Boom im Wüstenstaat
Wirtschaft in Saudi-Arabien
Donnerstag, den 1. Juli 2010

"Wegen der anhaltenden globalen Krise sucht das internationale Kapital nach alternativen Märkten, um die Gewinne einzustreichen, an die man vor der Krise gewohnt war", ist die Meinung von saudischen Experten auf dem ersten Outlook Saudi Arabia Summit (10. bis 12. April 2010 in Riyadh in Partnerschaft mit Saudi Arabian General Investment Authority SAGIA). Dort wurde für die nächsten 12 Monate ein Wachstum an ausländischen Direktinvestitionen von 20 Prozent vorausgesagt. Tatsache ist, dass das Königreich in den letzten vier Jahren beim Geschäftsindex der Weltbank von Platz 67 auf Platz 13 vorgerückt ist. Laut SAGIA ist Saudi-Arabien der größte Empfänger ausländischer Direktinvestitionen im Mittleren Osten und kann sich über eine erfreuliche Wirtschaftsstabilität und Wachstum auf zahlreichen Gebieten freuen. Neuesten Statistiken zufolge sind 40 Prozent der Bevölkerung unter 14 Jahre alt.
Viele Wachstumsbranchen
Ohne Zweifel gibt es viele Dinge und Prozesse im größten Land auf der Arabischen Halbinsel, die im Zustand von Stillstand oder sogar Rückschritt sind, aber es gibt auch positive Signale, die hoffen lassen, vor allem in der Wirtschaft. Zu den stark wachsenden Bereichen gehören neben der Telekommunikation (größte der Golfregion) die Immobilienbranche, das Gaststättengewerbe, die petrochemische Industrie (mit sechs Prozent Wachstum) und das Gesundheitswesen mit Rekordwachstumserwartungen von zwölf Prozent. Trotz der positiven Anzeichen für tatsächlichen Fortschritt stellt sich die Frage, ob die getätigten und geplanten Maßnahmen Wirtschaft und Gesellschaft tatsächlich entscheidend voranbringen werden und ob die unternommenen Schritte in einem ausreichenden Tempo erfolgen, das schnell genug ist, um mit dem sich rasant entwickelnden globalen Markt mitzuhalten.
Drittreichste Hochschule der Welt: KAUST als Wirtschaftsmotor
König Abdullah Bin Abdulaziz Al Saud persönlich eröffnete die 12,5 Mrd. US Dollar teure King Abdullah University of Science and Technology (KAUST) im September 2009. Er machte mit einem 10-Milliarden-Dollar-Stiftungsfonds die neue Uni zu einer der reichsten Hochschulen der Welt. Das weltberühmte Massachussetts Institute of Technology (MIT) in Boston stand für die Universität Modell, und so gehen die Ziele von KAUST weit über den reinen Bildungsauftrag für die ständig wachsende saudische Jugend hinaus, denn es geht zusätzlich um Forschung, Technologie, Patente und Beiträge zur Wirtschaft. Milliarden Dollar dafür auszugeben und sich der Zusammenarbeit mit einer der Welt renommiertesten Institute zu versichern, ist selbst für einen hoch entwickelten westlichen Staat kein "Pappenstiel". Saudi-Arabien hat dieses bemerkenswerte Projekt realisiert – etwa 80 km nördlich von Jeddah auf einer künstlichen Insel in der neuen Stadt King Abdullah City, deren Bau erst vor zwei Jahren begonnen wurde.

Von dem neuen "Haus der Weisheit" wird erwartet, dass es eine führende Rolle übernimmt, um Partnerschaften zwischen Unternehmen aus aller Welt und der saudischen Geschäftswelt herzustellen. Für die meisten kleineren Unternehmen gibt es zwei größere Hürden: Zugang zu Forschung und zu Kapital. KAUST und Investoren in Saudi-Arabien bieten beides. Die Innovationscluster von KAUST entsprechen den neuesten technischen Standards, und die Kosten sind überschaubar. Der Business Incubator konvertiert Hochtechnologie-Forschungsprojekte in kommerzielle Einheiten, die mit ihren praktischen Anwendungsmöglichkeiten dem Wohle der Gesellschaft dienen. Dieser "Incubator" hilft bei allem: von Geschäftsplänen über die Beschaffung lokaler Dienstleister bis zur Beschaffung von Wohnraum. Darüber hinaus sorgt das KAUST Industrial Collaboration Programme (KICP) dafür, dass innovative Jungunternehmen mit viel versprechenden Pilotprojekten den Kontakt bekommen zu Weltfirmen wie Boeing, IBM etc. Solche Kontakte sind wichtig, aber ein weiteres Element ist die finanzielle Unterstützung. Die gibt es für Erfolg versprechende Unternehmungen vom Seed Fund, der Beträge bis zu 250.000 US-Dollar investiert. Dies ist durchaus bemerkenswert, verblasst aber vor den Beträgen, die durch den Privatsektor in Saudi-Arabien möglich wären. Wenn ausländische Handelskammern sich mit saudischen Kammern verbünden, zukünftige innovative Unternehmen ihrer Länder identifizieren und sie als Kandidaten für Forschung und Entwicklung bei KAUST vorschlagen, könnte dadurch mehr Geld bereit gestellt werden für viel versprechende und marktfähige Zukunftsprojekte – ein Weg, der vor dem Hintergrund der immer noch weltweit zögerlichen Bereitschaft der Banken bei der Bereitstellung von Kapital für KMU (kleine und mittlere Unternehmen) interessant ist.
Im Wintersemester 2009/ 2010 kamen lediglich 15 Prozent der Studenten aus dem Königreich, die meisten aus dem Ausland – vor allem aus China. Interessant ist, dass an dieser Universität als einziger in Saudi-Arabien Studentinnen und Studenten gemeinsam studieren. Frauen ist es sogar erlaubt, auf dem Campus Auto zu fahren, und sie brauchen in den Hörsälen keinen Schleier zu tragen. Möglich ist das deshalb, weil die Universität nicht in den Zuständigkeitsbereich des Bildungsministeriums (beherrscht von den strengen Wahabiten) fällt, sondern von SAUDI ARAMCO, dem größten Ölförderer der Welt, geführt wird, der auch für die westlich orientierten Lehrpläne sorgt. Von KAUST bekommt der Ölriese daher auch seine zukünftigen Ingenieure und Führungskräfte.
Öffnung für
westlichen Tourismus?
Ende Februar 2010 erfolgte die Ankündigung, dass eine "Touristenstadt" an der Ostküste Saudi-Arabiens für etwa 13 Milliarden US-Dollar gebaut werden solle. Wenn bisher im Zusammenhang mit touristischen Planungen stets die jeweils nationale Bevölkerung der Golfstaaten sowie Muslime als Zielgruppen genannt wurden, so zeigt dieser Plan, dass man auch im Königreich auf lange Sicht an Diversifizierung angesichts der heutigen globalisierten Welt zu denken beginnt und diese Touristenstadt somit auch für Nicht-Muslime gedacht ist. Hand in Hand mit einer solchen Öffnung des Landes muss dann, wie man sich deutlich bewusst ist, das Aufschließen im gesamten Dienstleistungssektor zu internationalen Standards gehen. Im Hotelbereich ist deshalb Wachstum zu verzeichnen, weil der inländische Tourismus wächst, genau so wie der internationale Religionstourismus und der Geschäftstourismus. Geplant sind 21 neue Hotels mit 7000 Zimmern, die bis 2013 gebaut werden sollen. Davon sollen 2000 Zimmer bereits bis Ende 2010 zur Verfügung stehen. Mit einem Volumen von 246 Mio. US-Dollar steht Saudi-Arabien bei den Hotelneubauinvestitionen in den Golfstaaten an dritter Stelle hinter den Emiraten (464 Mio. US-Dollar) und Oman (269 Mio. US-Dollar) in diesem Jahr (Quelle: Prodeads).
Modernisierung und Liberalisierung im Immobiliensektor
Neuesten Berichten von der im März 2010 abgehaltenen Internationalen Saudischen Immobilienkonferenz zufolge soll in Kürze eine Immobilienkommission eingerichtet werden - ein Plan, der vom Rat der Saudischen Industrie- und Handelskammern (CSCCI) unterstützt wird. Ziel der neuen Kommission ist die Erarbeitung von Regularien und Gesetzen, die die Immobilienindustrie kontrollieren und ihre Entwicklung steuern sollen. "Der Immobiliensektor ist der wichtigste Industriezweig nach dem Ölsektor. Er verzeichnete im letzten Jahrzehnt ein Wachstum von 50 Prozent und trägt mit 14,7 Mrd. US-Dollar zum Bruttoinlandsprodukt des Königreichs bei", so Dr. Fahd Al-Sultan, Generaldirektor von CSCCI. Wie hoch das Potenzial des saudischen Immobilienmarkts eingeschätzt wird, zeigt auch die Auflage des ersten Immobilien-Handelsfonds, der allen potenziellen Investoren offen stehen wird.
Ein Hypothekengesetz wurde in Angriff genommen. Bis zu seiner Verabschiedung wird es allerdings noch dauern. Ziel des Gesetzes ist es einerseits, der eigenen Bevölkerung das Eigenheim als realisierbaren Wunsch schmackhaft zu machen, andererseits den stagnierenden Grundstücksmarkt anzukurbeln. Derzeit besitzen lediglich 22 Prozent der Saudis Wohneigentum, der größte Teil der Bevölkerung sind somit Mieter. Das geplante Gesetz wird Shariah-konform sein, entsprechend der religiösen Empfindlichkeiten im Land, aber es wird vielen dabei helfen, tatsächlich Wohneigentum zu erwerben und aus der undankbaren und wenig zukunftsorientierten Mieterrolle herauszukommen.
Die beträchtliche Anzahl von Mega-Projekten, wie große Handels- und Wohnzentren (z. B. das Al Gamra Projekt in Riyadh, bereits "Neu-Riyadh" genannt), Hochhaustürme in den Städten, neue Verbindungsstraßen, Tunnel und Brücken, die in Saudi-Arabien angekündigt sind, zieht Kontraktoren an. Auf der Messe "Riyadh Exhibition for Real Estate and Architecture Development (RESTATEX) 2010”, die vom 9. bis 12. Mai im Riyadh International Exhibition Centre stattfand, herrschte eine Aufbruchstimmung ähnlich wie in Dubai in den Jahren 2005 und 2006.
Im Brennpunkt der Medien: Jeddah Economic Forum (JEF)
Dieses jährliche Forum (www.jef.org.sa) der Handelskammer in Jeddah gilt inzwischen als Medienspektakel und als eine der prestigeträchtigsten Veranstaltungen der Region. Neben global interessierenden Themen wird dieses Forum auch als Plattform für Redner der Golfstaaten genutzt, die Situation ihrer Länder darzustellen und Zukunftsperspektiven aufzuzeigen. Eröffnet wird das Forum von Prinz Khaled Al-Faisal, dem Gouverneur der Region Mekka, zu der auch Jeddah gehört.
Das 10. Forum unter dem Motto "Gobal Economy 2020" brachte im Februar 2010 im Hotel Jeddah Hilton mit 1200 Delegierten (darunter 370 Geschäftsfrauen) führende Experten, Entscheidungsträger, Unternehmer und Akademiker aus den Golfstaaten und einigen westlichen Ländern zusammen mit dem Ziel, einen Blick auf die Entwicklungen der globalen Wirtschaft mit den Schlüsselsektoren Banken und Finanzen, Energie und Umwelt, Handel, Landwirtschaft, Industrie, Bildung, Gesundheit sowie Wissenschaft und Technik im kommenden Jahrzehnt zu werfen. JEF war in diesem Jahr erstmals Ziel einer deutschen Wirtschaftsdelegation der Ghorfa (Arabisch-Deutsche Kammer für Handel und Industrie in Berlin), zu der auch Dr. Otto Schily gehörte – in seiner Eigenschaft als Aufsichtsrat von "German Consult" und nicht als Politiker, wie er in einem Interview mit "Arab News" (englischsprachige Tageszeitung in Saudi-Arabien) erklärte.
In jedem Jahr wird im Eingangsbereich ein monumentales Modell eines neuen Projekts ausgestellt. Im Jahr 2008 bewunderte man das Modell von Jabal Omar, eines neuen Stadtteils in Mekka, inzwischen weit fortgeschritten, 2007 war das Modell der neuen Stadt King Abdullah City, ca. 80 km nördlich von Jeddah, die inzwischen teilweise schon bewohnt ist, von den Besuchern umlagert. In diesem Jahr übernahm diese Rolle das von Arabtech in Dubai angefertigte Riesenmodell von "King Abdul Aziz Road", einem völlig neuen Stadtteil in Mekka, der sich über Jabal Omar hinaus erstrecken soll – auf einer Breite von 3,65 km und einer Länge von 32 km. Prinz Khaled Al-Faisal, Gouverneur der Region Mekka, gleichzeitig Chairman der Hohen Kommission für die Stadtentwicklung von Mekka und den Heiligen Stätten, sieht es als seine Aufgabe an, die Pilgerstätten für die Zukunft zu rüsten. Wenn zur Zeit der Pilgerfahrt über fünf Millionen Pilger nach Mekka kommen, dann erfordert das besondere Maßnahmen an Bauten und Infrastruktur. Alle Baupläne gehen von der Moschee mit der Kaaba aus, und die neue King Abdul Aziz Road wird die neue Hauptstrecke zur Erreichung der Moschee – die Realisierung ist Gegenstand eines 5-Jahres-Plans. Das Modell besticht durch die Gebäude in islamischer Architektur und eine spektakuläre neue Moschee mit riesiger Glaskuppel. Der Transport der Pilger erfolgt mit Bussen und einer hochmodernen Schnellbahn, die die 32 km lange Strecke zur Moschee in wenigen Minuten bewältigt: für alle Pilger, die aus dem Westen kommen. 23 Prozent der gesamten Fläche ist einem breiten, überschatteten Fußgängerbereich gewidmet mit allen modernen Errungenschaften zu beiden Seiten, die die Pilger ablenken und aufhalten sollen, damit nicht Millionen gleichzeitig in die Moschee streben: Shopping Malls, Geschäfte, Restaurants, Unterhaltungseinrichtungen, etc. Zentrum ist die King Abdul Aziz Moschee mit vier hohen, spitz zulaufenden Minaretten und einer Glaskuppel auf einer Fläche von 124.000 qm für 40.000 Gläubige.
Treffpunkt von Intellektuellen aus Wirtschaft und Wissenschaft: Almakkiyah

Teilnehmern an internationalen Kongressen wird gern der Besuch von Almakkiyah angeboten. "Sami Angawi baute sein Haus um den Wind herum", beschreibt es poetisch die New York Times. Die Rede ist von einem Haus in Jeddah, das dem Besucher bereits bei der Ansicht von außen den Atem verschlägt. Wenn Gleichgewicht, Einheit und Verschiedenheit die wichtigsten Merkmale der islamischen Zivilisation sind, dann werden sie in diesem Haus lebendig – im Hijaz, der westlichen Region des Landes, die durch die Pilger seit Abrahams Zeiten ein Schmelztiegel der Muslime aus aller Welt ist. Obwohl die islamische Architektur grundsätzlich eher verschlossen wirkt, weil die Privatsphäre höchstes Gut darstellt, ist das Haus zwar von der üblichen Mauer umgeben, die jedoch durch schmiedeeiserne Gitter unterbrochen ist, so dass man es von außen in seiner Hijaz-Architektur mit zahlreichen holzgeschnitzten Balkonen, Veranden und Fensterläden (Rouchan) – erbaut aus den traditionellen Baumaterialien Korallenstein (Manqabi), Wüstensandstein (Qahoot) und Granit aus Mekka (Alshobaiki) – sehen kann.
Die Räume des zweistöckigen Hauses mit Windturm gruppieren sich um einen riesigen Innenhof mit Keramikpool, Wasserfall und Springbrunnen, geschmückt mit Palmen und Grünpflanzen – man wähnt sich im Paradies. Das Haus beherbergt die Almakkiyah Stiftung.
Konstruktive Teilnahme an Dialog und Kommunikation sowie Interaktion auf nationalem und internationalem Niveau und Anregung des interkulturellen Dialogs sind die Ziele. Derzeit setzt man sich für den Erhalt der alten Häuser in Mekka ein, denen das Schicksal des Abrisses droht. Gern lädt man Gäste aus aller Welt ein.
Dann ist Dr. Sadig A. Malki, Intellektueller aus Mekka, zur Stelle, ein Experte, wenn es um die Religionen der Welt geht, über die er in perfektem Englisch referiert mit dem Schwerpunkt der Gemeinsamkeiten zwischen Islam und Christentum.
Dr. Malki ist Assistenz-Professor für Politische Wissenschaften an der King Abdul Aziz-Universität in Jeddah.
Den Doktortitel erwarb er in Politikwissenschaft an der Washington University in St. Louis, USA. Die letzten zwei Jahre verbrachte er als Gastprofessor an der School of Foreign Service des Prinz Al Waleed Bin Talal Centers for Muslim-Christian Understanding, das zur US-amerikanischen Georgetown Universität in Washington D.C. gehört. Somit hat man erfahren, dass sich Prinz Al Waleed Bin Talal, nicht nur der reichste Mann Saudi-Arabiens, sondern auch der gesamten arabischen Welt, mit einem wissenschaftlichen Institut in den USA (und anderenorts) um den muslimisch-christlichen Dialog bemüht.
Wer sich besonders für die Moschee mit der Kaaba in Mekka interessiert, bekommt eine entsprechende Foto-CD.
von Barbara Schumacher