Kuwaits Wirtschaft aus dem Dornröschenschlaf erwacht
Zu hohe Dominanz des Staates im Wirtschaftsleben - Gesundheitssektor bleibt Sorgenkind - Gute Wirtschaftsbeziehungen mit Deutschland - Infrastruktur bedarf auf fast allen Gebieten erheblicher Investitionen - Hohe verdeckte Arbeitslosigkeit
Donnerstag, 21. Juli 2011
Wenn das kuwaitische Wirtschaftsleben so gut entwickelt wäre wie die bilateralen wirtschaftlichen Beziehungen mit Deutschland, könnte man dem am Persischen Golf liegenden Scheichtum ein hervorragendes Prädikat geben. Der im Vergleich zu seinen Nachbarn Irak und Saudi-Arabien geradezu winzige (17.818 km²) "Staat Kuwait" - so die offizielle Bezeichnung des ehemaligen britischen Protektorats (bis zum 19. Juli 1961) - verfügt mit seinen riesigen Öl- und Gasfeldern unter seiner flachen Landschaft noch über äußerst ergiebige Ressourcen, muss sich jedoch ohne weitere zeitliche Verzögerung in fast allen Bereichen der nationalen Infrastruktur gewaltig umstellen, um den Anschluss an die dynamische Entwicklung der anderen Golfstaaten zu schaffen. Vor allem sind umfangreiche Investitionen in den beiden Schlüsselindustrien Öl und Gas sowie in der Petrochemie ebenso notwendig wie im gesamten Gesundheitssektor. Hier wurden trotz einer grundsätzlich marktwirtschaftlichen Orientierung dringend notwendige Projekte jahrzehntelang verzögert, weil der Staat und die verstaatlichte Ölindustrie das gesamte Wirtschaftssystem noch immer dominieren. Eine baldige Umstrukturierung ist unverzichtbar, zumal die nachgewiesenen Ölreserven von rund 102 Milliarden Barrel einschließlich der 2,5 Milliarden Barrel im kuwaitischen Teil der neutralen Zone (mit Saudi-Arabien) nach heutigem Förderniveau nur noch für etwa 42 Jahre reichen. Immerhin basiert Kuwaits Wirtschaftskraft mit ungefähr 93 Prozent der Gesamtexporte im Jahr 2009 auf diesem Sektor. Nach jüngsten Berechnungen liegt das Scheichtum mit einem Anteil von 8,2 Prozent der weltweiten Ölreserven hinter Saudi-Arabien, Kanada, Iran und Irak auf dem 5. Platz.
Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) lag 2009 bei 98,4 Milliarden US-Dollar (USD), wuchs 2010 auf geschätzte 117,3 Milliarden und soll in diesem Jahr vorsichtigen Prognosen zufolge auf 127,8 Milliarden USD ansteigen. Das BIP pro Kopf lag im Jahr 2010 bei geschätzten 32.530 USD (2,3 Prozent reales Wachstum), war jedoch mit Blick auf das reale BIP-Wachstum 2009 im Vergleich zum Jahr davor mit 27.835 Mrd. USD sogar negativ (- 4,8 Prozent); es soll nach vorsichtigen Schätzungen für 2011 mit 34.743 Mrd. USD um 4,4 Prozent zulegen. Die Inflationsrate wird nach 4,0 Prozent (2009) und 4,1 Prozent (geschätzt für 2010) mit nur 3,6 Prozent für das laufende Jahr prognostiziert.
Die Arbeitslosigkeit liegt in den letzten drei Jahren offiziell bei gleichbleibend 1,6 Prozent, ist real allerdings erheblich höher; denn es gibt eine hohe verdeckte Arbeitslosigkeit durch eine überproportionale Beschäftigung im öffentlichen Sektor, wo wegen der staatlichen Beschäftigungsgarantie für alle kuwaitischen Staatsangehörigen mehr als 90 Prozent aller Arbeitskräfte tätig sind. Die fortschrittlichen Kräfte in Kuwait haben angesichts dieser volkswirtschaftlichen Gesamtlage inzwischen die Notwendigkeit erkannt, diese Überkapazitäten schnellstens abbauen zu müssen und den Privatsektor massiv zu stärken, doch die Privatisierung läuft noch immer viel zu schleppend. Zudem hat der Ölreichtum Arbeiter aus Südasien und aus anderen arabischen Ländern zu Tausenden angelockt, was dazu geführt hat, dass kuwaitischen Staatsbürger in dem wichtigsten Wirtschaftssektor kaum präsent sind.
Die große Abhängigkeit von ausländischen Fachkräften, allerdings auch von Nahrungsmitteln und Rohmaterialien, ist ein weiteres großes Hindernis für eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung des Landes. Neben den sehr wertvollen Erdgasvorkommen verfügt Kuwait über eine nennenswerte Dattel- und Fischwirtschaft sowie über Ammoniak und einige Chemikalien. Doch darin erschöpft sich fast schon der sonstige Reichtum des Landes. Bei allem dürfen jedoch die negativen Aus- und Nachwirkungen des ersten Golfkriegs nicht übersehen werden. Im Jahr 1990 drang der Irak in das Land ein und erklärte es zu seiner 19. Provinz. Eine US-geführte Truppenallianz mit UN-Mandat eroberte vor nunmehr 20 Jahren Kuwait 1991 zurück und leitete damit gewissermaßen die jüngste Etappe der Unabhängigkeit ein, die die kuwaitische Geschichtsschreibung bis in das Jahr 1710 zurückverlegt. Viele tausend Hektar kultivierbares Land wurden durch den Golfkrieg zerstört; Flora und Fauna des Meeres wurden stark geschädigt.
Investitionsklima für Ausländer noch immer wenig einladend
Nach wie vor liegen die Hürden für ausländische Investoren viel zu hoch. Zwar gibt es ein neues Investitionsgesetz, das Auslandsinvestitionen grundsätzlich gestattet, aber es verbietet nach wie vor ausländische Direktinvestitionen im Öl-Sektor - hier sind nur Consulting-Leistungen erlaubt - sowie etwa im Versicherungswesen. Ein weiteres großes Hindernis sind die Verbote von Grundbesitz und Investitionen im Immobiliensektor für alle Ausländer, die nicht einem der GCC-Staaten (Golf-Kooperationsrat) angehören. GCC-Mitglieder sind Bahrain, Katar, Kuwait, Oman, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) mit Riad als Sitz dieser Organisation.
Neuerliche Initiativen auf anderen Gebieten lassen indes hoffen. So hat die Kuwait Petroleum Corporation (KPC) einen neuen Versuch unternommen, das kuwaitische Energieprogramm wieder anzukurbeln. Die KPC-Planung sieht vor, in den kommenden fünf Jahren etwa 90 Milliarden US-Dollar für Öl- und Gasprojekte bereit zu stellen. Dabei geht es insbesondere um die Förderung neuer Öl- und Gasfelder und den Bau neuer Raffinerien. Diese Pläne sind keineswegs neu, doch haben sich Regierung und Parlament seit mehr als zehn Jahren gegenseitig blockiert und deshalb hierfür keine Genehmigungen erteilt. Daneben ist die alte Vision der "Silk City" endlich durch einen neu zu erarbeitenden Masterplan ersetzt worden, um mit einem neuen Stadtentwicklungsplan dem gesamten Wirtschaftsleben neuen Schwung zu verleihen. Die Regierung plant, bis zum Jahr 2013 etwa 10,8 Milliarden US-Dollar für die Verbesserung der Infrastruktur auszugeben. Da es in Kuwait keine nennenswerte Industrieproduktion gibt, ist das Land extrem importabhängig.
Umfangreiche Investitionen im Gesundheitswesen
Mit Milliarden-Investitionen will Kuwait den Gesundheitssektor grundlegend verbessern. Teilweise bereits im Bau sind nach den Regierungsplänen neun neue Krankenhäuser mit einem geplanten Investitionsvolumen von knapp sechs Milliarden US-Dollar. Während der letzten zwei Jahrzehnte wurde im Scheichtum kein neues staatliches Krankenhaus mehr gebaut. Außerdem sollen medizinische Infrastrukturen verbessert und die Zahl der Bettenkapazitäten in Kliniken für 173,7 Mio. USD mehr als verdoppelt werden. Gerade für mittelständische deutsche Unternehmen gibt es hier sehr interessante Geschäftsmöglichkeiten. Kuwait hat trotz der Rück -schläge nach dem Golfkrieg ein weitgehend zufriedenstellendes Basisangebot in der Gesundheitsversorgung gehabt, das jedoch angesichts der immer älter werdenden Bevölkerung (rund 77 Jahre durchschnittliche Alterserwartung bei steigender Tendenz) und einem jahresdurchschnittlichen Bevölkerungswachstum von mindestens 2,5 Prozent dringend verbessert werden muss. Die Anzahl der Kuwaiter über 60 Jahre wird nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bis 2030 auf acht Prozent und bis 2050 sogar auf bis zu 25 Prozent steigen. Die WHO attestiert Kuwait ein signifikantes Defizit beim Gesundheitsmanagement. Zudem kommt der ganz überwiegende Teil der Ärzte und des Pflegepersonals, darunter 98 Prozent aller in Kuwait tätigen Krankenschwestern, aus dem Ausland. Der Anteil des Gesundheitsetats am kuwaitischen Gesamtbudget betrug zuletzt rund zehn Prozent. Insgesamt lässt sich bei aller Liebe sagen, dass die Mehrheit der Kuwaiter das wirklich harte Arbeiten auf den meisten Gebieten des Wirtschaftslebens wohl erst noch lernen muss.
Noch immer wendet der Staat gewaltige Summen auf, um kuwaitischen Patienten nebst der sie begleitenden Familienangehörigen einen Behandlungsaufenthalt im Ausland zu ermöglichen - dies besonders in den USA, Großbritannien und Deutschland. Im Staatshaushalt 2009/2010 waren dafür 463 Millionen US-Dollar eingeplant, wobei die tatsächlichen Ausgaben noch um einiges höher gelegen haben dürften. Erklärtes Ziel des Gesundheitsministeriums in der Landeshauptstadt Kuwait-City mit geschätzten 1,8 Millionen Einwohnern ist eine spürbare Reduzierung des so genannten Patienten-Tourismus ins Ausland. Die größten Krankheitsrisiken für die Kuwaiter liegen bei Kreislaufleiden, Krebs, Übergewicht und Diabetes. Schon heute sind Herz-Kreislaufkrankheiten die häufigste Todesursache unter den Kuwaitern. Mehr als zwei Fünftel sind schwer übergewichtig (Body Mass Index / BMI über 30), drei Viertel davon haben einen BMI von sogar 35. Fast ein Fünftel aller Kuwaiter leiden an Diabetes (in Europa nur 8,4 Prozent zum Vergleich). Der Mangel an ausreichender körperlicher Betätigung der einheimischen Bevölkerung sowie die zunehmend ungesunde Ernährung à la US-Erfahrung verschärfen die Lage zusätzlich. Teilweise noch hinter vorgehaltener Hand spricht man von einer künftigen Kostenbeteiligung der Kuwaiter am Gesundheitssystem. Ausländer bezahlen bereits jetzt wenigstens umgerechnet 125 Euro für den Abschluss einer Basis-Krankenversicherung pro Jahr. Eine Privatisierung der bestehenden staatlichen Strukturen wird immer lebhafter diskutiert.
Die für Kuwaiter kostenlose staatliche medizinische Grundversorgung wird durch das Angebot zahlreicher Privatkliniken ergänzt. Vor einem Jahr verfügte das Land über 26 Krankenhäuser, darunter 15 staatliche Krankenhäuser (mit 5614 Betten), drei von Ölfirmen finanzierte Kliniken (mit 193 Betten) sowie acht Privatkliniken (mit 687 Betten). Statistisch entfielen so etwas mehr als zwei Betten auf tausend Einwohner (2008 wurde die Einwohnerzahl auf 2.728.000 geschätzt, davon nur etwa 40 Prozent Kuwaiter). Anzumerken ist, dass die Zahl der Kuwaiter und nicht zuletzt auch der im Land tätigen Ausländer vermutlich noch deutlich über den hier genannten Werten liegen dürfte, da es seit der letzten offiziellen Volkszählung im Jahr 2005 keine verlässlichen Zahlen mehr gibt. Fachleute gehen inzwischen von deutlich mehr als 3 Millionen Gesamtbevölkerung im Scheichtum aus. Der Bau des Jaber al-Ahmed al-Sabah Krankenhauses mit 1268 Betten soll im Jahr 2013 abgeschlossen sein. Es soll das größte öffentliche Krankenhaus in der gesamten Region werden. Die anderen acht neuen Kliniken sollen über eine Bettenkapazität von 5350 verfügen und bis 2016 in Betrieb gehen, darunter ein Kinderkrankenhaus und eine Entbindungsklinik. Außerdem soll eine 600 Betten umfassende Universitätsklinik in Sahdiyah für rund 150 Millionen US-Dollar entstehen.
Bernd-Dieter Fridrich
Foto: In der Börse von Kuwait - Barbara Schumacher