"Revolutionen gehören den Revolutionären"
Interview mit Aktham Suliman, Leiter des Deutschlandbüros
vom Al Jazeera Network
Donnerstag, den 31. März 2011

Aktham Suliman, Leiter des Deutschlandbüros von Al Jazeera Network, war Augenzeuge der Demonstrationen auf dem Kairoer Al Tahrir-Platz im Februar dieses Jahres. ARAB FORUM sprach mit ihm über seine Eindrücke, über die zukünftige Entwicklung in der arabischen Welt und die Rolle des Okzidents.
ARAB FORUM: Herr Suliman, Sie waren kurz vor und nach der Abdankung Mubaraks in Kairo. Wie haben Sie die Stimmung der Menschen erlebt?
Suliman: Sie waren enthusiastisch und voller Hoffnung, weil auf einmal eine totgesagte Gesellschaft Lebenszeichen von sich gegeben hat. Das stimmt optimistisch, denn hier hat sich eine lebendige Gesellschaft gezeigt und nicht, wie man dachte, eine tote, die nach der eigenen Zukunft sucht.
ARAB FORUM: Wie ist es gekommen, dass die Menschen gerade jetzt den Mut aufgebracht haben, auf die Straße zu gehen?
Suliman: Das ist die Eine-Million-Dollar-Frage. Man muss die Betroffenen fragen. Wahrscheinlich war es der Tropfen, der alles zum Überlaufen gebracht hat. Warum gerade jetzt? Warum hat sich Mohammed Bouazizi in Tunesien gerade jetzt in Brand gesetzt, woran er später gestorben ist? Warum reagiert die Gesellschaft auf einmal sehr lebendig, so verständnisvoll und solidarisierend auf diese Tragödie? Warum schwappte es über in andere arabische Länder? Eine klare Antwort hat kein Mensch. Daran werden wir alle lange arbeiten müssen, Politiker, Journalisten, Forscher, Experten. Ich habe mit Menschen in Ägypten gesprochen, die selber über die eigene Kraft im positiven Sinne schockiert waren und meinten, sie hätten bestenfalls 10.000 Menschen erwartet, aber nicht, dass eine ganze Gesellschaft aufsteht. Wahrscheinlich hat die Absurdität der arabischen Welt ihren Höhepunkt erreicht, das heißt, sie war am Abgrund.
ARAB FORUM: Haben offenbar die Menschen einen Punkt erreicht, da sie ihre Angst überwunden und vergessen haben?
Suliman: Die Angst war da, aber sie hat nicht mehr gereicht, um die Gesellschaft zu lähmen. Diese Angst, obwohl sie da war, war nicht mehr so stark, dass sie die Leute dazu veranlassen konnte, das Regime weiterhin zu schlucken. Wenn ein Herrscher über 80 Jahre ist, dann sind schon die 60-jährigen eine junge Generation. Wenn ein Herrscher, ob in Tunesien oder Ägypten, Milliarden zur Seite legt oder in der Wand Geld versteckt, wenn ein Herrscher unbedingt seinem Sohn ein Land vererben will, dann ist es zu viel.
ARAB FORUM: Wie geht es weiter? Zumindest in Ägypten und Tunesien hat sich die Situation etwas beruhigt, und man arbeitet an Lösungen. In Ägypten sind mit dem Militär allerdings die alten Kräfte am Ruder. Wird der Enthusiasmus absterben?
Suliman: Der Enthusiasmus ist nicht dafür da, dass er ewig existiert. Den Enthusiasmus braucht man in bestimmten Momenten, um Ereignisse zu erleben. Aber danach kommt die Alltagsarbeit, und die ist langweilig: Straßen kehren, auch politische Straßen kehren, politische Systeme aufstellen, die Verfassung ändern, konkrete Aufgaben lösen, wie Parteiengesetze und Wahlen gestalten mit Ergebnissen, die den einen oder anderen nicht passen werden. Der Alltag holt jetzt die Menschen ein. Das ist auch richtig so. Solange aber eine Gesellschaft lebendig ist, kommt am Ende nur Positives dabei heraus, und wenn es falsch ist, wird es wieder korrigiert. Eine tote Gesellschaft, wie die ägyptische und tunesische vorher waren - die wird ein Problem. Hauptsache, es wird etwas unternommen, und es wird jetzt etwas versucht. Darauf kommt es an. Hier ist der Weg das Ziel.
ARAB FORUM: Wie kann man die Lage in den anderen Ländern einschätzen? Dort gibt es andere Gründe, warum die Menschen auf die Straße gehen.
Suliman: Eine Gemeinsamkeit hat die ganze arabische Welt erfasst: veraltete Herrschaftsstrukturen, ob es Stammesstrukturen sind wie in Jemen oder Libyen, ob es Familien- oder man muss sagen, Bandenstrukturen, wie in Ägypten oder Tunesien, oder andere Strukturen, letztendlich geht es darum, alte Herrschaftsformen mit Herrschern, die nicht abdanken wollen, zu ändern. Eine Gesellschaft, die viel weiter ist, als wir angenommen hatten, will zumindest das Minimum erreichen: Recht auf Arbeit, auf Würde, auf Meinungsfreiheit, und sie ist bereit, dafür auf die Straße zu gehen. Das betrifft die gesamte arabische Welt, von Marokko im Westen bis Kuwait im Osten, keiner ist davon ausgenommen.
ARAB FORUM: Hat auch die Rolle von al Jazeera die Menschen mit ermuntert?
Suliman: Revolutionen gehören immer den Revolutionären. Dass Leute Bücher darüber schreiben oder Sender darüber berichten, das ist in Ordnung. Aber man darf nie die Revolution eines Volkes stehlen. Die tunesische Revolution ist eine Revolution des tunesischen Volkes, angefangen mit einem Menschen namens Mohammed Bouazizi, der sich aus Verzweiflung angezündet hat. Dass ich mir als Al Jazeera-Korrespondent anmaße oder sonst jemand sagt, wir haben damit zu tun, - nein. Der Mann hat sein Leben dafür geopfert. Wir machen einen Bericht oder eine Live-Reportage, aber das ist absolut nicht Vergleichbares. Die amerikanische und die westliche Sicht neigt mehr dazu, Revolutionen mit Jugendpower und Medienwirkung zu erklären, weil man leider nicht akzeptieren kann, dass die inneren Widersprüche einer Gesellschaft zur Revolution führen, mit oder ohne Massenmedien, mit oder ohne Al Jazeera, mit oder ohne Internet. Das ist das Wichtige.
ARAB FORUM: Haben die deutschen Medien die Revolution ausreichend gewürdigt?
Suliman: In Tunesien waren die deutschen Medien so erschrocken und unvorbereitet, dass sie kaum wussten, wie ihnen geschah. Sie waren sehr spät, eigentlich beschämend spät dran. Im Falle Ägyptens waren sie vorgewarnt und haben entsprechend besser berichtet, weil man in diesem zentralen Land der arabischen Welt mit einem besseren Korrespondentennetz ausgestattet ist als in Tunesien. Was im Nachhinein ein bisschen traurig stimmt, sind zweifelnde Fragen wie "Kommen jetzt die Islamisten oder nicht?" oder "Kommt ein anderer Iran?". Es ist eine erfreuliche Tatsache, wenn eine Gesellschaft lebendig ist und etwas zustande bringt. Was dabei herauskommt, hat nur die jeweilige Gesellschaft zu bestimmen.
ARAB FORUM: Und: kommen jetzt die Islamisten oder werden die überschätzt?
Suliman: Die Islamisten werden sicherlich ein Teil des Ganzen werden, aber nicht sie alleine. Ich denke, die Islamisten werden realistischerweise politische Aufgaben übernehmen müssen. Als Opposition auf Dauer unterdrückt und verboten zu sein geht nicht. Man braucht ein Parteiengesetz und klare Definitionen. Aber letztendlich werden die Islamisten ein legaler Teil des Ganzen werden, und wenn sie schon einmal in der Gesellschaft existieren, dann bitte auch im politischen Leben. Hierbei geht es darum, dass man Strom braucht, Wasser, Arbeitsplätze, Entfaltungsmöglichkeiten. Das sind die Arbeit und die Spielregeln der Demokratie, ganz gleich, ob Islamist, Linker oder Patriot. Daran müssen sich alle beteiligen.
ARAB FORUM: Man hat dem Westen vorgeworfen zu zögerlich zu sein, anstatt den Enthusiasmus der Menschen zu teilen. Ist das enttäuschend?
Suliman: Für mich nicht. Der Westen war nie der Traum der Revolutionäre. Der Westen ist nun einmal mehr konservativ und sehr auf seine Interessen im Nahen Osten bedacht. Bei Revolutionen darf man nicht darauf schauen, wer was gesagt hat. Haben die Menschen gefragt, was die chinesische oder die südamerikanische Haltung war? Diese Abhängigkeit vom westlichen Blick ist zum Glück auch ein Opfer dieser Revolution geworden. Den jungen Menschen in Ägypten und Tunesien und anderswo in der arabischen Welt ist völlig egal, was anderswo gefällt oder nicht.
ARAB FORUM: Die Menschen wünschen sich Demokratie. Es wird aber nicht die Demokratie sein, die sich der Westen wünscht.
Suliman: Der Westen hat das Recht, sich Vieles zu wünschen. Aber woanders gelten andere Regeln. Ob es jetzt eine Demokratie schweizerischer oder deutscher Prägung geben wird oder das amerikanische Zweiparteiensystem, ist einerlei. Es geht um Menschenwürde, Meinungsfreiheit, Partizipation an der Gesellschaft und Gewaltenteilung. Wenn die Menschen in der arabischen Welt diese Rechte haben, dann ist es gleich, wie man das System nennt und wie man es im Westen nennt. Es muss nicht genau wie die Demokratie westlicher Prägung funktionieren.
ARAB FORUM: Gibt es dennoch Erwartungen an die zukünftige Rolle des Westens?
Suliman: Man will zumindest, dass eines nicht eingenommen wird, nämlich eine immer mit Skepsis beladene Haltung, sondern dass man den Willen der Menschen geschehen lässt. Natürlich hat jede Region Interesse an anderen Regionen. Auf den Westen kommt in der Zukunft die Aufgabe zu, sich als Partner zu verstehen und nicht als Oberlehrer. Das machen die Menschen in der arabischen Welt nicht mit.
Das Gespräch führte Rainer Schubert
Fotos: Aktham Suliman