Oman
Reise in den Nordosten von Muscat nach Sur
Abseits der üblichen Touristenrouten kann man Ursprüngliches
entdecken und Geheimnisvolles erleben. Auch im Nordosten bietet
das märchenhafte Sultanat Attraktives für Freunde von Natur, Kultur,
Architektur und Archäologie.
Freitag, 16. Dezember 2011
Von Muscat in den Nordosten des Landesist es eine schnelle Fahrt in südöstlicherRichtung auf der gut ausgebauten Autobahn,die von Qurayyat bis Sur führt. DiesenTeil des Landes beherrscht das AshSharqi-Gebirge, und es lohnen Abstecherins Landesinnere.
Neuer Staudamm, wilde Wadisund archäologische Stätten

Liebhaber spektakulärer Berglandschaftengenießen bis Qurayyat den Wegdurch vielfältige Wadis. Im Wadi Daykasteht der größte Staudamm Omans kurzvor der Fertigstellung. Das Wadi Al Arabiyin führt reichlich Wasser von grüner Farbe. In Qurayyat ist eines der 16 Forts zu sehen, die vom Tourismusministerium renoviert wurden. Die Küstenstadt liegt etwa 80 Kilometer von Muscat entfernt.Das in Küstennähe liegende Fortwurde zum Schutz der Stadt und derumliegenden Dattelpalmplantagen gebaut, der Hafen wird von einem dreieckigen Wachturm dominiert. Ander Küste reihen sich Fischerorte wie Dibab, Bamah, in dem sich die Besichtigung eines mit Wasser gefüllten Kraterslohnt. Bei Fins und Tiwi gibt es nicht nur schöne Strände, sondern von hier aus besteht auch der Zugang zum Wadi AshShab, wegen seiner Naturschönheiten bei Wanderern beliebt.Qalhat war die erste Hauptstadt Omansund ist heute eine 35 Hektar große Ruinenstadt:Überbleibsel einer mittelalterlichen Hafenstadt, die um 1100 n. Chr.gegründet wurde. In der zweiten Hälftedes 16. Jh. wurde die Stadt verlassen. Die Archäologen haben erst 2008 in der ersten Saison des "Qalhat Projekts" die große Moschee gefunden, nach der lange gesucht worden war. Das markante Gebäude wurde auf einer fünf Meterhohen Plattform errichtet und verfügte über unterirdische Zisternen. Es hatte ein rechteckiges Minarett und war reich mit Kashan-Fliesen dekoriert, die die Archäologen 700 Jahre alt schätzen. Ibn Battuta war beeindruckt vom Reichtum der Stadt, die durch den Handel begründet war und notierte, dass die Qalhat Moschee von Bibi Maryam, der Ehefrau des Gouverneurs Ayaz (1285-1320),gebaut wurde. Später wurde sie wahrscheinlich von einem Erdbeben zerstört,danach wieder aufgebaut und dann von den Portugiesen niedergebrannt. Aus den Resten des Gebäudes haben die Archäologen bei der Konstruktion eine Mixtur aus omanischen, persischen und indischen Merkmalen festgestellt und gewannen einzigartige Erkenntnisse über mittelalterliche,islamische Architektur und sogar Informationen über Geschichte und Bewohner der Hafenstadt. Auch Marco Polo hat die Stadt besucht. Zu den besterhalten archäologischen Stätten gehört die Ruine des Mausoleums von Bibi Maryam aus dem 14. Jh., schon von weitem von der Schnellstraße aus zu sehen.Die Straße nach Ras Al Hadd bietet bunt gestreifte Sandsteinfelsen in einer Landschaft mit Salzseen. In Ras Al Hadd ist das renovierte Fort am späten Nachmittag das Ziel. Es steht an strategisch wichtiger Stelle,der östlichsten Ecke der Arabischen Halbinsel in einer frühen Siedlung mit langer Seefahrertradition, heute im Fokus von Archäologen. Unmittelbar neben dem imposanten Fort bilden eine große, neue Moschee und ein verfallenes Lehmdorf das architektonische Kontrastprogramm. Bisetwa 20 Uhr sollten Schildkrötenfreunde im benachbarten Ras Al Jinz eingetroffen sein. Das dortige Schildkrötenzentrum bietet auch Übernachtungsmöglichkeiten im integrierten Hotel. Frühaufsteher können sicher sein, den Sonnenaufgang auf der Arabischen Halbinsel als erste zu erleben.
Ras Al Jinz Turtle Centre

Das an einem schönen Strand mit bizarren Felsen am Indischen Ozean liegende Schildkrötenzentrum mit kleinem Museumist 200 Kilometer von Muscat entfernt.Die gesamte 45 Kilometer lange Küste wurde als Naturreservat deklariert mit dem Hauptanliegen, den weltweit vom Aussterben bedrohten, jährlich hier rund30.000 Schildkröten sichere Plätze für die Eiablage zu bieten. Für spezielle Nachtführungen(21:00 und 04:00 Uhr) angemeldete Besucher (maximal 20) steht der 730 Meter lange Nordstrand zur Verfügung,und zum 1,3 Kilometer langen Südstrand haben nur die einheimischen Fischer Zugang. In diesem Gebiet haben Archäologen bei Grabungen über 5.000Jahre alte Bootsreste und den ältesten Weihrauchbrenner gefunden. "Schildkrötensaison" ist in Ras Al Jinz in der Zeit von Oktober bis Dezember, dann kommentausende von Schildkröten zur Eiablagean den Strand, aber auch in den restlichen Monaten ist immer etwas zusehen. Um die Schildkröten möglichst wenig zu stören, passen einheimische Führer auf, dass Besucher ihnen nicht zu nahe kommen. Jegliches Kunstlicht, also auch Blitzlicht, ist verboten. (www.rasaljinz-turtlereserve.com)
Über Fischerdörfer unddie "feindlichen Brüder" nach Sur

Südlich von Ras Al Jinz reihen sich weitere Schildkrötenstrände und kleine Fischerdörfer,in denen die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Eines der schönsten Dörfer ist Al Ashkarah mit einem großen Dhauhafen und regem Fischerbootbetrieb. Besucher verirren sich selten hierher, und daher sind die Einheimischen ein wenig scheu, aber freundlich, und die Fischer zeigen gern ihre Fänge. Spezialität sind hier Langusten.Trotz ihrer geografischen Nähe sind sie sehr unterschiedlich: die beiden früher miteinander verfeindeten Dörfer Jaalan Bani Bu Ali und Jaalan Bani Bu Hassan.Das erste Dorf macht einen etwas vernachlässigten Eindruck. Es wirkt abweisend,die wenigen Menschen auf derStraße sind in sich gekehrt, das Al Hamooda-Fort ist verfallen. Trotzdem lohnt ein Besuch des Inneren, an einer Stelle hat die massive Außenmauer ein Loch. Die riesige Anlage ist zwar in schlechtem Zustand, aber die Architektur der einzelnen Bestandteile, vor allem der Moscheen mit Arkadenbögen, ist sehenswert. Außerdem sind wundersamerweise noch viele alte handgeschnitzteTüren und Fenster vorhanden. Die alte Al Hamooda-Moschee mit ihren 38 Kuppeln ist nach Renovierung in gutem Zustand und einen Besuch wert. Im Nachbarort Jalaan Bani Bu Hassan fallen sogleich die gepflegten Straßen und Wege auf, das Fort ist renoviert, und ein freundlicher Wächter gewährt Einlass. Von der Fortmauer erblickt man einbesonders gut erhaltenes, mehrstöckiges Wohnhaus aus Lehm, das noch von einer der ältesten Familien des Dorfes gepflegt wird. Um dieses Haus herum hat die wohlhabende Familie neue Häusergebaut, nur die Großmutter wohnt noch im ersten Stock des alten Hauses."Dieses Haus wurde 1920 erbaut und ist das älteste Haus der Stadt. Es diente als Festung, daher sind an allen Seiten Maueröffnungen für Gewehre vorhanden.Möchten Sie es von innen sehen?", fragt Aisha, eine Tochter der Familie. Wer könnte einer solchen Einladung widerstehen! Sie spricht gut Englisch und erzählt von ihrem Beruf als Krankenschwester in der einzigen Klinik der Gegend. Nachdem alle Räume in dem alten Haus besichtigt sind und die Architektur hinreichend bewundert wurde,folgt die Einladung in das neue Haus.Hier warten schon die Frauen der Familie,denn die Anwesenheit des Gastes hat sich schnell herum gesprochen und verspricht Abwechslung. Im Empfangszimmer stehen große Schalen mit Obst und Gebäck. "Das sind die Reste der gestrigen Familienfeier", meint Aisha und stellt den Gast beim Kaffee aus der Schnabelkanne ihrer Mutter und den zahlreichen Geschwistern vor, die viele Fragen zur Wiedervereinigung Deutschlands haben.
Leuchtturm, Fortsund Dhauwerft in Sur

Auf der weiteren Fahrt passiert man das pittoreske Wadi Bani Khalid und gelangtent lang der Ausläufer des Jebel Khamisüber den Ort Al Filayi in die weiße StadtSur, einzige Stadt Omans, in der heute noch traditionelle Dhaus gebaut werden.Die beiden geschäftigsten Stadtteile sind vom Meer getrennte Halbinseln. Um 13 Kilometer Autofahrt um die weite Bucht zu vermeiden, gab es früher eine Dhaufähre zur Halbinsel Al Ayjah, auf der der Leuchtturm steht. Bei der Überfahrt kam man leicht in Kontakt mit den aufgeschlossenen,einheimischen Passagieren.Heute gibt es eine neue Brücke für Pkw und Fußgänger. Al Ayjah erinnert etwas an Muttrah vor zehn Jahren. Auch hier stehen alte, gepflegte Handelshäuse ran der Corniche und eine Moschee. Am frühen Abend kehrt Ruhe ein, der angestrahlte Leuchtturm zieht die wenigen Besucher wie ein Magnet an, auch die Handelshäuser im traditionellen Baustil sind angestrahlt, genau so wie das Al Ayjah Fort, das einzige Gebäude in beiger Farbe, das noch dazu, für Oman sehr unüblich, unweit der Corniche mitten zwischen den Häusern steht. Die einheimischen Männer strömen in die Moschee, und durch die offenen Fenster dringen die Worte des Imam. Vielleicht wird von dieser Idylle in weiteren zehn Jahren nichts mehr übrig sein, wenn die Entwicklung sich an Muttrah orientiert: mit Parkplätzen für Touristenbusse,Geschäften, Straßencafés und Leuchtreklamen. Als Hotel in Sur kann wegen seiner guten Zimmer und des freundlichen Service, aber vor allem wegen der perfekten Lage, das Al Ayjah Hotel empfohlen werden. Der Leuchtturm ist in einem ca. dreißigminütigen, interessanten Spaziergang zu erreichen. Gleich nach dem Frühstück sollte man den Hügel beim Hotel erklimmen und den einzigartigen Ausblick vom Wachturm auf die ganze Stadt und das Meer genießen. Von Ferne ertönen die Geräusche von Arbeiten auf der Dhauwerft, die sich als Besichtigungsziel anbietet.Die Werft ist in Besitz von Juma HasoonJuma Al Araimi, die Geschäfte führt sein Sohn Saleh. "Ich habe mein ganzes Lebenlang Dhaus gebaut: in Dubai, Bahrainund 13 Jahre lang in Kuwait. Die Baupläne habe ich heute noch im Kopf. Als Sultan Qaboos die Macht im Land übernahm,kam ich nach Oman zurück. Pro Jahr werden derzeit sieben bis zehngroße Dhaus in Handarbeit nach traditionellerArt gebaut. Das meiste Holz kommt aus Indien, wir nutzen hauptsächlich Teakholz. Wir beschäftigen 20 Arbeiter, aber wenn mehr Aufträge zu erledigen sind, können wir die Zahl der Arbeiter verdoppeln. Die größte Dhau haben wir für Sultan Qaboos gebaut, die derzeit im Bau befindlichen Dhaus sind Auftragsarbeiten für Qatar". Saleh schließt den Ausstellungs- und Verkaufsladen auf. Den Innenraum dominiert ein Riesenfoto der Dhau für Sultan Qaboos."Die Modelldhaus sind sehr beliebt bei Ministerien und den Botschaften Omans im Ausland", erklärt Saleh die Vielfalt der Schiffsmodelle. Unweit der Werft befindet sich ein großes, gelbes Gebäude: das zukünftige Museum von Sur. Die Attraktion auf dem Außengelände ist schon aufgestellt: Eine große, authentische Dhau, die 1951 von zehn Arbeitern in Sur gebaut worden und hier bis 1975 stationiert war. Ein weiteres Besichtigungsziel ist das Sunaysilah Castle, eine mächtige,sehr schön renovierte Burg am Rande der Stadt mit schöner Aussicht auf die größte Moschee von Sur, die modernen Teile der Stadt und das Meer.
Text und Fotos: Barbara Schumacher