosten wegen der um rund 50 Prozent niedriger liegenden Löhne und Gehälter in dem Mittelmeeranrainerstaat für die Versicherer äußerst attraktiv sind. Fast unschlagbar ist die gute Verbindung von medizinisch notwendiger Heilbehandlung mit Schönheitsoperationen, besonders mit immer beliebter werdender Thalassotherapie als dem Teilbereich der Medizin, die auf der heilklimatischen Wirkung von Seeluft und Bädern im Meerwasser beruht. Hier nimmt Tunesien international einen Spitzenplatz ein. Von dem Wachstumsmarkt der Geriatrie will das klimatisch begünstigte Tunesien besonders profitieren.
Das Land der numidischen Thermen und des Hammam, dem historischen Badehaus im Vorderen Orient, hat schon immer Bäder aller Art als Jungbrunnen geschätzt. Balneotherapie und Thalassotherapie nennt man seit Jahrhunderten zu jeder Jahreszeit in einem Atemzug mit dem gesamten Küstenstreifen von Tabarka im Westen über Bizerte, Gammarth, Hammamet, Sousse, Monastir oder Mahdia bis hin nach Zarzis im Südosten sowie der Insel Djerba.
von Bernd-Dieter-Fridrich