Paradies für den Mittelstand
Wirtschaftsboom im Emirat Sharjah
Donnerstag, den 1. Juli 2010

Lange Zeit im Schatten des berühmteren Nachbar-Emirats Dubai, hat das drittgrößte Emirat der Vereinigten Arabischen Emirate sich unspektakulär, aber kontinuierlich entwickelt. Mit der früheren Beschaulichkeit ist es vorbei, und man begnügt sich schon lange nicht mehr mit der Rolle des "Kulturemirats"; denn während in Abu Dhabi und Dubai die spektakulären Kulturprojekte noch im Bau sind, verfügt Sharjah seit Jahrzehnten über das einzige Kunstmuseum sowie das einzige Islamische Museum der Emirate und über eine weiträumige "Art and Heritage Area" mit zahlreichen Museen – alles nahe beieinander, zur Freude der Touristen, deren Zahl ständig wächst. Sie strömen auch in das vor einem Jahr eröffnete spektakuläre Maritime Museum sowie das Aquarium neben dem alten Stadtteil Khan: in einer der wenigen Gegenden der Emirate, in der noch Reste der traditionellen Architektur der Häuser der Perlenfischer zu sehen sind - nicht mehr lange, denn die Baukräne rücken immer näher. Inzwischen haben die regen Bautätigkeiten dazu geführt, dass Sharjah und Dubai nahtlos ineinander übergehen und die Pendler sich im Schlange stehen üben.
Handelskammer und EXPO
Viele offizielle Gebäude wie Ministerien, Museen, Behörden, der Kulturpalast, der Emirspalast sowie die Universitäten in Sharjah präsentieren sich in einer ganz eigenen, von den Fatimiden inspirierten Architektur, die dem Geschmack des Herrschers von Sharjah, Sheikh Dr. Sultan Al Qasimi, entspricht. Dem hohen Anspruch einer Industriemetropole wird Sharjah durch einen palastartigen Neubau der Sharjah Chamber of Commerce & Industry (SCCI) gerecht. Das Gebäude nimmt eine Fläche von 28.000 qm ein und ist in der Empfangshalle geschmackvoll mit Gemälden des international bekanntesten emiratischen Künstlers Abdulqader Al Rais ausgestattet. Die Kammer ist wegen der permanenten Ausstellung der Produkte aus Sharjah, der hervorragenden Infrastruktur und der professionellen Betreuung und Bewirtung bevorzugtes Ziel zahlreicher Wirtschaftsdelegationen aus aller Welt.

Bewusst wurde das Handelskammergebäude in Sichtweite des EXPO-Centers gebaut, dem gut ausgestatteten Messegelände Sharjahs, in das die Kammer erfolgreich investiert hat. Mehr als 20 Industrieausstellungen finden derzeit pro Jahr statt, und da man im Laufe des Jahres 2010 mit einem Ende der Wirtschafts- und Finanzkrise rechnet, erwartet man steigende Tendenz. Die Internationalität der früher eher regional ausgerichteten Messen nimmt zu, wie z. B. die jährliche Baumesse und die alle zwei Jahre stattfindende Internationale Automobilmesse zeigen. Letztere zeichnet sich dadurch aus, dass sich auf der einen Hälfte der Ausstellungsfläche mehrheitlich die asiatischen Kleinwagenhersteller und Besucher aus dem Mittelstand tummeln, während die zweite Hälfte den Nobelmarken gehört und die wohlhabenden Scheichs hier ihren neuen Maybach ausprobieren können.
Ahmed Mohammed Al Midfa, Chairman der Sharjah Chamber of Commerce & Industry, verweist auf die rasante Entwicklung der Industriezone, die bei ihrer Etablierung im Jahr1974 mit 74 Firmen begann, inzwischen über 25 mal so viele Firmen angezogen hat und sich in der Fläche kontinuierlich ausdehnt. Einen Eindruck von der Vielfalt der industriellen Produktion liefert die ständige Ausstellung in der Kammer: Produziert wird vieles von Lebensmitteln bis zu Möbeln. Über 80 Prozent der Unternehmen in Sharjah sind kleine und mittlere Betriebe.
Sharjah ist daran interessiert, dass sich hier neue Industrien ansiedeln, insbesondere hat man den Gesundheitsbereich im Auge. Deutsche Unternehmen sind herzlich eingeladen.
Die Kammer hat spezielle, teilweise von ihr finanziell unterstützte Programme für Unternehmer aufgelegt, um Wirtschaft und Export des Emirats zu stärken. Plan ist, neue Märkte in der Mittleren Osten und Nordafrika (MENA-Region) und in Zentralafrika zu erschließen. Im Nicht-Öl Sektor sind (trotz globaler Finanz- und Wirtschaftskrise) die Exporte des Emirats mit hier hergestellten Produkten im Jahr 2009 um 0,07 Prozent gestiegen und erreichten 3,1 Mrd. Dirham. Die Exporte gehen in 40 Länder.
Schwerpunkt: Berufliche Bildung
Ein Schwerpunkt der Arbeit und des Interesses der Kammer liegt in der beruflichen Bildung. "Deutschland ist bekannt für sein Know-how auf diesem Gebiet, und unser Sharjah Institute of Technology, das für die berufliche Bildung zuständig ist, wünscht sich eine Kooperation mit Deutschland in diesem Bereich. Wir wollen von dem guten Ausbildungssystem in Deutschland profitieren", so Al Midfa. Die berufliche Bildung in Industrie und Dienstleistung wird als Motor für weiteres Wachstum gesehen, denn Sharjah ist bei der Industrieproduktion weiterhin auf dem Vormarsch. Mit dem Engagement für die berufliche Bildung liegt man im Landestrend. Hintergrund für diese Entwicklung ist der im Juni 2009 erschienene Report zur beruflichen Bildung, den die Mohammed bin Rashid Al Maktoum-Stiftung in Dubai in Kooperation mit PricewaterhouseCoopers Middle East nach Befragung von fast 600 Entscheidungsträgern der Wirtschaft im Mittleren Osten und Nordafrika MENA-Region erstellen ließ. Im Brennpunkt stehen dabei Finanzdienstleistungen, Medien, Gesundheitswesen, Tourismus, IT, Transport, Logistik, Bau, Energie und Immobilien. Ziel ist, der beruflichen Bildung im Land mehr Anerkennung zu verschaffen, wobei Regierung, Bildungseinrichtungen und Unternehmen zusammenarbeiten müssen, damit die nationale Jugend entsprechend qualifizierte Tätigkeiten ausüben kann und diese Arbeiten nicht auch in Zukunft Ausländern aus dem asiatischen Raum überlassen werden müssen. Bleibt nur noch die nicht einfache Aufgabe, die einheimische Bevölkerung – und vor allem die Jugend – davon zu überzeugen, dass nicht jeder "Häuptling" sein kann, sondern auch einheimische "Blaukragen-Indianer" für die Zukunft auf dem Arbeitsmarkt unerlässlich sind. "Das muss gelingen", so übereinstimmend der Generaldirektor der Kammer, Hussain Al-Mahmoudi, und Omer Mohammed Ali Salih, Leiter der Abteilung Wirtschaftskooperation und Auslandsbeziehungen.
Blühender Warenhandel mit Dhaus
Trotz moderner Containerschiffe, die auch den Hafen von Sharjah anlaufen, blüht an der Sharjah Corniche der Warenhandel mit Hilfe handgefertigter Handelsdhaus. Die meisten sind im Einsatz für den Warenhandel aller Art (von Zucker bis zu Kühlschränken) nach Iran. Zu ihren Zielen gehören die Häfen von Bandar Abbas und Bushehr. Eingeführt werden Salz oder lebende Schafe und Ziegen aus dem Iran. "Die meisten Dhaus fahren in Iran; die Dhaus nach Jemen, Somalia, Djibouti, Bangladesh, Indien und Pakistan werden in Sharjah immer weniger", so Mohammed Al Abed, Emirati aus Sharjah, und Dhau-Besitzer. Schon früh morgens beginnt auf den Dhaus hektische Betriebsamkeit. Obwohl sich die zum Transport bereitgestellten Waren schon meterhoch an der Corniche stapeln, kommen immer mehr Pickups und Lastwagen aus Dubai und Sharjah und bringen neue Kisten "Made in China" und "Made in Thailand". Beim Laden ist jedes Besatzungsmitglied gefordert; die harte Arbeit ist für die Männer Routine. In dem scheinbaren Chaos sorgen die Lieferanten und Händler mit Mobiltelefon, Rechnungsblocks und Kugelschreiber für Ordnung, denn schließlich dient der ganze Aufwand einem Ziel: Geld zu verdienen. Das bunte Treiben ist auch ein Magnet für Besucher, für deren Fragen die Seeleute – so sie denn Englisch verstehen - Verständnis haben.
Wer Glück hat, wird auf eine der Dhaus eingeladen. Ein besonderes Erlebnis ist die Fahrt mit einer Fischerdhau entlang den Handelsdhaus bis zum gegenüberliegenden Hafen und zurück zur iranischen Moschee an der Corniche.
Spektakuläres Projekt für Investoren: Nujoom Islands
Nachdem der Masterplan dieses 18 Mrd. Dirham-Projekt von Sharjah's Department of Survey and Planning genehmigt wurde, ist inzwischen ein Teil der Infrastruktur, inklusive der Wasserkanäle der Inseln, fertig. Geplant sind drei Bauabschnitte in fünf Jahren. Das von der saudischen Firma Al Hanoo Holding entwickelte Luxus-Inselprojekt umfasst eine Fläche von über sechs Millionen Quadratmetern und ist von Inseln bedeckt, die sich entlang der Al Hamriya Küste erstrecken, unmittelbar im Anschluss an die Wohngebiete des Emirats. Neben 40 Hochhäusern, 145 Wohnblocks, sechs Fünf-Sterne Hotels, Marina Clubs, Supermärkten, Unterhaltungszentren, Schulen, Geschäften, Banken, Moscheen, Coffeeshops, Restaurants, breiten Straßen, Brücken und Parkanlagen werden 1400 direkt am Meer gelegene Villen gebaut – an Stränden mit einer Gesamtlänge von 33 km. Sheikh Abdulla Al Shakra, Chairman von Nujoom Islands Company (für die Entwicklung des Projekts von Al Hanoo gegründet), ist zufrieden mit den Fortschritten an diesem Mega-Projekt und zeigt sich zuversichtlich, dass vor allem die Luxusvillen den Bedürfnissen des Marktes und internationaler Investoren entsprechen – in einer Zeit großer Herausforderungen auf dem Immobilienmarkt. Für die perfekte Verkehrsanbindung nach Sharjah und Dubai ist gesorgt – zur Freude von Einheimischen, Investoren und Besuchern, denn dieses Zentrum soll das größte innerhalb der Golfstaaten werden.
von Barbara Schumacher