SAUDI-ARABIEN: FORTSCHRITTE IM KÖNIGREICH
… meinen sogar hochrangige Mitglieder des
Königshauses. Der König muss einen Balanceakt
vollbringen: Vor dem Hintergrund der Umwälzungen
in der Arabischen Welt gilt es einerseits den
historisch begründeten Ansprüchen der Religiös-
Konservativen zu folgen und andererseits dem
Verständnis für den wachsenden Druck der Jugend
und der Frauen Taten folgen zu lassen.
Freitag, 16. Dezember 2011
Viele Saudis erinnern sich an früher, als diemeisten der heute von ultrareligiösen Kreisen gemachten Vorschriften nicht galten:Die Frauen trugen bunte Kleider undkamen ohne Gesichtsschleier aus, vonGeschlechtertrennung war keine Rede,Frauen verkauften Waren auf den Märkten– heute protestieren die religiösen "Hüterder Moral", wenn eine SupermarktketteFrauen als Kassiererinnen beschäftigenwill. Die Regierung hält sich zurück undüberlässt das Schlachtfeld der Presse, diedie Missstände ganz offen anprangert. Und die Frauen selbst? Die Zahl ausgezeichnetausgebildeter Hochschulabsolventinnensteigt stetig, ebenso die Zahlder Unternehmerinnen. Und die kämpfenintelligent für ihre Rechte und habenerkannt, dass es nichts bringt, diese mitder Brechstange erzwingen zu wollen, wiedas jüngste Beispiel zum Thema derAbschaffung des absurden Autofahrverbots gezeigt hat. Klug werden intellektuelle Waffen eingesetzt: Mit der Macht derWorte, wie im Fall einer inzwischen international bekannt gewordenen Dichterin,oder mit einer gut begründeten und präzisenEingabe wie im Fall einer jungenUnternehmerin, die eine kleine Revolutionfür Unternehmerinnen erreichte. Seit langem steht das Erbrecht für Frauen in derKritik, und selbst da gibt es nun eineLösung des Problems.
Neue Erbrechtregelung für Frauen
Das alte Gesetz, das bisher für viele Ungerechtigkeiten beim wichtigen Erbrecht für Frauen sorgte, wurde abgeschafft. Das ab17. Juli 2011 geltende neue Gesetz "Mawarith",auf der Homepage des saudischen Justizministerium einsehbar, sieht vor,dass jeder, der das neue Erbrecht für Frauen nicht beachtet, mit Gefängnis and anderen Strafen rechnen muss. Wenn bisher bisher Väter, Mütter oder andere Familienmitglieder etwas zu vererben hatten, dannhaben Männer der Familie verhindert, dass weibliche Familienmitglieder etwas vom Erbe bekamen. Die Erbstreitigkeitsverfahren vor saudischen Gerichten, die von umihr Erbe betrogenen Frauen angestrengt wurden, waren in der Vergangenheitimmer zahlreicher geworden, denn die Zeiten, in denen Frauen offensichtliche Ungerechtigkeiten solcher Art klaglos hinnahmen,sind vorbei. Unterstützt wird dieVerbreitung der Informationen zu dem neuen Gesetz von der Industrie- und Handelskammerin Jeddah, denn bei vielen Erbstreitigkeiten geht es auch um Unternehmen,wie Adnan Mandourah, der Generalsekretär der Kammer, betont: "Absofort hat jede Frau, die Erbansprüche durchsetzen will, das Recht, vor Gericht zuziehen. Der Richter wird dann in seinem Urteil den männlichen Erben dazu verpflichten,den weiblichen Verwandten ihre rechtmäßigen Anteile zukommen zu lassen.Kommt er dieser Verpflichtung nicht nach, wird er bestraft. Das Programm "Mawarith" ist zum Wohle der Frauengestaltet und professionell erstellt, dennes hilft den Besuchern der Website des Ministeriums erst einmal die Rechtslagefestzustellen und dann den angebotenen Service zu nutzen, die eigenen Rechte zuverstehen, gegebenenfalls notwendige Maßnahmen zu ergreifen und somit Zeit und Mühe zu sparen".
Resolution 120 vonjunger Unternehmerin gekippt
Deena Al Faris ist gern auf Reisen - weltweit.In Europa trägt die junge, attraktiveFrau europäische Kleidung und offenes,langes, braunes Haar. Wegen ihresgepflegten Aussehens, ihres gewandten Auftretens und des perfekten Englisch fällt sie in einer Gruppe europäischer Geschäftsfrauen nicht auf, und niemand würde ahnen, dass sie aus Saudi-Arabienstammt. Deena ist CEO der Al Faris Groupof Industries in Dammam. Gründer und Eigentümer des erfolgreichen Mittelstandsbetriebs,zu der eine Störfarm undKaviarfabrik, sowie ein Stahlunternehmengehören, ist ihr Vater. Die Unterstützungihres Vaters, der ihr die beste Ausbildungermöglichte – sie machte u. a. Abschlüssein Betriebswirtschaft an der University ofOxford und in Internationalem Recht ander University of Westminster - und seineErmutigung, in den Familienbetrieb einzusteigen,fielen auf fruchtbaren Boden.Nach Ende ihrer Studien begann sie 2001,die akademischen Qualifikationen mit Praxiszu ergänzen und arbeitete sich hochvon der Praktikantin über die Leiterin Verkaufund Marketing, General Manager biszum CEO. Sie ist aktives Mitglied im Councilof Young Businesswomen unter derSchirmherrschaft der saudischen Industrie-und Handelskammer in Dammam. "Meine Familie ist für mich sehr wichtig,und ich freue mich über ständige Ermutigungdurch meinen Vater, der nie "nein" sagte, mir stets zuhörte und mir dann guteRatschläge gab und meinte: "Häng DeineDiplome nicht an die Wand, sondern nutze das Gelernte und gib es weiter". Auch mein Mann unterstützt mich sehr. Meine Familieist sicherlich ein Grund für meinen Erfolg". Deena kommt viel herum undkennt sich aus mit der Entwicklung des Unternehmerinnentums: "In Saudi-Arabienhaben Frauen lange Zeit nur solche Arbeiten angestrebt, die sich mit den Traditionenvereinbaren ließen, also wenigkreative Tätigkeiten, die oft auch nur in Richtung Hobby gingen. Vor allem wollte man keinerlei Risiken eingehen. Inzwischen haben sie jedoch erkannt, dass dieses Konzept einer Veränderung bedarf undman neue Betätigungsfelder entdecken muss, außerhalb Kosmetik, Mode, etc. Der König hat folgerichtig eine Resolutionbeim Handelsministerium erwirkt, dassFrauen Unternehmerinnen in jeder Branche werden können. Ein Hindernis blieb jedoch: bei allen unternehmerischenTätigkeiten brauchte eine Unternehmerineinen männlichen Partner als GeneralManager, der das Unternehmen nach Außen vertrat, denn Unternehmerinnen durften nicht öffentlich oder bei Behördenin Erscheinung treten, konnten sich alsonie selbst vertreten – dies ist in Resolution 120 festgehalten. Aber es ist nicht immerleicht, einen solchen Partner, dem man jazu 100 Prozent vertrauen muss, zu finden.Wir stellten ein zunehmendes Interessedes Königs an diesem Thema fest, er nutzteKonferenzen und Foren, sich entsprechendzu äußern. Also habe ich zusammen mit zwei Kolleginnen im Rahmen des Council of Young Businesswomen die"Gunst der Stunde" genutzt, beim Handelsministerium eine professionell gestaltete gestalteteEingabe gemacht und im März 2011erreicht, dass Resolution 120 offiziell aufgehoben wurde!" Auf die Frage nach Zukunftsplänen meint sie: "Im Rahmen der Aktivitäten unseres 2009 gegründeten Council of Young Businesswomen sind wirdabei, ein professionelles Netzwerk zuschaffen, neue Unternehmerinnen vorzustellen,eine Datenbank aufzubauen und Workshops über Unternehmerinnentum an High Schools und Universitäten abzuhalten".Die Situation auf dem Arbeitsmarkthat etwas Paradoxes: Einerseits gibtes 60.000 arbeitslose Akademikerinnen,andererseits sucht die stark wachsende Industrie in Saudi-Arabien junge Frauen als Mitarbeiterinnen und Führungskräfte, weil bekannt ist, dass die Frauen oft besser aus gebildet sind als die Männer. Wie ist das zu erklären? Dazu meint Deena: "Das ist ein schwieriges, eher kulturelles Problem,das mit Sicherheit in der nächsten Generation keine Rolle mehr spielen wird:viele Bereiche in der Arbeitswelt werden immer noch, sowohl von Hochschulabsolventinnen als auch von Nicht-Akademikerinnen,als Männerdomäne angesehen. In meinem Betrieb konnte ich Stellen für Fisch- und Kaviar-Verarbeiterinnen nur mit Praktikantinnen besetzen. Mir blieb damals nur übrig, mit gutem Beispiel voranzugehen und diese Arbeiten selbst zuerledigen".
Die Macht der Worte
Seit einigen Jahren gibt es in Abu Dhabiden jährlichen Dichterwettbewerb "Million’sPoet", an dem Poeten aus der gesamten arabischen Welt teilnehmen.Es gibt eine strenge Jury, einen mehrwöchigen Auswahlprozess, der im Fernsehen zu sehen ist, und es sind bestimmte Regeln einzuhalten. Das Interesse ist riesig,denn der Gewinner geht mit einem Preisgeld von über einer Million US-Dollar nach Hause. Als Hissa Hilal Al-Malihan imvorigen Jahr bei dem in der ganzen arabischenWelt an den Fernsehbildschirmenverfolgten Wettbewerb, produziert von Abu Dhabi TV, live ihr 15 Strophen langes Gedicht "Das Chaos der Fatwas" vortrug,hielten die Zuschauer im Saal und Millionenan den Bildschirmen den Atem an.Hier stand eine voll verschleierte, zierlichesaudische Frau in schwarzer Abayaund Niqab (selbst die Augen waren kaum zu sehen) und wetterte gestenreich im Rhythmus traditioneller Nabati- Beduinenpoesie über "religiöse Hardliner in Saudi-Arabien, die die Menschen terrorisieren".Dem großen Applaus des Fernsehpublikums in Abu Dhabi folgten Morddrohungen religiöser Fanatiker in Saudi-Arabien, und vielleicht ist es der Tatsache, dass sie schließlich nicht den ersten, sondern den dritten Platz bekam,zu verdanken, dass sie heute noch lebt.Inzwischen ist sie in der arabischen Weltberühmt. Ihre Familie gehört zum Malihan-Stamm im Nordwesten Saudi-Arabiens,nahe Jordanien. Ihre Jugend war vom Beduinenleben geprägt, heute lebt sie mit Ehemann, ebenfalls beduinischer Herkunft, der sie sehr unterstützt, und vier Kindern in Riyadh. Mit zwölf Jahren schrieb sie bereits heimlich Gedichte, vond enen ihre Eltern erst erfuhren, als der erste Gedichtband erschien. "Beduinenfrauen drückten früher ihre Forderung nach Scheidung in Gedichtform aus, deshalb waren Gedichte nicht nur eine kulturelle Ausdrucksform, sondern spielten eine konkrete Rolle in der Beziehung der Geschlechter. Um diese Traditionen festzuhalten festzuhalten,habe ich alte Gedichte von 50 Beduinenfrauen verschiedener Stämme gesammelt. Die ältesten Gedichte sind 200 Jahre alt. Sie sind Ausdruck einer Freiheit,die es heute nicht mehr gibt." Die High School besuchte Hissa Hilal in Bahrain,dort lernte sie zum ersten Mal Werke von Schriftstellern wie Charles Dickens und Ernest Hemingway kennen.Leider konnte ihr ihre Familie den sehnlichsten Wunsch eines Studiums der englischen Literatur aus finanziellen Gründen nicht ermöglichen. Sie hatte sogar schon einen Studienplatz, konnte das Studium jedoch nicht aufnehmen.Die Enttäuschung darüber sitzt heute noch tief, und sie hofft immer noch auf ein Studium und Reisen nach Europa und in die USA. Hissa Hilal arbeitete als Redakteurin und Korrespondentin für verschiedene Zeitungen und Magazine in Saudi-Arabien und anderen Golfstaaten. "Meine Gedichte waren schon immer hoch kontrovers.Es gibt hunderte von saudischen Dichterinnen. Wir sind erst am Anfang,und es sind noch großartige Überraschungen von Saudischen Frauen zuerwarten". Im Anschluss an eine Lesung aus ihrem neuesten Gedichtband "Tanweer"(Erleuchtung) bei der Internationalen Buchmesse in Abu Dhabi im März 2011 gesteht sie in fließendem Englisch:"Der dritte Preis beim Dichterwettbewerb hat mein Leben verändert: mit dem Preisgeldin Höhe von 800.000 US-Dollarkonnte ich für die Familie ein Haus kaufen– wir hatten vorher in einer Mietwohnunggewohnt - und für meine kranke Tochter die teure medizinische Behandlung in einer Spezialklinik bezahlen. Regelmäßige Einkünfte habe ich durch den Verkauf mehrerer neuer Gedichtbände, um die sich die Verleger geradezu reißen."
Text und Fotos: Barbara Schumacher