Forts und verlassene Fischerdörfer
Katar – Entdeckungsfahrt in den Norden
Freitag, 16. Dezember 2011
Viel befahren ist die Wüstenautobahn von Doha Richtung Norden nicht, aber die gut ausgebaute Strecke ist für die Zukunft gedacht, denn sie führt zur im Bau befindlichen Brücke nach Bahrain.
Verlassene Fischerdörfer

In Madinat Al Shamal angekommen, ist eine Mittagspause bei Reis mit Fisch oder Sandwich in einer der kleinen Cafeterias, die meist von Indern bewirtschaftet und besucht werden, dringend zu empfehlen, da auf der weiteren Fahrt bis Dukhan keinerlei Einkehrungsmöglichkeit besteht. Etwa fünf KIlometer südwestlich von Madinat Al Shamal beginnt ein interessantes Gebiet, in dem alte Fischerdörfer, Forts und die archäologisch wichtige Stadt Furayhah liegen. Drei Fischerdörfer, die in den 1970er Jahren verlassen wurden, liegen direkt an der Küste: sowohl in Al Jemail, Al Khuwair und Al Areesh sind noch so viele Häuser aus Korallenstein, Lehmmörtel und Gips wenigstens mit dem größten Teil der Außenmauern erhalten, dass man einen Eindruck von der Architektur bekommt. Die Anordnung der Sandwege ist oft schachbrettartig, und manche Häuser haben noch schöne steinerne Eingangstore, mit Lehmmörtel und Gips verputzt, die in die sie umgebenden Mauern integriert sind. Einige Häuser sind so dicht am Strand gebaut, dass die Fischer ihre Boote direkt vor ihrem Haus "parken" konnten. Sehr schöne Beispiele der typischen, traditionellen Moscheearchitektur sind in allen drei Dörfern zu sehen: die Moscheen sind die am besten erhaltenen Gebäude, und man erkennt sehr gut die für Katar typische, traditionelle Moscheebauweise, wobei als Baumaterial Korallenstein, Lehmmörtel und Gips verwendet wurden. Zwei gegenüberliegende, in die Mauer um die Moschee eingebaute Tore mit Holztüren führen in den offenen Innenhof des Areals der Moschee. Im Innenhof befinden sich ein Brunnen und ein großes Wasserbassin für die rituellen Waschungen, manchmal ein kleines Gebäude, das als Aufenthalt für den Imam oder als Koranschule diente und das an einer Ecke stehende, runde Minarett. Eine kleine Tür am Fuß des Minaretts führt zu einer Wendeltreppe in die Minarettkuppel. Diese Kuppel hat mindestens vier kleine Öffnungen für den Gebetsruf des Muezzin. Je größer das Dorf, desto höher das Minarett. Die oft mit dekorativen Elementen an den Deckenpfeilern geschmückten Arkaden führen in einen offenen Gebetsraum, dahinter gibt es eine Wand mit drei Türen, die den Zugang zum überdachten Gebetsraum ermöglichen. Dieser Gebetsraum hat kleine Fenster, ist mit Teppichen ausgelegt, und gegenüber der drei Eingänge befinden sich Gebetsnische und Kanzel – nach Mekka ausgerichtet – und von außen erkennbar durch die Wölbungen in der Mauer. Das Dach des Gebetsraums besteht aus Holzbalken, das Holz dafür wurde aus Sansibar eingeführt. Darüber liegt eine Schicht aus Bambusmaterial, und auf dieser Schicht befindet sich ein dichtes Geflecht von Mangrovenästchen, um die Oberfläche möglichst glatt zu gestalten, damit die endgültige Schicht aus Lehm aufgetragen werden konnte. Wegen der naturbedingten Anfälligkeit der Baumaterialen kann man sich vorstellen, welche Mühe es machte, diese Bauten zu erhalten. Mit einigen Modifikationen kann man traditionelle, kleine Moscheen mit dieser Architektur, bei denen das runde, gegenüber dem Gebetsraum stehende Minarett das hervorragende Merkmal ist, auch noch in wenigen Exemplaren in den Emiraten sehen, z. B. in Al Khan (Sharjah) und Jazirat Al Hamra (Ras Al Khaimah). Furayhah, an der Nordwestküste nahe den Fischerdörfern gelegen, war über hundert Jahre die größte Siedlung von ca. 1620 bis 1760. Sie ist auf einer Karte von dem deutschen Forschungsreisenden in dänischen Diensten Carsten Niebuhr (1733 – 1815) verzeichnet. Erst seit 2010 sind Archäologen dort tätig. Bisher wurden eine große Moschee und einige Häuser mit Innenhöfen freigelegt.
Drei Forts

Im Nordwesten liegen drei Forts nahe beieinander, sie ähneln sich in der Anlage. Das Fort Al Zubarah ist das weitaus größte und interessanteste. Man sollte die Forts in der Reihenfolge Al Rekayat, Al Thagab und zuletzt Al Zubarah besuchen. Für die ersten beiden Forts ist ein Allradfahrzeug unerlässlich. Etwa auf der Höhe der drei Fischerdörfer befinden sich östlich davon sowohl das Al Rekayat-Fort als auch das Al Thagab-Fort. Bei der Al-Khuwair- Radiostation fährt man landeinwärts offroad etwa zwei Kilometer in Richtung einer Gruppe von Häusern und Bäumen, die man nur bei guter Fernsicht sieht. Die beiden Forts stehen etwa zwei Kilometer voneinander entfernt. Sie wurden im 17. Jh. gebaut, zum Schutz einer nahe gelegenen Senke, in der sich im Frühjahr kostbares Regenwasser sammelte. Noch heute gibt es dort Brunnen, die es den Farmern erlauben, Gemüse anzubauen. Al Thagab hat mit seinen drei runden und einem eckigen Turm eine ähnliche Form wie Al Zubarah und wurde 2003 renoviert, unter Verwendung der traditionellen Baumaterialien: Korallenstein, Sandstein und Lehmmörtel, der mit Gips bedeckt wurde, um die Oberflächen zu glätten. Rekayat hat drei rechteckige und einen runden Turm. Das Besondere sind die Wände, deren oberer Teil aus Lehmziegeln gebaut wurde (Adobe). Die Renovierung erfolgte 1988. Das etwas südlicher, völlig isoliert gelegene Al Zubarah-Fort – UNESCO Weltkulturerbe und ein besonders schönes Beispiel eines arabischen Forts - wurde in den späten 1980er Jahren, nachdem Küstenwache und Polizei es verlassen hatten, von der Qatar Museums Authority (QMA) renoviert und enthält eine kleine Ausstellung von Exponaten, wie Münzen aus Westafrika, Tonscherben, chinesischem Porzellan und Schmuck, die im Norden gefunden wurden. Ferner gibt es Informationen über die derzeit laufenden Arbeiten der Archäologen in Katars Norden, vor allem in Al Zubarah- Stadt, Furayhah und Furwairet, mit Fototafeln der Ausgrabungsarbeiten. Die Grabungsprojekte sind unter dem "Qatar Islamic Archaeology and Heritage Project (QIAH)" zusammengefasst, stehen unter der Schirmherrschaft der QMA und sind seit 2009 im Gange. Partner ist die Universität Kopenhagen. Die Forscher haben herausgefunden, dass die Nordküste Katars eine wichtige Rolle im internationalen Handel mindestens seit dem Mittelalter spielte. Die Funde – darunter viele Keramikobjekte – beweisen, dass Verbindungen mit anderen Golfstaaten, Ländern am Indischen Ozean, dem Fernen Osten und nach Europa bestanden. Das Al Zubarah- Fort wurde 1938 in unmittelbarer Nähe des früheren Forts Murayr von Sheikh Abdullah bin Jassim Al Thani (Herrscher von 1913 bis 1949) gebaut – zum Schutz der zahlreichen Brunnen, die Frischwasser für die westlich gelegene Stadt Al Zubarah lieferten. Den entsprechenden Kanal, der südlich von Al Zubarah-Stadt bis nach Murayr, eine befestigte Siedlung südlich des Zubarah Forts, verläuft, kann man heute noch (ausgetrocknet) sehen.
Phantasie gefragt in Al Zubarah Stadt

Vom Al Zubarah Fort ist es nicht weit bis Al Zubarah Stadt. Hier braucht man viel Phantasie um sich vorzustellen, dass dies auf einer Fläche von 61 Hektar von Mitte des 18. Jh. bis zum frühen 19. Jh. eine blühende, direkt am Meer gelegene Stadt war. Im 18. Jh. war Al Zubara ein bekannter Perlenhafen und wurde nicht nur der regionale Stützpunkt der Bani Khalid, sondern auch der wichtigste Transithafen für die Osmanen für deren östliche und zentralarabische Territorien. Aus Indien kamen per Dhau Stoffe, Bambus, Kaffee, Gewürze, Reis und vieles mehr. Der Landtransport erfolgte mit Kamelkarawanen ins Innere Arabiens. Von Al Zubara aus agierte die Al-Khalifa-Familie (heute die Herrscher von Bahrain) fast 200 Jahre lang, bis es der katarischen Al-Thani Familie nach vielen Kämpfen gelang, sich von der bahrainischen Herrschaft zu befreien. Der Bau des Al Zubarah-Forts ist als ein Zeichen für diesen Triumph anzusehen. Die Landseite der Stadt war mit einer 2,5 Kilometer langen Mauer mit großen, runden Türmen gegen Angriffe geschützt. Im Inneren der Stadt gab es palastartige Häuser, Häuser mit großen Innenhöfen, Märkte, Moscheen, aber auch einfache Hütten und Zelte. Den Hafen nutzten auch die einheimischen Händler, Fischer und Perlendhaus. Leider wurde diese größte und wichtigste Stadt Katars - florierendes, regionales Handelszentrum - im Jahr 1878 zerstört. Von den Archäologen wurden auf dem weiträumigen Gelände bisher Steintore und bis zu zwei Meter hohe Steinmauern zahlreicher Häuser ausgegraben. Teilweise erkennt man die Dekoration der Innenwände, dort, wo der Lehmverputz nicht abgefallen ist. Al Zubara und Umgebung gehören zu einem der größten Archäologie- und Kulturerbe-Projekten der Welt und stehen inzwischen auf der Vorschlagsliste der UNESCO-Weltkulturerbestätten.
Sandsteinfelsen, Zekreet und Dukhan

Leider ist die Fahrt von Al Zubara bis in die Gegend um Dukhan landschaftlich überaus langweilig. In die trostlose, flache und vegetationslose grau-beige Wüste verirrt sich noch nicht einmal ein Kamel. Immerhin gibt es eine Asphaltstraße durch das Landesinnere über Al Ghuwairiya. Die kleine Moschee in Al Ghuwairiya – ein weiteres Beispiel der katarischen Architektur - ist offen. Kurz vor Zekreet befindet sich rechter Hand die interessante Landschaft der "Mushroom Rocks" – bizarre Felsformationen wie riesige Pilze aus Sandstein. In Zekreet gibt es schöne Strände, die am Wochenende von den Einheimischen zum Picknick genutzt werden. Die Ruinen des direkt am Meer liegenden Forts von Zekreet stammen aus dem 18. Jh. Leider sind sie nur wenig spektakulär mit ihrer Steinmauerhöhe von ca. 50 Zentimetern. Überbleibsel des runden Turms ist ein etwa zwei Meter hoher Steinhaufen. An der Küstenseite des Forts sind die Reste einer Dattelpresse mit den typischen, zehn Zentimeter tief in den Boden eingelassenen Kanälen erhalten, die den Dattelsaft in ein Gefäß leiteten. Der Saft kam aus bis zu zwei Meter hoch aufgeschichteten Säcken voller Datteln. Durch das Gewicht der Datteln wurde der Saft herausgepresst und in den Kanälen gesammelt. Das gepflegte, moderne Dukhan ist die Stadt, in der 1940 Öl gefunden wurde. Sie steht immer noch im Zeichen des schwarzen Goldes mit großen Ölförderungsanlagen. Der größte Teil der Stadt ist nur den Ölarbeitern zugänglich, für sie wurden spezielle Wohnsiedlungen und Freizeitanlagen gebaut. Immerhin gibt es an einem mit Blumen geschmückten Kreisverkehr am Stadteingang ein für Alle zugängliches, neues, gut ausgestattetes Shoppingcenter und eine Cafeteria, in der endlich wieder etwas Essbares und sogar ein Capuccino zu haben sind.
Beitrag und Fotos: Barbara Schumacher